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© Audio: BR / Bild: 20th Century Studios
Bildrechte: 20th Century Studios

Ridley Scott erzählt im Film "The Last Duel" von einem mittelalterlichen #MeToo – nach einer wahren Geschichte aus dem 14. Jahrhundert.

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#MeToo der Ritterzeit: "The Last Duel" von Ridley Scott

Es war einer der ersten erfassten Fälle der Geschichte, in dem sich eine Frau gegen Vergewaltigung wehrte. Und es war das letzte in Frankreich gerichtlich verordnete Duell. Ridley Scott erzählt in seinem Filmdrama von mittelalterlichem #MeToo.

Von
Moritz HolfelderMoritz Holfelder
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Ridley Scott interessiert sich in diesem Ritterdrama, entgegen seiner sonstigen Vorlieben, eher für die ruhigen Momente als für das rasselnde Schlachtengetümmel. Anfangs etwa beobachtet er seine Protagonistin und die beiden Ritter beim Ankleiden. "The Last Duel" ist ein in vielfacher Hinsicht erstaunliches Werk – auch weil es Stars und Aufwand des Mainstreamkinos sehr organisch mit den tieferen Erkenntnisschichten eines Autorenfilms zusammenbringt.

Eine Frau – und ein Zweikampf der Ritter

"The Last Duel" beginnt am 29. Dezember 1386 in Paris. Eine überwältigende Luftaufnahme zeigt eine verschneite große freie Fläche, auf der ein paar mächtige Bäume im dürren Winterkleid stehen. Eine hohe Mauer umgibt eine weitere Fläche, ein Rechteck, etwa 120 Meter lang und 30 Meter breit, eine Art Arena, allerdings fast ohne Zuschauerränge. Tausende von Menschen drängen sich rund um diesen Kampfplatz, angrenzend an das Gerippe einer gewaltigen Kathedrale, die sich im Bau befindet.

Datum und Ort sind so eindeutig definiert, weil präzise dokumentiert ist, was sich an jenem Wintertag in der französischen Hauptstadt zutrug: Zwei ursprünglich befreundete Ritter traten gegeneinander an. Zu dem Duell sind eine Menge Akten und Aufzeichnungen überliefert – es geht um eine Vergewaltigung: Der von Matt Damon gespielte Ritter Jean de Carrouges beschuldigt seinen langen Weggefährten Jacques Le Gris, gespielt von Adam Driver, seine Frau misshandelt und missbraucht zu haben. Marguerite de Carrouges hat das ihrem Mann so berichtet, während der angeklagte Le Gris den Vorfall bestreitet.

Ein mittelalterlicher Fall von #MeToo, wenn man so will, was den Historienfilm verblüffend schlüssig in die Jetztzeit katapultiert. Der Zweikampf sollte damals, 1386, das juristische Patt entscheiden – das Dilemma von Aussage gegen Aussage auflösen. Rechtsprechung als schicksalhafter Kampf. Wer gewinnt, sei hier natürlich nicht verraten.

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"The Last Duel" von Ridley Scott. Szene mit Jodie Comer

Höfling gegen Underdog

Mit viel Sinn fürs Detail zeigt Ridley Scott, wie Marguerite, gespielt von Jodie Comer, Kleid und Kragen angelegt werden – und parallel dazu, wie sich die beiden Ritter in die Metallpanzer für das Duell einpacken. "Enger, enger", weist der forsche le Gris seine Knappen an – gleich beginnt der Kampf. Über Holzpodeste besteigen die Kontrahenten wegen des hohen Gewichts der Rüstungen ihre Pferde. Das Duell startet. Und schon beendet es ein Schnitt, bevor es richtig anfängt.

Ridley Scott steigert die Spannung und erzählt zuerst die Vorgeschichte: Er berichtet von der Freundschaft zwischen den beiden Männern, von denen sich der eine, der Adam-Driver-Charakter Le Gris, sehr elegant und einnehmend durch die höfische Gesellschaft zu bewegen weiß, und der andere, der von Matt Damon eher als robuster Underdog dargestellte De Carrouges, gegenüber seinem Freund immer den Kürzeren zu ziehen scheint. Missgunst und Neid entstehen, die beiden entzweien sich, ihre Freundschaft verwandelt sich in Ablehnung und schließlich sogar in Hass.

Tragödie aus drei Perspektiven

Wie ehedem der japanische Meisterregisseur Akira Kurosawa in seinem berühmten Samurai-Drama "Rashomon", in dem es ebenfalls um eine Vergewaltigung geht, zeigt auch Ridley Scott die Tragödie aus drei Perspektiven: Das ist zwar ein schnöde übernommener dramaturgischer Trick, der ihm allerdings kongenial gelingt. Wir erleben die Geschichte zuerst aus den Augen von De Carrouges, dann mit dem Blick von Le Gris und schließlich in der Perspektive von Marguerite.

Das funktioniert auch wegen des hervorragenden Drehbuchs, das die Schauspieler Ben Affleck, der ebenfalls mitspielt, sowie Matt Damon gemeinsam mit der Regisseurin Nicole Holofcener, bekannt etwa durch die TV-Serie "Six Feet Under – Gestorben wird immer", verfasst haben. Wie die drei Vergangenheit und Gegenwart auf den Punkt bringen und sich dabei ein paar historische Freiheiten leisten, das begeistert – und dürfte sich auch bei den bald wieder anstehenden Oscar-Nominierungen niederschlagen.

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