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Bayerische Theater entsetzt über neue Corona-Regeln | BR24

© picture alliance/Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

Leere Plätze? Bayerische Theater fürchten einen neuen Lockdown

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    Bayerische Theater entsetzt über neue Corona-Regeln

    Ministerpräsident Markus Söder hat neue Corona-Regeln festgelegt: Bei höheren Infektionszahlen dürfen Kulturveranstaltungen nur noch vor 50 Menschen stattfinden. Das träfe auch Bayerns Theater hart. Die Intendant*innen reagieren mit Unverständnis.

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    In seiner Regierungserklärung hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder einen neuen kritischen Corona-Inzidenzwert verkündet: Ab 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner*innen in einer Stadt oder einem Landkreis in den vergangenen sieben Tagen greifen schärfere Maßnahmen. Zum Beispiel dürften Kulturveranstaltungen in geschlossenen Räume statt vor derzeit maximal 200 Zuschauer*innen dann nur noch vor fünfzig Menschen stattfinden. Das führte dazu, dass das Staatstheater Augsburg bereits seinen Spielplan geändert hat. Vorstellungen wurden abgesagt, ein Familienkonzert am kommenden Sonntag soll nun nicht nur um 11 Uhr, sondern auch um 13 und 15 Uhr stattfinden, um die maximale Anzahl der Zuschauer nicht zu überschreiten. Das Mainfrankentheater Würzburg will sein Ausweichquartier, die "Blaue Halle", nicht mehr bespielen, sollte in der unterfränkischen Stadt der Grenzwert erreicht werden (er liegt aktuell bei 89,1). Auch andere Häuser kündigten bereits an, zumindest kein Musiktheater mehr anzubieten, wenn die neue Regelung für "dunkelrote" Regionen greift.

    "Reine Symbolpolitik"

    In bayerischen Theatern werden die neuen Regeln als "Schlag ins Gesicht" und "Debakel" bezeichnet. Dabei reihen sich die Theatermacher*innen keineswegs ein unter die Corona-Leugner. Die Gefahr der Pandemie leugnet in den Theatern niemand, nur fragen sich viele, ob sich die Staatsregierung überhaupt ein angemessenes Bild von der Lage an den Theatern gemacht hat.

    Alle Theater haben die Hälfte ihre Sitzreihen ausgebaut oder gesperrt und lassen in den verbliebenen Reihen mehrere Sitzplätze zwischen den Besucher*innen frei. So ist ein Sicherheitsabstand von ca. drei Metern zwischen den einzelnen Zuschauer*innen gewährleistet, mithin das Doppelte der üblicherweise empfohlenen 1,5 Meter. Um diese Abstände einzuhalten, schöpfen die wenigsten Theater die derzeit noch erlaubte Zahl von 250 Personen aus. Ein Beispiel: Ins Münchner Volkstheater passen zu Normalzeiten knapp 600 Menschen, momentan finden dort nur gut 150 Platz. Bald könnten es also nur fünfzig sein, also nur ein Drittel. Das bedeutet rein rechnerisch drei Mal so viel Abstand, aber wohl kaum drei Mal so viel Sicherheit. Kammerspiele-Intendantin Barbara Mundel bezeichnet solche Maßnahmen daher als "reine Symbolpolitik".

    © dpa

    Barbara Mundel

    Ausgearbeitete Hygienekonzepte

    Noch verlorener dürften sich fünfzig Zuschauer*innen auf der anderen Seite der Maximilianstraße im noch größeren Residenztheater fühlen. Dort weist man darauf hin, dass die Belüftungsanlage die Luft im Zuschauerraum alle zehn Minuten komplett austausche. Es gebe also eher ein Kälte- als ein Areosol-Problem. Am Staatstheater Nürnberg weisen Pfeile am Boden in den Foyers dem Publikum penibel den Weg, in welcher Laufrichtung es sich bewegen darf, um Gedränge zu vermeiden. Dabei wirken die Foyers jetzt schon angesichts ohnehin stark reduzierter Besucherzahlen gähnend leer. Die Theater gleichen Hochsicherheitszonen, personalisierte Tickets würden im Falle eines Corona-Falls im Zuschauerraum die Nachverfolgung und Unterbrechung von Infektionsketten ermöglichen. Bis dato ist aber noch kein Fall einer Theateraufführung in Bayern bekannt, die sich zum Super-Spreader-Ereignis entwickelt hätte.

    Empörung und Frust unter Bayerns Intendant*innen sind dementsprechend groß. Ihre Häuser haben viel Zeit und Mühe darauf verwendet, Hygienekonzepte zu entwickeln, die auch tatsächlich greifen, um das Theater wieder an den Start zu bringen. Das erfolgreiche Ergebnis wird nun federstrichartig zunichte gemacht, so empfinden es alle, bei denen man nachfragt, ob in Würzburg oder Augsburg, Nürnberg, Regensburg, München oder Memmingen. Das Residenztheater in München kann berichten, dass sich Bayerns Kunstminister Bernd Sibler zu Beginn der aktuellen Spielzeit eine Vorstellung angesehen hat, am Staatstheater Nürnberg war er zur Spielzeiteröffnung ebenfalls. In den übrigen Häusern, die der BR kontaktiert hat, gab es seit Wiederaufnahme des Spielbetriebs nach dem Lockdown keine Besuche von Mitarbeiter*innen des Ministeriums, die sich einen Eindruck von der Vorbildlichkeit der Hygienekonzepte verschafft hätten.

    "Wir brauchen die offenen Räume der Kunst"

    Auch Söders Ankündigung des neuen Inzidenzwerts hat alle überrascht. Die Staatskanzlei verweist darauf, es habe vorab ein Gespräch mit "ausgewählten Vertretern der Kulturszene" gegeben, nennt aber auf Nachfrage keine Namen, da es sich um ein "internes Gespräch" gehandelt habe. Die stichprobenartige Nachfrage bei acht Intendant*innen oder Pressestellen großer bayerischer Stadt- und Staatstheater ergab: Von ihnen wurde niemand zu Rate gezogen.

    Dass Städte wie München oder Nürnberg unter Söders Hunderter-Inzidenzwert bleiben werden, dieser trügerischen Hoffnung gibt sich keiner hin, in Augsburg ist der Wert bereits jetzt höher. Die Reduktion auf fünfzig Zuschauer*innen wird vielerorts schon bald bittere Realität, wenn nicht ein Umdenken erfolgt. Der allgemeine Tenor: Dann könnte man allenfalls vielleicht noch die kleinen Nebenspielstätten bespielen, die großen Häuser aufzusperren sei jedoch nicht mehr darstellbar. Mit anderen Worten: Die neue Regelung käme einem Lockdown gleich – was fatal wäre, wie viele finden. Barbara Mundel, Intendantin der Kammerspiele, betont, man müsse die Theater offen halten, gerade jetzt, und nicht trotz, sondern wegen Corona: Es brauche die offenen Räume der Kunst, die Austausch und Reflexion möglich machten – unter anderem auch darüber, wie Corona unsere Gesellschaft verändere.

    Anmerkung der Redaktion: Im ständigen Hin und Her von erlaubten Personenzahlen ist uns in der ersten Version des Artikels ein Fehler unterlaufen, den wir jetzt verbessert haben: Nicht 250, sondern nur 200 Personen waren maximal zugelassen in Theatern, solange der Landkreis nicht dunkelrot ist.

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