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"Das ist offensichtlich ein richtiger Kampfplatz für die AfD" | BR24

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Die AfD hat das Feld der Kultur als ihren Kampfplatz ausgemacht, ein Feld, das von anderen Parteien vernachlässigt wurde, findet Barbara Mundel. Ein Gespräch mit der designierten Intendantin der Kammerspiele über das "perfide Spiel" der AfD.

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"Das ist offensichtlich ein richtiger Kampfplatz für die AfD"

Wer wirkt an Theatern und in Orchestern – Deutsche oder Ausländer? Das will die AfD wissen. Die Partei besetze mit der Kultur ein von anderen Parteien vernachlässigtes Feld, sagt Theatermacherin Barbara Mundel und spricht von einem "perfiden Spiel".

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In Sachsen, Sachsen-Anhalt aber auch in Baden-Württemberg hat sich die AfD auf einen rechten Kulturkampf verlegt. In Baden-Württemberg, genauer in Freiburg, ist Barbara Mundel von 2006 bis 2017 Intendantin am dortigen Theater gewesen. Im Herbst wird sie die Leitung der Münchner Kammerspiele übernehmen. Knut Cordsen hat mit ihr über den Kulturkampf von rechts gesprochen, wie sie damit in Freiburg umging und in München umgehen wird.

Knut Cordsen: Frau Mundel, wenn Sie zurückblicken auf Ihre elf Jahre Intendanz am Theater in Freiburg im Breisgau: Hat sich da etwas gewandelt, das nun kulminiert in solchen unverhohlenen Forderungen wie denen der AfD nach Passkontrollen für Künstler an staatlichen Bühnen?

Barbara Mundel: Ja ganz bestimmt, nicht erst seitdem ich aufgehört habe in Freiburg. Das Thema AfD ist virulent geworden in Baden-Württemberg schon in meinen letzten Jahren. Ich erinnere mich sehr gut an eine bizarre Situation, dass wir eine Veranstaltung hatten in Stuttgart, bei der wir versucht haben, mit den Abgeordneten des Landtags ins Gespräch zu kommen. Das war eine Veranstaltung, die zum zweiten oder dritten Mal stattgefunden hat, eine Abendveranstaltung. Das war an dem Tag, an dem morgens Trump inauguriert wurde und die AfD im Landtag gefeiert hat, dass es jetzt endlich vorwärts geht. Die Abgeordneten anderer Parteien kamen an, blass um die Nase, völlig überfordert von diesem Statement. Und wir hatten – völlig naiv – nicht damit gerechnet, auf einmal in einem Saal mit Abgeordneten zu sitzen und über Theater zu reden, und wie geht es weiter geht mit der Kulturpolitik. Das war das erste Mal, dass das mir so richtig eingefahren ist als Thema.

Sie haben sich 2017 in Freiburg mit einem von acht internationalen Regie-Teams gestalteten Abend verabschiedet, "Eurotopia" war der überschrieben. Ich nehme an, das haben Sie ganz bewusst gemacht.

Ja, im Sinne der Suche danach, wie könnte es für Europa weitergehen? Es waren sehr viele auch nicht-europäische Künstler, die diesen Abend gestaltet haben. Das war sehr kontrovers – auch in der Entstehungsgeschichte, aber das muss so sein, das muss man ausfechten und aushalten. Bei uns war es sehr wichtig auch zu sagen: Es macht auch keinen Sinn die Utopie Europa riesig zu machen, wenn man gleichzeitig genau beschreibt, wo die Grenzen dieses Kontinents sind, die man eigentlich nicht genau beschreiben kann.

Die Alternative für Deutschland sitzt seit 2016 im Landtag von Baden-Württemberg, und hier wie andernorts auch hat sie gerade das Feld der Kultur als Schlachtfeld ausgemacht. Es gab ja auch in Dresden schon Pegida-Proteste gegen das sogenannte Lügen-Theater. Was sagen Sie zu diesem Kulturkampf von rechts?

