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Meditativ und politisch: Wal-Doku "The Whale and the Raven" | BR24

© Bayern 2

Im kanadischen Kitimat-Fjord leben viele Wale. In ihrer Doku "The Whale and the Raven" begleitet Regisseurin Mirjam Leuze vor Ort ein Forscherpaar, das für die Tiere zum Gefährten geworden ist. Doch der Lebensraum der Meeressäuger ist akut bedroht.

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Meditativ und politisch: Wal-Doku "The Whale and the Raven"

Im kanadischen Kitimat-Fjord leben viele Wale. In ihrer Doku "The Whale and the Raven" begleitet Regisseurin Mirjam Leuze vor Ort ein Forscherpaar, das für die Tiere zum Gefährten geworden ist. Doch der Lebensraum der Meeressäuger ist akut bedroht.

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Es ist eine einmalig schöne, dicht bewaldete Fjord-Landschaft an der Westküste Kanadas, mit der uns Mirjam Leuze in ihrem neuen Film bekannt macht. Im Kitimat-Fjord in British Columbia tummeln sich Killerwale genauso wie Buckel- und Finnwale, und diese Säugetiere haben in den beiden Walforschern Janie Wray und Hermann Meuter nicht nur zwei treue Beobachter und Dokumentare ihres Lebens, sondern auch zwei regelrechte Gefährten. Für ihren Dokumentarfilm "The Whale and the Raven" hat Mirjam Leuze die beiden Meeresbiologen mit der Kamera begleitet. Knut Cordsen hat mit Leuze über ihre Dokumentation gesprochen, die Züge einer Meditation trägt.

Knut Cordsen: Das Territorium in Kanada, wo Sie gedreht haben, ist ja ein Gebiet, das gerade für die dort bis heute lebenden First Nations, also die Nachfahren der nordamerikanischen Ureinwohner, eine große spirituelle Bedeutung hat. Seit wann leben Hermann und Janie dort an der Westküste und was genau machen sie dort?

Mirjam Leuze: Die beiden Walforscher sind 2002 dorthin gekommen, mit Erlaubnis der Gitga'at, das ist die First Nation, die in diesem Gebiet ihr Territorium hat. Sie haben dort angefangen, ihr Haus zu bauen auf einer bis dato unbewohnten Insel. Was sie hauptsächlich machen, ist eine landbasierte Forschung mit Hilfe von Unterwasser-Mikrofonie. Die beiden haben ein weites Netz von Unter-Wasser-Mikrofonen, mit dem sie über hundert Kilometer abdecken und den Buckelwalen und den Orcas zuhören. So können sie auch deren Bewegungsverhalten analysieren, und sie sind vor allem darauf spezialisiert, die Bestände zu dokumentieren. Sie gucken, wer wann in welchem Jahr in dieses Fjord-System kommt. Und sie schauen, wie sich die Populationen verändern.

© Busse & Halberschmidt

Die Walforscherin Janie Wray mit ihrer Kamera in "The Whale and the Raven"

Die beiden Walforscher, der Deutsche Hermann und seine kanadische Ex-Frau Janie, sind 2007 von den First Nations adoptiert, also in deren Clan aufgenommen worden. Wenn man jetzt von "Orca-Clans" oder "Blackfish-Clans" hört, klingt das erst mal sehr unvertraut für unsere Ohren, aber diese Clans und ihre Mythologie spielen dort eine große Rolle. Die Indianer dort identifizieren sich sehr stark mit den Säugetieren. Wie kommt das?

Die Clan-Struktur ist quasi eine politische Organisationsstruktur, die eine Gesellschaft oder eine Gemeinschaft in verschiedene Gruppen von Menschen einteilt. Diese Organisationsstruktur sagt auch etwas darüber aus, dass es ein anderes Verständnis im Verhältnis von Mensch, Tier und Natur gibt. Es ist viel enger. Es gibt die Vorstellung, dass Tiere und Landschaften – Berge, Flüsse, Wasser – Verwandte der Menschen sind und mit dem Menschen kooperieren. Dass sich Tiere zum Beispiel in der Jagd hingeben, dass sie sich opfern als Nahrungsmittel für Menschen. Und dass der Mensch im Gegenzug achtsam mit der Natur und mit tierischen Lebewesen umgeht.

So erklärt sich, wie der Rabe in den Film-Titel "The Whale and the Raven" kommt. Hermann ist der Rabe, Janie der Wal. Was macht ihn zu einem Raben?

Tatsächlich weiß ich nicht, warum man Hermann den Raben zugeordnet hat und Janie den Walen. Ich könnte mir aber Folgendes vorstellen: Der Fisch ist in der Hierarchie das höchste Lebewesen. Gleichzeitig ist das eine matriarchalisch organisierte Gesellschaft, das heißt, die Vererbung von Titeln läuft über die Frau. Womöglich hat man Janie deshalb den höheren Rang eingeräumt. Das ist aber eine Spekulation von mir.

