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Florian Gerteis spielt vor hunderten Menschen Theater – live aus seinem Augsburger WG-Zimmer. Als Teil eines jungen Teams bringt er Goethes "Werther" ins Netz. Das heißt: Gefühlsergüsse auf Social Media statt per Brief. Das Ergebnis ist erstaunlich.

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Theaterauftritt im Homeoffice: Mit Goethes Werther auf Zoom

Florian Gerteis spielt vor Hunderten Menschen Theater – live aus seinem Augsburger WG-Zimmer. Als Teil eines jungen Teams bringt er Goethes "Werther" ins Netz. Das heißt: Gefühlsergüsse auf Social Media statt per Brief. Das Ergebnis ist erstaunlich.

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  • Lea Utz

Florian Gerteis legt den Kopf in den Nacken und atmet noch einmal tief durch. In wenigen Sekunden beginnt die Vorstellung. Der Augsburger Schauspieler kennt diese angespannte Stille, kurz bevor sich der Vorhang hebt. Normalerweise wartet Gerteis dann hinter der Bühne auf seinen Auftritt. Doch an diesem Abend sitzt er in seinem WG-Zimmer am Schreibtisch, vor sich ein Tablet und zwei Laptops.

Ein Briefroman als Social Media-Performance

Der Grund: Das junge Theaterkollektiv "punktlive" hat Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" in eine Social Media-Performance verwandelt. Florian Gerteis spielt deshalb auf Zoom, WhatsApp und Instagram statt auf der Bühne.

Die erste Szene. Gerteis schlüpft in die Rolle von Wilhelm, Werthers bestem Freund. Auf dem Tablet-Bildschirm erscheint sein Kollege Jonny Hoff, der den Werther spielt. Mehr als 500 Zuschauer verfolgen per Livestream, wie die beiden im Videochat die Pointen abfeuern: Sturm und Drang in der Sprache der Gegenwart. Viel ist improvisiert.

Zoom-Date statt Spaziergang im Wald

Vor der Webcam zu spielen ohne direkten Kontakt zum Publikum war für Gerteis, der normalerweise am Augsburger Staatstheater spielt, eine Umstellung. "Das hat mir am Anfang total viel ausgemacht, so wie es mir am Anfang total schwerfiel, in meinem privaten Zimmer zu spielen", erzählt er. Damit sich Privatraum und Kunstraum nicht allzu sehr vermischen, hat das Team um Regisseurin Cosmea Spelleken die Szenenbilder sorgfältig eingerichtet: Im Hintergrund ist nur zu sehen, was auch zu sehen sein soll.

Das Publikum erlebt das Stück aus Werthers Perspektive. Es sieht ausschließlich seinen Desktop mit den Chatfenstern, die er parallel geöffnet hat. Statt wie in der berühmten Romanvorlage mit Lotte durch den Wald zu spazieren, verabredet sich Werther mit ihr auf ein Zoom-Date. Aber wie bei Goethe gilt: "Beziehungsstatus: kompliziert", denn Lotte hat einen Freund. Immer verzweifelter stalkt Werther ihr Instagram-Profil.

Die Zuschauer können mit den Figuren chatten

Hinter den Kulissen ploppen auf dem Handy von Florian Gerteis derweil immer wieder kurze Regieanweisungen auf. Zwischen den Szenen hat der Schauspieler viel zu tun: Er schickt improvisierte Sprachnachrichten an Werther oder setzt Posts auf dem Instagram-Profil seiner Figur ab, das eigens für das Stück erstellt wurde.

Auch die Zuschauer können während der Vorstellung mit den Figuren chatten. "Da finden die witzigsten Unterhaltungen statt", sagt Gerteis. Außerdem muss er das "Bühnenbild" umbauen: Für seine nächste Zoom-Szene bringt er eine Stehlampe in Stellung und verstreut Klamotten auf dem Fußboden.

Netztheater - gekommen, um zu bleiben?

Die Idee, ein Theaterstück ins Netz zu verlegen, ist nicht neu. Aber selten wird sie so konsequent umgesetzt. "werther.live" glänzt damit, dass es sich eben nicht anfühlt wie ein pandemiebedingtes Ersatzprodukt: Durch die kluge Bildsprache und den intimen Blick in Werthers Chat-Nachrichten entwickelt das Stück seinen ganz eigenen Sog. Damit hat das Kollektiv den Deutschen Multimediapreis mb21 gewonnen. "Ich bin überzeugt, dass es auch nach Corona tolle Chancen gibt für solche Formate", sagt die Regisseurin Cosmea Spelleken.

Im Augsburger WG-Zimmer von Florian Gerteis fällt nach fast zwei Stunden der virtuelle Vorhang. "Es war sehr schön, es ist immer sehr aufregend und immer sehr anders", sagt er. Noch mindestens zweimal spielt er Theater im Homeoffice: Am 23. Juni und am 4. Juli.

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