Wie soll ich das sagen, das ist offensichtlich ein richtiger Kampfplatz für die AfD. Mit Menschen auf der Seite der AfD wie Marc Jongen, die demagogisch, rhetorisch super funktionieren, sehr geschult sind. Menschen, die das Feld der Kultur besetzen, die von anderen Parteien sehr vernachlässigt wurde – das muss man einfach sagen, finde ich. Auch in Baden-Württemberg, nicht unbedingt in Freiburg in den letzten Jahren, aber davor hat man sich ja immer anhören müssen, dass das ja eine freiwillige Leistung ist, die man nicht unbedingt erbringen müsse und so weiter und so weiter. Die AfD hat sich da voll draufgesetzt und weiß natürlich, dass sie mit ihrer Rhetorik, die sie da spielt, sich nochmal mehr zum Opfer machen kann, und welche Reflexe sie auslöst auf der anderen Seite. Im Moment ist dieses schreckliche Spiel wirklich ziemlich perfide.

Es gibt vom Philosophen Odo Marquard, der ja gerne von Leuten in Anspruch genommen wird, die sich der AfD zurechnen – dafür kann Odo Marquard jetzt nichts mehr, dagegen kann er sich auch nicht mehr wehren –, die Wendung vom nachträglichen Antifaschismus. Norbert Bolz ist so einer, der Marquard gerne zitiert. Gerade hat er in einer Rede in der Desiderius Erasmus Stiftung in Berlin Marquards Wendung vom nachträglichen Antifaschismus angeführt, den wir heute angeblich praktizieren. Und es gibt da noch eine andere Wendung von ihm, „konsensmissionarisch“, die Kunst dürfe nicht konsensmissionarisch sein. Ist das Theater vielleicht zu sehr moralische Anstalt geworden in den letzten Jahren?

Ich möchte nicht mit der AfD sprechen über dieses Thema. Aber sagen wir mal, es gibt ein gewisses Thema, dass Kunst eigentlich mit Moral erst einmal nichts zu tun hat. Aber die Institutionen, diejenigen, die sie leiten, die sie verantworten, die Künstler selber können natürlich sehr wohl moralisch agieren und moralisch argumentieren. Inwieweit Kunst moralische Diskurse oder Moral abzubilden hat, das – finde ich – ist die Diskussion, die wir unbedingt führen müssen. "Theater als moralische Anstalt" da ist nicht der Moral-Begriff gemeint, der das bewertet, sondern der überhaupt eine Haltung zur Verfügung oder zur Diskussion stellt. Ich glaube, das ist nicht dieser verengende Moral-Begriff. Die Frage, ob Kunst politisch ist, beantworte ich mit Ja, aber das heißt nicht, dass sie den (Mainstream-)Diskursen das Wort reden muss. Das ist damit nicht gemeint oder jedenfalls für mich nicht. Aber diese Diskussion wird spannend zu führen in den nächsten Jahren.

Man kann ja auch Friedrich Schillers Leitfrage aus diesem berühmten Aufsatz von 1784 nehmen: Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich bewirken? Wie würden Sie diese doch recht einfach anmutende Frage im Jahr 2019 beantworten?

Wir sind ja jetzt in der Vorbereitung und diskutieren genau über diese Frage. Wir versuchen da verschiedene Wege zu gehen, erst einmal gedanklich. Und sicher ist einer der Wege, dass der Raum des Theaters ein Raum der Auseinandersetzung und des Dialoges sein kann. Und dass sich Kunst auf Gebiete vorwagen kann, auf die vielleicht Journalismus zum Beispiel im Moment sich nicht vorwagt, vorwagen kann. Ich finde unser Anspruch muss wirklich sein – das gab es ja schon mal, durchaus auch in den 60er–Jahren, wenn auch mit einem anderen Impetus – für wen machen wir das eigentlich? Dieser Versuch, aus den Blasen rauszukommen, zu sagen, Kammerspiele: das Theater der Stadt, was meint das eigentlich? Das ernst zu nehmen, daran wirklich zu arbeiten mit sehr vielen unterschiedlichen Gruppen in einer Stadt, das ist die Chance von einem der letzten analogen Orte, wo Menschen sich begegnen, das ist die große Chance, die so ein Raum bieten kann. Und wenn es uns gelingen könnte, den zu nutzen, zu schützen und natürlich aber auch für Publikum Erfahrungen durch Kunst machen zu können, die die eigenen Horizonte, die eigenen Meinungen in Frage stellen. Das, finde ich, ist das Großartigste, was Kunst schaffen kann.

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