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Theaterchefs über Pandemie-Regeln: "Komplettes Politikversagen" | BR24

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Das größte bayerische Unterhaltungstheater wird bis zum Sommer 2021 keine Shows und Musicals anbieten können. Die rechnen sich bei einer Höchstgrenze von 200 Zuschauern nicht. Dabei gebe es "keine besser kontrollierten" Bereiche als die Theater.

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Theaterchefs über Pandemie-Regeln: "Komplettes Politikversagen"

Das größte bayerische Unterhaltungstheater wird bis zum Sommer 2021 keine Shows und Musicals anbieten können. Die rechnen sich bei einer Höchstgrenze von 200 Zuschauern nicht. Dabei gebe es "keine besser kontrollierten" Bereiche als die Theater.

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Dieses Konzert auf der großen Bühne des Deutschen Theaters in München dürfte für längere Zeit das letzte gewesen sein: Die zehnköpfige Münchner Band "Tommy Who" spielte gestern Abend Songs der gleichnamigen britischen Band, sang vom Aufstieg und Niedergang des genialen Flipper-Spielers Tommy, unvergessen seit der legendären Rockoper von 1969. Alles für einen guten Zweck, ein Benefiz. Doch viel Geld kam nicht rein, der Saal war natürlich nur sehr spärlich besetzt, ganze Reihen notgedrungen frei.

"Das ist wirklich bitter"

Und jetzt wurde auch noch die wichtigste Produktion des Jahres abgesagt: "Der Schuh des Manitu", ein Musical nach dem Erfolgsfilm, das bis Januar das Haus füllen sollte. Dafür hätte das Deutsche Theater aber mindestens gut vierhundert Plätze pro Vorstellung verkaufen müssen, und die aktuelle Obergrenze bleibt bekanntlich bei 200 Zuschauern, von wenigen Ausnahmen abgesehen, darunter die Bayerische Staatsoper. Geschäftsführerin Carmen Bayer vom Deutschen Theater ist entsprechend enttäuscht, spricht sogar von einem Skandal: "Wir müssen jetzt etwa einhundert Mitarbeitern, Darstellern, Technikern absagen und ihnen mitteilen, dass sie jetzt die nächsten drei Monate arbeitslos sind. Das ist wirklich bitter! Wir haben angefangen von den Salzburger Festspielen, bis zu den ganzen Tests, die gemacht wurden, gezeigt, dass das Infektionsgeschehen definitiv nicht im Kulturbereich stattfindet. Und man fragt sich, was denn noch weiter getestet werden, was noch weiter vorgelegt werden soll, wie viel gute Ergebnisse es noch geben soll, bis es endlich Lockerungen gibt."

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"Tommy Who" aus München beim Benefiz

So, wie es aussieht, wird das Deutsche Theater frühestens ab Juni nächsten Jahres wieder normale Vorstellungen anbieten können, bis dahin sollen gelegentlich Kleinkünstler, Kabarettisten, kleine Bands auftreten, anders rechnet sich das große Haus nicht bei nur maximal 200 Zuschauern. Geschäftsführer Werner Steer ist auch deshalb sauer, weil für das Salzburger Landestheater, das den "Schuh des Manitu" mitproduziert, die Regeln sehr viel lockerer sind: "In dem Fall müssen wir wirklich von einem kompletten Politikversagen reden, das sehe ich ganz einfach so. In Salzburg haben vierzig Leute vier Wochen lang geprobt, gemacht, getan. In Salzburg ist es möglich, dass man auf der Bühne Theater spielt, Musical macht. Wir werden auf jeden Fall durchkommen, aber es ist schade, dass wir unsere Rücklagen für Sachen verwenden, die dafür nicht vorgesehen sind."

Private Veranstalter brauchen 70 Prozent Auslastung

Weil auch sämtliche deutschen Musical-Produzenten derzeit keine Neu- und Tourneeproduktionen anbieten können, wird das Deutsche Theater auf absehbare Zeit Schwierigkeiten haben, seinen Spielplan zu füllen. Einer der Großen in der Branche ist der Bayreuther Unternehmer Dieter Semmelmann, und ihm hilft selbst eine Anhebung der Obergrenze auf 400 oder 500 Zuschauer kaum. Er verlangt stattdessen mehr Flexibilität: "Wir als kommerzielle Veranstalter haben das Problem, dass wir mit einer Auslastung von 20 oder 25 Prozent nicht arbeiten können. Das ist einfach unsere große Schwierigkeit. Wir haben unsere Kalkulation ausgerichtet auf mindestens siebzig, achtzig Prozent, wo bei diesen großen Konzerten der Break-Even ist. Wir Veranstalter können das, wir sind leidgeprüft. Wir haben uns innerhalb von Wochen auf den Terror eingestellt. Ich habe wirklich das Gefühl, dass die politisch Verantwortlichen sich nicht bewusst sind, was sie hier anrichten."

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Viele Sitze, wenig Zuschauer

Noch kann das Deutsche Theater seine Miete bezahlen, doch das Haus sei jetzt, wo über Monate hinweg nicht gespielt werden kann, natürlich sehr viel weniger wert, so Geschäftsführerin Carmen Bayer. Deshalb will sie für das kommende Jahr bei der Stadt München eine umsatzabhängige Miete durchsetzen. Ihr ist es ein Rätsel, warum die Politik mit den Kulturschaffenden, was die Abstände und Höchstgrenzen betrifft, rigider umgeht als mit Bus, Bahn und Fluggesellschaften - wo ja jeder Sitzplatz belegt werden darf.

"Sind wir zu leise oder zu lieb?"

Und das, so Bayer, wo Menschen teilweise reisen müssen, während sie ins Theater grundsätzlich freiwillig gingen: "Sind wir zu leise, sind wir zu lieb, bieten wir noch zuviel an? Ich kann es wirklich überhaupt nicht verstehen, weil wir alle in diesem Bereich arbeiten und gewohnt sind, mit Einschränkungen zu leben. Als es um Terror ging, hat man die Rucksäcke kontrolliert, hat man dies und jenes abgeben müssen, hat man seine ganze Infrastruktur neu gestaltet. Jetzt ist es so, dass wir gezeigt haben, dass wir mit den Hygiene-Konzepten bestens umgehen können. Alle haben personalisierte Tickets, wir wissen, wo die Leute sitzen, da kann niemand eine falsche Angabe machen. Einen besser organisierten und kontrollierten Bereich gibt es ja gar nicht!"

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Rocken für einen guten Zweck

Eine bittere Ironie, dass ausgerechnet in einem Haus, das eigentlich gute Laune produzieren soll, eine Mischung aus Wut und Ohnmachtsgefühl dominiert - bei den wenigen, die überhaupt noch dort arbeiten dürfen, also bei der Notbesetzung. Kein Wunder, dass auch über dem zweistündigen Auftritt von "Tommy Who" bei aller Lautstärke etwas Schwermut lag. So still und leise geht es sonst bei Rockkonzerten jedenfalls nicht zu, aber die Pandemie verbietet ja laute Rufe, wildes Tanzen und sogar ausgelassenes Lachen. Insofern war es nicht nur eine ohren-, sondern auch eine seelenbetäubende Angelegenheit.

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