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"The Farewell" ist ein Familienporträt zwischen China und USA | BR24

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Filmstill aus "The Farewell" von Lulu Wang.

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"The Farewell" ist ein Familienporträt zwischen China und USA

"The Farewell" wurde in den USA zum Überraschungshit des vergangenen Kinosommers. Die 36-jährige Regisseurin und Drehbuchautorin Lulu Wang erzählt darin eine Familiengeschichte zwischen ihrer alten und ihrer neuen Heimat, zwischen China und USA.

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25 Jahre, also ein Vierteljahrhundert. Eine halbe Ewigkeit ist vergangen, seit Billis in alle Winde verstreute Familie in ihrem Heimatort war, in Changchun in China. Jetzt endlich kommen alle wieder zusammen: Die 30-jährige Billi und ihre Eltern reisen aus New York an, ihr Onkel und dessen Familie aus Japan. Ein Grund zur Freude ist das nicht. Denn die Familie will Abschied nehmen: von der Großmutter. Sie ist an Krebs erkrankt und hat den Ärzten zufolge nur noch wenige Monate zu leben. Die Krux: Sie ist die einzige, die nichts von ihrer Erkrankung weiß.

"Wer Krebs hat, stirbt. Wer nichts davon weiß, lebt vielleicht etwas länger – und vor allen Dingen ohne Angst vor dem Tod." Diese Denkweise ist tief verwurzelt in der chinesischen Gesellschaft. Also verschweigt die Familie zum Schutz der Großmutter die Krebsdiagnose und gibt vor, dass der Grund der Zusammenkunft eine Hochzeit ist. Der Enkel und seine Freundin, die zu diesem Zweck vor den Altar geschubst werden, sind erst seit drei Monaten ein Paar - Na und? Jeder muss mal Opfer bringen.

Keine seichte Komödie

Auch wenn die überstürzte Vermählung zu einer ganzen Reihe herrlich absurder Szenen führt: Mit seichten Culture-Clash-Hochzeitskomödien wie "Crazy Rich" oder gar "My Big Fat Greek Wedding" hat "The Farewell" nichts zu tun. Denn die Feierlichkeiten und deren Vorbereitung sind nur die neonlichtbestrahlten Nebenschauplätze eines gigantischen Kulturkampfes, den Hauptfigur Billi führt. Einerseits will sie die Traditionen ihrer asiatischen Verwandtschaft würdigen, und fügt sich dem Spiel aus verkrampfter Ungezwungenheit und ständigen Familienessen. Andererseits ist sie stark westlich geprägt und will aufrichtig Abschied nehmen von ihrer Großmutter, indem sie ihr die Wahrheit sagt. Aber nicht einmal der Arzt im Krankenhaus kann das Lügengebilde auflösen.

Billi ist ratlos. Und so überfordert, wie es Regisseurin Lulu Wang vor einigen Jahren selbst war. Die Filmemacherin erzählt in der Tragikomödie "The Farewell" ihre eigene Familiengeschichte. 2013 hat sie genau diese Situation durchlebt – inklusive übers Knie gebrochener Hochzeit. Doch es geht in "The Farewell" nicht allein um Trauerarbeit oder eine Lehrstunde in chinesischer Kulturgeschichte. Wang hat etwas Universelleres geschaffen.

Alles für die Familie

"The Farewell" ist ein Familienporträt, das emotional, aber nie sentimental ist. Und so kulturell zugespitzt die hier erzählte Geschichte auch ist: In der Kernaussage kann sich jeder wiederfinden. Es geht darum, dass man nur eine Familie hat und sie so akzeptieren muss wie sie ist. Mit allen Schrullen und Eigenarten, selbst wenn diese noch so seltsam und fremd sind. Ob das nun dieser Verwandte ist, der zu viel trinkt, der andere, der kaum ein Wort spricht oder ein weiterer, der alle herumkommandiert: Am Ende sind das nur oberflächliche Charakterschwächen. Dahinter stecken Menschen, die auf ihre Art ihr Bestes geben. Und das Beste, was man selbst tun kann, ist so gut es geht, auf sie und ihre Bedürfnisse einzugehen.

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