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The Circle mal anders | BR24

© pa/dpa/Hendrik Schmidt

Besucher der Buchmesse in Leipzig

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The Circle mal anders

Die Leipziger Buchmesse läuft noch bis Sonntag. Was tut sich auf dem großen Lesefest, worüber wird geredet? Eindrücke von Knut Cordsen

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Die friedliche Revolution liegt schon etwas zurück, jetzt ist es Zeit für eine andere Revolution: die Leserevolution. Philip und Jane Davis aus Liverpool sind nach Leipzig gekommen, um vorzustellen, was sie die "reading revolution" nennen. Im Congress Center auf der Messe präsentiert das engagierte Ehepaar sein soziales Projekt des etwas anderen Lesezirkels vor: Einander wildfremde Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbereichen, die allesamt mit Literatur bisher gar nichts am Hut hatten, treffen sich einmal in der Woche eineinhalb Stunden, lesen gemeinsam und im Wechsel Romane von George Elliot oder Gedichte von William Wordsworth und reden anschließend über das, was sie gerade gehört haben. 

Moderiert wird das Ganze von einem professionell ausgebildeten Lesekreis-Leiter ("facilitator"). Klingt ein wenig nach "Club der toten Dichter". Und tatsächlich: Die mitreißende Emphase von Jane und Philip Davis steht der des von Robin Williams im legendären Film verkörperten Lehrers John Keating in nichts nach.

Gemeinsames Leseerlebnis

"Shared reading" heißt das Ganze, und sein gesundheitlicher Nutzen ist bereits wissenschaftlich erwiesen, so dass es der National Health Service in Großbritannien seit Jahren schon finanziell unterstützt. Zum Einsatz kommt diese Form der "Bibliotherapie" auch in Krankenhäusern, psychiatrischen Einrichtungen, Gefängnissen. 

"Sharing is caring" ("Teilen ist Heilen"), der zynische Reim aus Dave Eggers' Roman "Der Circle", wird beim "shared reading" beim Wort genommen und Realität. Das gemeinsame Lesererlebnis gerade bei bisher illiteraten Leuten, versichern Phil und Jane Davis, wirke sich "lebensverändernd" aus. 

"Leserevolution" in Deutschland

Zwei Berliner Literaturvermittler haben es sich zur Aufgabe gemacht, die "Leserevolution" nach Deutschland zu tragen: Thomas Böhm und Carsten Sommerfeldt. Und obwohl sie gerade erst begonnen haben, zeichnen sich bereits Erfolge ab, erzählt Thomas Böhm:

"Wir haben angefangen, shared-reading-Gruppen zu machen in einem vermeintlich ungewöhnlichen Kontext, und zwar in einem Gemeinschaftsbüro in Berlin, in dem 250 soziale Unternehmer und Weltverbesserer am Werke sind. Die sind alle sehr eingespannt, sitzen den ganzen Tag vorm Rechner oder in Konferenzen, und wir machen jeden Montagabend, so um 18 Uhr, da diese shared-reading-Gruppen. Mit einem fantastischen Ergebnis: Alle, die da noch gestresst reinkommen, fangen an, Geschichten gemeinsam zu lesen, darüber zu sprechen, und man sieht innerhalb von kürzester Zeit, wie alles von denen abfällt." Thomas Böhm

"Man will uns mundtot machen"

In einer anderen Messehalle sitzt derweil der ägyptische Verleger Mohamed Hashem und nennt sein Heimatland ein "Irrenhaus". Er berichtet, dass Schriftsteller inhaftiert und Verleger wie er von der neuen Regierung gegängelt werden. Erst Anfang des Jahres wurde sein Verlag "Dar Merit" in Kairo von der Polizei gestürmt. 

"Man will uns mundtot machen", ruft Mohamed Hashem: "Es werden heute weniger Bücher veröffentlicht als vor der Revolution. Die ägyptische Regierung will sich an allen rächen, die bei der arabischen Revolution dabei waren." Seine Stimme überschlägt sich. Er dankt der Leipziger Messe und dem PEN-Club dafür, auch seinem Anliegen ein Forum zu bieten. So unterschiedlich sind die Revolutionen, die auf der Leipziger Buchmesse 2016 verhandelt werden.

© pa/dpa/Hendrik Schmidt

Der ägyptische Verleger Mohamed Hashem