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Theater digital: "Das Netz ist auch ein Raum" | BR24

© Audio:BR/ Bild: dpa/picture-alliance

Das Netz kann auch ein Ort für Theater werden, für Begegnung mit Avataren, Schauspielern und Stellvertretern aller Art.

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Theater digital: "Das Netz ist auch ein Raum"

Abgefilmte Theateraufführungen sind – das zeigten die vergangenen Wochen – einsame Angelegenheiten. Theater im Netz kann mehr: Es schafft einen neuen Raum für Begegnung und Kommunikation. Ein Gespräch mit Kay Voges, Pionier des digitalen Theaters.

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Einerseits waren Künstler und Kulturschaffende in der Krise schnell und findig mit vielen digitalen Ansätzen präsent, andererseits zeigt sich erst allmählich, wie umfangreich dieser Prozess der Digitalisierung im Kulturbereich ist. Einer, der mit digitalen Formen im Theater schon viel Erfahrung hat, ist Kay Voges. Er war zuletzt Intendant in Dortmund und hat dort die Akademie für Theater und Digitalität ins Leben gerufen. Derzeit wechselt er ans Volkstheater Wien und will auch dieses, wie er sagt, zum "fortschrittlichsten Theater Österreichs" machen. Joana Ortmann hat mit Kay Voges über seine Ideen gesprochen.

Joana Ortmann: Eine Akademie für Theater und Digitalität: Was für ein Konzept steht dahinter?

Kay Voges: Es geht darum, neue Erzählweisen für das digitale Zeitalter zu kreieren. Also, zu fragen, was für Erzählstrukturen haben wir durch das Internet und beispielsweise auch durch Netflix gelernt? Und wie können wir mit Hilfe von ihnen der Komplexität unserer Gegenwart gerecht werden? Wo können wir technische Mittel dazu nutzen, um neue Erzählweisen zu kreieren? Und wo können wir über digitale Entwicklungen sprechen? Sei es über Big Data, über KI – und was das alles für gesellschaftliche Auswirkungen hat. In dem Sinne ist die "Akademie für Theater und Digitalität" ein Ort, an dem geforscht werden kann, wie mit technologischen Mitteln und Inhalten das Theater der Gegenwart bereichert werden kann.

© Herbert Neubauer /dpa picture alliance

Kay Voges, früher Intendant in Dortmund, wo er die Akademie für Theater und Digitalität

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Ja, etwa die Frage: Wie wird die Zukunft der Arbeit aussehen? Ist der Roboter der Feind des Menschen? Oder ist er vielleicht auch die Befreiung von der monotonen Arbeit? Wie kann man das künstlerisch debattieren? Und ist es nicht vielleicht möglich, mit einem Roboter zusammen ein Pas de deux zu tanzen? Wo liegt der Unterschied zwischen dem menschlichen und dem Roboter-Körper, der mit Sensoren ausgestattet ist, so dass er wirklich auf die anderen Tänzer reagieren kann? Das wäre zum Beispiel so eine Sache, die in der Akademie erforscht werden könnte, um diese Welt, die das Theater immer schon gewesen ist, die Welt zwischen Schein und Sein, in die Gegenwart zu holen.

In der Krise hat sich gezeigt, wie groß der Gap zwischen Mensch und Technik werden kann. Theater haben vor allem versucht, das fehlende gemeinsame Erlebnis mit Streams auszugleichen – aber Sie wollen mehr, oder?

Ja, Theater ist nicht einfach ein abgefilmter Text auf der heimischen Couch. Theater ist Kollektiv-Kunst, bei der die verschiedensten Kunstschaffenden gemeinsam etwas kreieren – Schauspieler, Kostümbildner, Bühnenbildner, Beleuchter, Regisseure. Alle zusammen kreieren gemeinsam einen Abend, und das macht Theater so einzigartig. Und das, was wir während des Lockdown oft sahen, waren sehr singuläre, einsame Veranstaltungen, und die kamen natürlich nicht ansatzweise an das heran, was eigentlich Theater in seiner Grundform ausmacht.

Das hieße, die Herausforderung besteht darin, das gemeinsame analog-digitale Erlebnis zu schaffen?

Ja, ich glaube, das Netz ist auch ein Raum, und Theater findet nun mal in Räumen statt, im Bühnenraum, auf der Straße oder eben im Netz. Aber dieses Theater findet nicht im Netz statt, nur weil man ein Theater in einem Theater abfilmt, sondern ich glaube, das hat eigene Regeln. Und die herauszufinden, ist eine aufregende Sache. Ich habe ein spannendes Projekt von Roman Senkl gesehen, der ein Theater so abgescannt hat, dass man fast wie in einem Videospiel dreidimensional als Avatar hindurchlaufen konnte. Man konnte zur Bühne gehen, dort standen wieder live abgescannte Schauspieler, die spielten. Man traf sich aber auch mit anderen Avataren, die durch diese virtuelle Welt liefen. Und da fand so etwas zwischen Gamification und einer Art von Stellvertretertum statt. Die Zuschauer und Schauspieler hatten jeweils Stellvertreter, und es gab gleichzeitig eine Ebene der Kommunikation, und da wurde auf einmal wieder ein kollektives Erlebnis spürbar. Und vielleicht ist das ein Ansatz, der eine Möglichkeit aufzeigt, wie Theater im Netz weitergedacht werden kann, ohne nur historische Aufnahmen vergangener Stücke zu präsentieren.

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