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Auch Feministinnen können Terror | BR24

© Bayern 2

Rigorose Feministinnen machen Männer und Frauen in Umerziehungslagern fit für eine neue Welt ohne sexuelle Gewalt. Armin Petras hat im Staatsschauspiel Nürnberg: "Eine kurze Geschichte der Bewegung" nach Petra Hůlová uraufgeführt.

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Auch Feministinnen können Terror

Männer müssen ins Umerziehungslager – um fit zu werden für eine Welt ohne sexuelle Gewalt. Armin Petras hat in Nürnberg "Eine kurze Geschichte der Bewegung" nach Petra Hůlová inszeniert und liefert einen pessimistischen Blick auf die Gender-Debatte.

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Na, das kann ja heiter werden. In Zeiten von #Metoo und Equal Pay Day, von überkochenden Gender- und Sexismus-Debatten, in Zeiten, in denen Frauen noch einmal messerscharf ausholen zum Gegenschlag auf ein inzwischen peinlich gewordenes Patriarchat, ist "Eine kurze Geschichte der Bewegung" ein nur vermeintlich feministischer Text. Das Stück der tschechischen Erfolgsautorin Petra Hůlová ist vielmehr der literarische Versuch, darzustellen, wie rasant und gnadenlos sich so eine hübsche Utopie von der Gleichheit der Geschlechter wandeln kann in ihr Gegenteil, in neue Dominanzen und Unterdrückungsmechanismen, wie das Ideal eine dämonische Metamorphose zur Schreckensvision, zur Dystopie einer Diktatur vollzieht.

Feministische Terrorakte schaffen eine neue Welt

Wir befinden uns irgendwann in der nahen Zukunft eines Paradigmenwechsels, die "neue Welt" hat die "alte Männer-Welt" durch feministische Terrorakte abgelöst. New Yorks Skyline ist längst untergegangen und Stadt und Land sind in weltweit agierenden Instituten, ergo Umerziehungslagern fast vollständig unter der Kontrolle nicht eben zimperlich agierender Frauen, der "Bewegung" eben, die den Männern martialisch Biologie und Sexismus austreibt.

© Konrad Fersterer

Szene aus "Eine kurze Geschichte der Bewegung"

Mittels eines radikalen Umerziehungsprogramms sollen Männer von ihrem Testosteron gesteuerten Blick auf Frauen befreit und von den Werten innerer weiblicher Schönheit überzeugt werden. Durch Fotos von "reiferen" Frauen etwa. Wer die samt ihrer Genitalien nicht attraktiv genug findet, um zu ejakulieren, kriegt es mit nichts weniger als feministischer Folter zu tun.

Ein Stück mit stereotyper Botschaft

In Nürnberg inszeniert diese nur latent unheimliche Groteske Armin Petras, lange Zeit Leiter des Maxim Gorki Theaters in Berlin, später Schauspielchef in Stuttgart. Der Text kommt in Nürnberg multilingual zur Uraufführung, englisch, tschechisch, deutsch, auf Monitoren werden die Übersetzungen nicht immer simultan nachgereicht. Vier Protagonisten, zwei Frauen, zwei Männer in grauschwarzen Arbeitsanzügen, die mehr Uniformen gleichen. Die Bühne: ein dunkel ausgeschlagener karger Raum wie eine Folterkammer. Irgendwo eine lächerlich-lappige Stoffpuppe, an der die Männer den Sex mit Alten üben sollen, lebensgroß.

Deutlich betont Petras das Komödiantische des Textes zwischen Witz und Wahnsinn, die Poesie des Irrsinns, wenn etwa einer der beiden Probanden sich tatsächlich in den nach Knoblauch und Hering stinkenden weiblichen Folterer verliebt. Merkwürdig eigentlich, und vielleicht die interessanteste Überlegung des Abends: Es gibt kein weibliches Wort für Folterer.

Die Schreie der Männer werden nur synchron zu Videoprojektionen mehr assoziiert als illustriert. Und die Feministinnen wissen, auch die Frauen sind an der Dominanz der Männer nicht unschuldig. Es ist ein pessimistischer Blick auf das Absurde des Geschlechterkampfes. Trotz der vier wirklich formidablen Schauspieler springt der Funke des Abends allerdings nicht über. Vielleicht deshalb, weil die stereotype Message des Stücks von Anfang an einfach zu einleuchtend, zu superklar ist.

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