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"Requiem auf einen Wald": Das Theater des Anthropozän beginnt | BR24

© Bild: Tanja Ebbecke/ Audio Bayern 2

Illustrationen von Tanja Ebbecke: Theater des Anthropozän

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"Requiem auf einen Wald": Das Theater des Anthropozän beginnt

Der Mensch als Krone der Schöpfung, das war einmal. Das Anthropozän ist angebrochen, das Zeitalter, in dem der Mensch sich als Bedrohung der Schöpfung begreift. Wissenschaftler und Künstler gründen für die neue Epoche ein Theater. Ein Interview.

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Der Begriff kam erstmals um die letzte Jahrtausendwende auf. Mittlerweile hat er breiten Eingang in die Debatte um die Veränderungen unseres Planeten Erde gefunden. Die Rede ist vom Anthropozän als der Epoche, in der der Mensch zum entscheidenden Faktor in diesem Veränderungsprozess geworden ist. Diese Veränderungen sind – wenn man zum Beispiel das bedenkt, was Klimaforscher*innen prognostizieren – dramatisch. Nun gibt es eine, wenn man so will, dramatische Antwort darauf. In Berlin hat sich das Theater des Anthropozän gegründet. Im Tieranatomischen Theater der Humboldt Universität findet als dessen erste Vorstellung (am 7.3.2020) eine szenische Lesung unter dem Titel "Requiem für einen Wald" statt. Gegründet haben das Theater des Anthropozän die Präsidentin der Humboldt Universität Sabine Kunst, die Direktorin des Alfred-Wegner-Instituts für Polar und Meeresforschung Antje Boetius sowie der Dramaturg und Theatertheoretiker Frank Raddatz. Mit ihm hat Christoph Leibold über Anliegen und Pläne des "Theaters des Anthropozän" gesprochen

Christoph Leibold: Zentrale Idee Ihres "Theaters des Anthropozän" ist die Verzahnung von Kunst und Wissenschaft. Wieso tut die Not?

Frank Raddatz: Der Wunsch kam ganz stark von den Wissenschaftlern, weil sie Angst und Befürchtungen haben, dass ihre Ergebnisse nicht richtig kommuniziert werden. Deswegen brauchen sie Verstärkung und sind an das Theater oder die Kunst herangetreten. Ich hatte mit Antje Boetius länger darüber gesprochen, dass sie als Polarforscherin, die die tauende Arktis beobachtet, mit einer großen Anschaulichkeit drüber sprechen kann – das ist das eine. Aber wie man das dann eben weiter transportieren kann, auch in andere Gruppen hinein, die sich jetzt nicht unmittelbar für den wissenschaftlichen Diskurs interessieren, das ist das andere. Und so kamen wir auf die Idee, dass wir etwas gründen, wo Wissenschaft und Kunst beziehungsweise Theater zusammenarbeiten.

In der Wissenschaft geht es um Fakten, die Domäne der Kunst ist mithin auch die Fiktion. Das könnte die Wissenschaftler in Misskredit bringen, wenn man das vermengt, oder?

Ich hatte eher umgekehrt gedacht, es bringt die Kunst vielleicht in Misskredit, wenn sie zu sehr mit der Wissenschaft koaliert und sich dann eben Freiheitsräume wegnimmt. Denn Fakten bedeuten ja letztendlich auch: Zwang zur Logik, zu Kausalitäten. Das sind ja Dinge, denen sich die Kunst eher entziehen will. Ich glaube, da kommt es darauf an, dass man einen gemeinsamen Gegenstand hat, nämlich das Erdsystem, auf das man sich dann mit ganz unterschiedlichen Logiken bezieht. Ich denke, dass die ästhetische Logik und die diskursive oder wissenschaftliche Logik nicht identisch sind.

Sie haben es schon angedeutet: Kunst bietet Freiräume, auch das Unmögliche zu denken. Sie scheut aber meistens vor klaren Handlungsanweisungen und Botschaften zurück. Beim Theater wird dann schnell geschimpft, das sei "Agitprop". Bräuchte es aber nicht solche Botschaften, um vom Wissen und Verstehen auch zum Handeln zu kommen?

