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Bildrechte: HanWay Films

Dokumentarfilmer und Oscar-Preisträger Bryan Fogel hat über die Ermordung des arabischen Journalisten Jamal Kashoggi ein Politdrama gedreht: "The Dissident"

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"The Dissident": Der Mordfall Kashoggi als pompöses Politdrama

2. Oktober 2018, saudische Botschaft, Istanbul: Jamal Kashoggi will Papiere für seine Hochzeit abholen. Doch der arabische Journalist wird das Gebäude nicht lebend verlassen. Der Dokumentarfilm "The Dissident" widmet sich jetzt dem Unfassbaren.

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Von
  • Markus Aicher

Als Bryan Fogels Film "The Dissident" im vergangenen Jahr beim Sundance Film Festival Premiere hatte, gab es standing ovations. Auch vom anwesenden Netflix-Chef Reed Hastings. Doch ein Ankauf erschien dem Konzern zu heikel. Man wollte es sich offenbar mit dem Wachstumsmarkt Saudi-Arabien und den dortigen Machthabern nicht verprellen. Jetzt ist der Film als Video on Demand bei Amazon erschienen.

Ermordet, zerstückelt, verbrannt

"Ich würde jetzt gern in Rente gehen. Ich bin 60 Jahre alt und möchte das Leben genießen. Ich will frei sein. Die Regierung behandelt mich, als hätte ich – Gott bewahre – den König erschossen wie ein Verräter!" Jamal Kashoggi in glücklicheren Tagen. Wenige Wochen später war der seit 2017 in den USA lebende, einstige Direktor der saudischen Tageszeitung 'Al Watan' und ehemals einflussreiche Medienberater des saudi-arabischen Prinzen Faisal tot. Erstickt, mit einer Knochensäge zerstückelt und anschließend vermutlich verbrannt.

Der ermittelnde türkische Staatsanwalt im Film: "Unseren Ergebnissen zufolge wurde Jamal Kashoggis Leiche zur Residenz des Generalkonsuls gebracht. Dessen bin ich mir sicher. Im Poolbereich war ein Tandoori- oder Schachtofen, eineinhalb bis 2 Meter tief. Die Polizei von Istanbul ermittelte, das Konsulat hatte in der Nacht des Mordes an Kashoggi bei einem bekannten Istanbuler Restaurant 70 Pfund Fleisch bestellt. Wir sind der Meinung das man das Fleisch dazu benutzt hat den Geruch der verbrennenden Leiche zu überdecken." Damit war ein DNA-Nachweis nicht mehr möglich. Und die Machthaber hatten sich eines prominenten, international bekannten Kritikers des saudi-arabischen Kronprinzen und de facto Herrschers Mohammed bin Salman entledigt.

Eine schüchterne Braut wird Aktivistin

Zu monströs erschien die Tat zunächst der Frau, um deren Hand Kashoggi angehalten hatte und mit der er die Hochzeit plante. Hatice Cengiz: "Dass der Vorfall ein geplanter Mord war, konnte ich erst am 19. Oktober nach der offiziellen Stellungnahme Saudi-Arabiens wirklich glauben. Allah sei seiner Seele gnädig." Sechs Wochen nach der Tat traf Regisseur Fogel die eher schüchterne junge Frau. Und begann die weltweite umfangreiche Recherche zu seinem Film. Er begleitete mit der Kamera Cengiz, die sich immer mehr zur selbstbewussten Aktivistin entwickelte, bei ihren Auftritten vor dem EU-Parlament, den Vereinten Nationen oder im US-Senat. Und stöberte einen jungen, exilierten saudischen Weggefährten Kashoggis im kanadischen Montreal auf. Er wird in der Folge zum zweiten Protagonisten des manchmal doch arg aufgepeppten und mit treibendem, pompösen Musikteppich unterlegten Politdramas.

Aber: Der stimmige Aufbau samt ausgefeilter Kamera-Arbeit, das zugespitzte dramaturgische Konzept samt Interviews mit hochrangigen Personen aus CIA und der Türkei erzeugen Spannung. Die ausgebreiteten Fakten, das Archivmaterial und animierte Sequenzen lassen einen die knapp zwei Stunden an diesem tatsächlichen Thriller dranbleiben. Denn der Mord an dem ehemaligen Insider des saudischen Systems und späteren Kolumnisten der 'Washington Post' war weit mehr als ein Racheakt gegen einen Unbequemen, der sich vom noch geduldeten Reformer nach dem Arabischen Frühling zunehmend zum gefährlichen Dissidenten entwickelt hatte.

Shit-Storms von saudischen Twitter-Trollen

Mohammed bin Salman wusste um die Macht von Social Media, von Steuerung der Öffentlichkeit, und hatte in Riad eine ganze Armee von Twitter-Trollen mit tausenden von Accounts aufbauen lassen, die gegen die regimekritischen Tweets von Kashoggis Followern digitale Shit-Storm-Gewitter entfachten. Vor der Malware, der Spionagesoftware, die von Spezialisten aus dem Nahen Osten auf die Handys im Westen aufgespielt wurde, war selbst Amazon-Chef und 'Washington Post'-Besitzer Jeff Bezos nicht sicher. Vermutlich wurde er durch eine persönliche Message des mit ihm bekannten Kronprinzen Mohammed bin Salman selbst gehackt. Regisseur Bryan Fogel: "Was der Film eben auch zeigt: Welche enorme Unterstützung totalitäre Diktaturen und Regime durch die Technologie erfahren. Wir sehen das aber auch derzeit in den USA."

Donald Trump nahm Drohungen zurück

Und so sieht man im Film den Amazon-Gründer Kashoggis Witwe umarmen: bei einer Gedenkkundgebung in Istanbul, ein Jahr nach der Tat. Die anfängliche amerikanische Ankündigung des Aussetzens eines milliardenschweren Rüstungsdeals mit den Saudis nach dem Mord wurde übrigens durch Donald Trump zurückgenommen. Zu wichtig sind die einflussreichen, wahabitischen Herrscher am Golf für den stetigen Ölfluss und die geopolitischen Interessen. Und vermutlich ebenso für die ehrgeizigen Business-Pläne von Netflix auf der arabischen Halbinsel.

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