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"Kein Kläger" zeigt, wie braun die Justiz der Nachkriegszeit war | BR24

© Bayern 2

Jubelnde Neonazis bei der Urteilsverkündung im NSU Prozess am 11.7. 2018 brachten Regisseurin Christiane Mudra dazu, die Anfänge der Bundesdeutschen Jusitz zu untersuchen. In ihrer Performance "Kein Kläger" zeigt sie erschreckende Kontinuitäten.

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"Kein Kläger" zeigt, wie braun die Justiz der Nachkriegszeit war

Zum dritten Mal beschäftigt sich die Regisseurin Christiane Mudra in einem Theaterprojekt mit Rechtsextremismus in Deutschland. Ihre neueste Performance zeichnet nach, wie viel Einfluss frühere NS-Juristen auch in der Bundesrepublik noch hatten.

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Welche Rolle spielte und spielt die Justiz in Deutschland, wenn es darum geht, rechtsextreme und antisemitische Verbrechen zu ahnden und zu bestrafen? Um diese historische, vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen aber auch sehr gegenwärtige Frage kreist das Theaterprojekt "Kein Kläger". Dahinter steht die Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Christiane Mudra. Joana Ortmann hat mit ihr gesprochen.

Joana Ortmann: "Kein Kläger" ist der letzte Teil Ihrer Performance-Trilogie zum Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus. Diesmal nehmen Sie die Juristen in den Blick, Frau Mudra. Wie ist da das Verhältnis von Geschichte und Gegenwart?

Christiane Mudra: Also das Übergewicht hat in dieser Produktion schon die Vergangenheit. Aber wir benutzen die Vergangenheit ja eigentlich nur, um für die Zukunft zu lernen. Für mich war es sehr schockierend zu erfahren, dass tatsächlich kein Richter und kein Staatsanwalt von einem deutschen Gericht rechtskräftig verurteilt wurde.

Sie haben ein Jahr lang für dieses Thema recherchiert. Hat Sie diese Tatsache überrascht?

Die Dimension insgesamt hat mich tatsächlich überrascht, insbesondere, dass viele NS-Juristen nach 1949 wieder in führende Positionen an deutsche Gerichte gekommen sind und damit auch den Geist dieser Gerichte geprägt haben. Aber sie sind auch an Universitäten gelandet wie zum Beispiel hier in München Theodor Maunz. Bis heute steht sein Name auf dem Grundgesetz-Kommentar aller Juristen. Theodor Maunz hat zwischen 1933 und 1945 die Führer-Gewalt im NS-Staat akademisch begründet, hat den Gleichheitsgrundsatz aufgespalten in die Gleichheit für "artgleiche" und "artfremde Volksgenossen" und sich lustig gemacht über die Gewaltenteilung. Und genau dieser Mann hat dann am Grundgesetz-Konvent in Herrenchiemsee teilgenommen, war bayerischer Kultusminister und ging dann wieder zurück an die LMU. Und nach seinem Tod 1993 kam raus, dass er sowohl den DVU-Vorsitzenden Gerhard Frey juristisch beraten hat als auch anonym für die National-Zeitung geschrieben hat.

Bei dem Theaterstück, das aus diesen Recherchen entstanden ist, können die Zuschauer interaktiv mitmachen – wie geht das?

Die Schauspieler spielen Szenen an Originalschauplätzen in München, und da war schon bei den Proben ganz interessant zu sehen: Was passiert denn, wenn wir so ein Stück auf der Straße spielen? Es gibt viele Leute, die stehenbleiben, zuhören und sogar eine Weile mitlaufen. Wir haben auch eine App dazu, in der den Zuschauern Fragen gestellt werden und in der sie Zusatzinformationen über die Schauplätze bekommen. Und ich habe im letzten Jahr insgesamt zehn Zeitzeugen gefilmt und interviewt, und über Tablets werden diese Menschen als Augmented Reality im Stadtraum sichtbar, also sie tauchen vor der realen Kulisse auf und die Zuschauer können ihren Geschichten lauschen.

Das heißt, die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen …

Es gibt dabei aber Motive, die sich durchziehen. Zum Beispiel die Einzeltäter-Theorie. Das ist ja seit dem Oktoberfest-Attentat ein Schlagwort. Beim NSU-Prozess hatten wir das zum Beispiel auch wieder. Ich würde ein Stück weitergehen und sagen: Einzeltäter in der rechtsextremistischen Szene gibt es per se nicht. Die sind alle vernetzt. Das können wir jetzt endlich mal so benennen. Und was mich bei der Produktion des Stücks schon erstaunt hat, war, dass diese Einzeltäter-Theorie eine sehr lange Tradition hat. Denn nach schon 1945 hieß es immer, na ja, da gab es ein paar Führungsfiguren und der Rest waren reine Befehlsempfänger. Und das ist natürlich ausgemachter Blödsinn. Es gab Leute, die mit eigener Entscheidungsgewalt Tausende von Menschen entweder ins Gas geschickt oder hingerichtet haben. Denen wurde jegliche Tatbeteiligung abgesprochen. Das war die Nachkriegsrechtsprechung und das ist wirklich sehr gruselig im Rückblick.

Die Uraufführung Ihrer Perfomance ist am Jahrestag des NSU-Urteils …

Ja, ich war an diesem Tag, dem 11. Juli letzten Jahres, im Gericht, und ich muss sagen: Diese Erfahrung war traumatisch, und zwar nicht nur für mich, sondern vor allem für die Hinterbliebenen der Opfer. Nach Verkündung der milden Strafen erhoben sich applaudierend die Neonazis im Publikum. So etwas im Jahr 2018 in München zu erleben! Dafür finde ich eigentlich keine Worte. Dieser Prozess endete mit den weinenden Hinterbliebenen und den applaudierenden Neonazis und ich denke, diese Entscheidung war einfach fatal. Wenige Wochen danach gab es die Ausschreitungen in Chemnitz. Und ab da hat sich der Terror von rechts auch auf eine andere Art und Weise in der Gesellschaft sichtbar gemacht. Das ist sehr bitter.

Wie haben Sie diese Bitterkeit für Ihre Performance konstruktiv genutzt?

Mir ist es sehr wichtig, dass die Leute darüber nachdenken, wie es um die so wichtige Rolle der Judikative in unserem Rechtsstaat bestellt ist. Wir haben eigentlich das Grundgesetz als Lehre aus der NS-Zeit, und die Judikative erfüllt gleichzeitig mehrere wichtige Funktionen, und eine wichtige Funktion ist die Prävention und der Schutz potenzieller Opfer. Da muss etwas dafür getan werden, dass Strafverfolgung und Ermittlungsarbeit sehr viel früher beginnen. Es sind immer wieder Kontinuitäten in dieser Terrorszene erkennbar. Und wenn Journalisten da mehr rauskriegen als Sicherheitsbehörden, dann läuft irgendwas gewaltig schief.

NS-Juristen und ihre Nachkriegskarrieren : Ein interaktives Game im Stadtraum München mit Zeitzeugnissen und Schauspielern. Uraufführung am 11. Juli 2019 . weitere Vorstellungen 12.-14., 17.-19. und 21. Juli 2019 um 19.30 Uhr

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