Ich glaube, dass es wichtig wäre, erstmal einen Schritt vorher anzusetzen, und zwar, indem man überlegt, wie sich der Mensch bisher verstanden hat: als Krone der Schöpfung; und wie er sich dagegen angesichts dieses Anthropozäns als einem Bedrohungszusammenhang verstehen sollte, nämlich als eine Spezies, die erst relativ kurz auf diesem Planeten ist, und die vielleicht auch nicht mehr so besonders lange bleiben wird. Wenn man das vergleicht mit den ersten Arten, taucht der Homo sapiens erst recht spät auf. Und da müsste man vermitteln, dass der Mensch mit anderen Arten, mit nichtmenschlichen Erd-Bewohnern, einen symbiotischen Zusammenhang bilden muss, um zu überleben. Viele Kunstwerke von heute – also der Gegenwartskunst – sind eigentlich auf das Hier und Jetzt bezogen. Wenn ich aber in erdgeschichtlichen Zusammenhängen diskutiere – sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft bezogen – muss ich andere Horizonte in den Blick nehmen.

Um noch mal zur Frage nach dem Handeln zu kommen: Das "Theater des Anthropozän" will, wenn ich das recht verstehe, interdisziplinär und international sein. Es geht ja auch um globale Zusammenhänge. Aber um international zusammen zu kommen, muss man reisen. Man muss zum

© Sonja Rothweiler

Theatermacher Frank Raddatz, einer der Initiatoren des Theaters des Anthropozän

Beispiel auch fliegen. Wie bringt man diesbezüglich Denken und Handeln in Einklang?

Ich weiß nicht, ob da eine Moralisierung sinnvoll ist und dass jetzt gerade diejenigen, die aufklären wollen, am besten zuhause bleiben und den anderen das Feld überlasse sollen. Ich glaube, dass es wichtig ist, sich mit anderen Theaterleuten darüber zu verständigen, weil die Probleme stoppen ja nicht an den Grenzen von nationalen Territorien oder von Kulturkreisen. Und ich glaube, dass sich Künstler oder Theaterleute auch neu aufstellen müssen, um global zu kommunizieren. Ich sehe das auch als Chance. Die Chance besteht darin, dass man Themen hat, die letztendlich alle betreffen. Da kann keiner sagen: "Das ist euer Problem, nicht unseres!".

Einer Ihrer Gewährsleute ist Paul Celan, den Sie zitieren mit dem Satz "Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen". Das heißt also, es geht auch um Tiere und Pflanzen. Insofern scheint mir der Auftakt programmatisch: Um den Wald wird es gehen, also um Pflanzen; und statt findet es im Tieranatomischen Theater. Was genau wird da passieren?

Das Tieranatomische Theater gibt es schon relativ lange. Das war früher ein Hörsaal, wo Tiere seziert worden sind. Und dort kommen nun ganz unterschiedliche Auseinandersetzungen mit dem Thema Wald zum Tragen. Das fängt an mit dem "Gilgamesch-Epos", wo schon ganz zentral ist, dass der Held Gilgamesch den Baumkönig tötet. Es gibt auch ganz aktuelle Texte, etwa von Richard Powers: "Die Wurzeln des Lebens" heißt sein Roman. Die Washington Post schreibt, das sei der aufregendste Baumroman, den Sie je lesen werden.

Und die wissenschaftliche Seite?

Frau Boetius spricht über die Entstehung des Waldes. Und es wird einen zweiten wissenschaftlichen Vortrag geben über den Bestand des Waldes und die Zukunft des Waldes. Es ist ja die Frage, ob diese Baumsorten, die heute in den Wäldern stehen, überhaupt noch eine Zukunftschance haben, oder welche Bäume angepflanzt werden müssen; und in welchem Zeithorizont das geht. Es braucht ja mindestens 50 bis 100 Jahre, bis so ein Wald wächst.

Und nach der Premiere, wie geht es dann weiter? Ich kann mir vorstellen, Sie werden nicht die Schlagzahl haben, die der Spielplan eines Stadttheaters hat, das jeden Abend eine Vorstellung zeigt.

Nein, aber es gibt verschiedene Einladungen zu unterschiedlichen Anlässen. Wir sind zum Beispiel sehr daran interessiert, ein Arche-Noah-Stück zu produzieren, um auch mit Kindern darüber zu kommunizieren. Es gibt die verschiedensten Projekte, die im Laufe des nächsten halben bis dreiviertel Jahres realisiert werden.

Das Theater des Anthtopozän: Hier geht es zum Programm.

© Matthias Heyde

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