Es ist in Ihrem Film immer wieder vom außergewöhnlichen Sozialverhalten der Wale die Rede, was so gar nicht dem Greuel-Bild eines Leviathans entspricht, wie es Herman Melville in "Moby Dick" zeichnet. Im Abspann fragen Sie rhetorisch: "Was, wenn Selbstwahrnehmung, Mitgefühl und Denken nicht ausschließlich menschliche Fähigkeiten wären?" Ich stelle die Gegenfrage: Was, wenn das alles nur ein Anthropomorphismus ist und wir den Tieren menschliche Fähigkeiten zuschreiben?

Ich habe diese rhetorische Frage gestellt aufgrund von Forschungsliteratur sowohl aus der Meeresbiologie als auch aus der Ethnologie. Unser Filmpate ist Dr. Karsten Brensing, der Verhaltensforscher und Meeresbiologe. Der neueste Forschungsstand sagt ganz eindeutig, dass wir ein völlig falsches Bild von Tieren haben und dass in der Tierwelt viel mehr als angenommen stattfindet an sehr bewusstem Sozialverhalten, auch Altruismus oder Mitgefühl, uneigennütziger Hilfe. Es gibt dort sehr intelligentes Verhalten. Das sind Forschungsergebnisse der letzten Jahre. Ich bin selber keine Meeresbiologin, aber da verlasse ich mich auf die Erkenntnisse der Wissenschaft.

In Ihrem Film hört man immer wieder die Rufe, die sogenannten "Social Calls" der Wale unter Wasser, die mittels Unterwasser-Mikrofonie eingefangen werden. Und diese Rufe, diese Geräusche, die ja für die Echo-Ortung der Tiere, für ihr Biosonar-System essenziell sind, werden über Lautsprecher in die Umgebung der Walbeobachter-Station übertragen. Die Lautsprecher hängen in den Bäumen und beschallen quasi den Wald mit den sonst nur unter Wasser zu hörenden Wal-Rufen. Warum das?

Weil das Aufnahme-System der beiden Forscher so funktioniert, dass sie, wenn diese Calls ertönen, tatsächlich in ihr Büro rennen und sich aufschreiben, welche anhand der Rufe zu identifizierende Orca-Gruppe da jetzt vorbeizieht. Sie können das anhand der Laute wirklich direkt dieser Gruppe zuordnen. Natürlich sind diese Calls nicht tagein, tagaus zu hören. Manchmal kann es auch sein, dass um zwei Uhr nachts eine Gruppe von Walen kommt, und dann springt der Hermann auf. Es gibt auch eine Szene im Film dazu, da rennt hoch in sein Lab und hört dann zu. Diese von Lautsprechern übertragenen Orca-Calls mitten im Wald auf der Insel zu hören, hat etwas ganz Surreales.

© Busse & Halberschmidt

Szene aus "The Whale And The Raven"

Nun ist das Leben der Wale genauso wie das Leben der First Nations bedroht durch die geplante Ansiedlung eines Flüssiggas-Konzerns, LNG für "Liquefied Natural Gas". Demnächst werden Tanker durch den Kitimat-Fjord fahren und das Leben der Wale dort extrem beeinträchtigen. Der Konzern redet sich damit heraus, dass auf den Schiffen ja "Spotter" arbeiten, die dafür sorgen sollen, dass die Wale rechtzeitig gesichtet und nicht angefahren werden, aber das ist eher eine Ausrede, oder?

Wenn man streng wissenschaftlich arbeitet, ist es sehr schwierig vorherzusagen, was genau passieren wird. Ob also die Buckelwale oder die Orcas dieses Gebiet dann meiden werden oder ob es Gruppen gibt, die versuchen werden, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Was sich auf alle Fälle verändern wird, ist die Stille dieser Fjorde, die es bisher noch gibt. Die wird zerstört sein. Es ist geplant, dass zwei Tanker pro Tag da durchfahren. Bisher war es ein Tanker pro Woche. Wenn man das mit der Straße von Gibraltar vergleicht, ist es immer noch sehr wenig. Aber unser Planet verliert immer mehr geschützte Lebensräume für Tiere – für Wale genauso wie für Orang-Utans in Borneo. Der Film ist ja auch nur eine Metapher für viele Schauplätze, an denen das passiert. Das alleine finde ich schon tragisch, dass die wirtschaftlichen Interessen von Menschen immer vorangestellt werden und es nie darum geht, aus der Perspektive von einer Wal- Population oder von anderen Tieren aus zu gucken.

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