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Dieser Fotoband dokumentiert die HipHop-Szene von Atlanta | BR24

© Vincent Desaillys

Musiker in der schwarzen Neighbourhood in Atlanta in dem Fotoband "The Trap"

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Dieser Fotoband dokumentiert die HipHop-Szene von Atlanta

"Trap", Falle, das ist gebrochener, melancholischer HipHop – entstanden in den afroamerikanischen Neighbourhoods Atlantas. Der Fotograf Vincent Desailly dokumentiert die Szene mit dem rauen und zärtlichen Vibe in seinem neuen Fotoband "The Trap".

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Atlanta im Bundesstaat Georgia – das ist nicht nur CNN, Coca Cola und die Gemeinde, in der einst Martin Luther King Jr. predigte. Die schwarzen Neigbourhoods im Süden und Osten der Südstaaten-Metropole gelten als Geburtsstätten des Trap, des eigentümlich dunklen Hiphop-Stils mit überdreht ratternden Snaredrums. Für den Fotografen Vincent Desailly haben diese Viertel einen bestimmten Vibe, eine raue und gleichzeitig zärtliche Atmosphäre, die er einfangen wollte: "Was ich als Dokumentarist brauche, ist ein bestimmter Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt, an dem besondere Dinge geschehen. So wie wenn mich jemand fragt: Könnten Sie das Cannes Filmfestival abbilden? Weil da etwas ganz Spezielles passiert zu einem bestimmten Zeitpunkt. Und mit Trap in Atlanta ist es ähnlich, nur halt eben viel größer."

Die Musikszene blüht in heruntergekommenen Städten

Es gibt in dem Fotoband kein einziges Bild aus einem Studio, also keine Produzenten, die am Rechner und vor der Handclap-Machine sitzen. Desailly konzentriert sich auf die Menschen in den afroamerikanischen Nachbarschaften. Dem 30-jährigen geht es in stimmungsvollen Bildern um das Umfeld der Musikszene. Um Typen, die im Auto sitzen und rauchen, eine junge Schwarze im roten Kleid, die es sich zum Telefonieren auf der Motorhaube eines weißen Straßenkreuzers bequem gemacht hat, Mofafahrer auf dem leeren Parkplatz vor einem Supermarkt. Für ihn ist die Szene von Atlanta vergleichbar mit der anderer Musikstädte. "Ich hab mich immer gefragt, wie es wohl in Detroit war, als die Plattenfirma Motown Musikgeschichte geschrieben hat. Und wie war es in Manchester? Keine reiche Stadt, sondern im Gegenteil ziemlich arm und heruntergekommen. Wieso kommen gerade aus solchen Städten so viel kreative Leute? Das sind ja keine weltberühmten Städte wie London, Paris, New York oder Los Angeles. Die Menschen in solchen Städten, die im Abseits liegen, sind mehr aufeinander angewiesen und können auch deshalb etwas wirklich Neues schaffen", sagt Vincent Desailly.

© Vincent Desaillys

Junge Musikerin in Atlanta aus dem Fotoband "The Trap"

Gesundes Selbstvertrauen

"Die USA können auch ein vollklimatisierter Albtraum sein", hat Henry Miller einmal treffend formuliert. Der Horror einer gnadenlos trashigen Massenkultur ist spürbar in Desaillys von warmen Farben dominierten Schnappschüssen. Gleichwohl sind die dreadlocktragenden Porträtierten große Individualisten, Selbstdarsteller, die Zuversicht, Würde und Selbstvertrauen ausstrahlen – Angehörige einer Gemeinschaft, für die der amerikanische Traum nach wie vor zählt. "Wir tragen die gleichen Markenklamotten, wir fahren fast gleiche Fahrzeuge, wir haben die gleichen Mobiltelefone, nutzen die gleichen Social Media-Kanäle und trotzdem ist es eine vollkommen andere Gesellschaft mit anderen Codes. Das Selbstvertrauen der Menschen dort hat mit den kapitalistischen Wertesystem zu tun, das überall anzutreffen ist. Egal, ob schwarz oder weiß, man muss es irgendwie schaffen. Es ist ein gewisser Stolz spürbar, auch wenn man es noch nicht auf die Reihe gekriegt hat. Das gibt den Leuten Mut, vorwärts zu gehen und kreativ zu sein. Sie arbeiten jahrelang hart an der Verwirklichung ihrer Träume. Viele, die ich getroffen habe, wollten sich eine Zukunft erarbeiten, den Lebensunterhalt sichern. Sie wollen das unbedingt. Ich glaube, dass diese Energie wesentlich ist für diesen Teil der Vereinigten Staaten."

Treffpunkt Magic City

Fotografiert hat Desailly unter anderem auch in Magic City, einem legendären Strip-Schuppen in Atlanta, in dem angeblich das Twerking erfunden wurde, das wilde Wackeln mit dem Hinterteil. "Für uns ist das ein Strip-Schuppen, aber für die Leute ist es ein Ort, an dem man sich einen Drink genehmigt, einen Imbiss und ein bisschen amüsiert. Europäer würden das nie so sehen, aber in den Staaten, vor allem in Atlanta, ist es ganz normal. Der Club ist auch für die Rap Community sehr wichtig, weil da DJs auflegen. Die Musik ist übrigens irre laut und viele neue Tracks wurden bekannt, weil sie dort gespielt wurden. Wenn sie den Tänzerinnen gefallen, werden sie öfters eingesetzt in Magic City. Danach laufen sie auch in den Autos und in den Radios. Mir ist dort etwas Witziges passiert. Mir hat das Management das Fotografieren erlaubt. Morgens um vier aber hat mir ein Kunde mit einem großen Drink in der Hand Dollarnoten zugeworfen, so wie man es bei einem Strip-Girl macht. Das war ein bisschen peinlich, aber es war nicht bös gemeint. Es war eben verrückt und witzig so wie der ganze Laden."

Und lernen kann man auch etwas von den Trap-Leuten aus Atlanta, sagt Desailly. Keiner von denen, die es geschafft haben, wie Outkast, Gucci Mane oder Future, würden die Stadt verlassen. Man zöge in ein anderes Viertel, in ein angemessenes Anwesen, aber man kehre immer wieder zurück ins alte Viertel. Vielleicht ist das ja auch eine Bedeutung von Trap – Herkunft und Heimat, die man nie hinter sich lässt.

The Trap, der Fotoband von Vincent Desailly ist bei Hatje Cantz erschienen.

© Hatje Kantz/ Montage BR

Cover: The Trap, der Fotoband von Vincent Desailly

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