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Tender Creature - Indiepop mit Botschaft aus New York | BR24

© https://tendercreature.bandcamp.com/community

Das neue Album des queeren Band-Duos Tender Creature

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Tender Creature - Indiepop mit Botschaft aus New York

Die Nachrichtenlage ist gerade oft deprimierend. Manchmal aber führt Frust auch zu gesteigerter Kreativität und dem Willen, etwas zu tun. So geht es dem Duo Tender Creature aus New York.

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Es gibt sie, diese Zugfahrten, an die man sich sein Leben lang erinnert. Bei Steph Bishop vom queeren Band-Duo Tender Creature war es eine dieser Fahrten im November 2016. Damals war sie noch Lehrerin und hatte gerade erfahren, dass eine ihrer Schülerin plötzlich und überraschend gestorben war. Und dann war ja kurz zuvor auch noch das Unwahrscheinliche passiert. "Als ob die Zeit stehengeblieben war – so fühlte sich das damals an in dem Zug", sagt Steph Bishop. "Und die Zeit schien auch stehen geblieben zu sein, als Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde. Das sind beängstigende Zeiten in den USA und auf der ganzen Welt."

Mit lauter Stimme gegen den Politikwahnsinn

Der Song "The Quietest Car" beschreibt diese Ohnmachtsgefühle von damals. Und Steph’s Bandkollege Robert Maril erinnert sich auch noch ganz genau an die Worte, die er am Tag nach Trumps Wahl zu seinem Partner sagte: Erstens: Jetzt wissen wir, warum wir Yoga und spirituelle Übungen machen – um dem ganzen Wahnsinn jetzt mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Und zweitens, sagt Robert Maril: "Als Trump gewählt wurde, dachte ich mir, dass es jetzt umso wichtiger ist, noch offensiver und noch mehr Kunst zu machen, sich zu verpflichten, das Schöne in diese Welt zu bringen und mit einer Stimme zu sprechen, die von vielen gehört wird."

Die Wiederbelebung seiner langjährigen Musikerfreundschaft mit Steph Bishop war für den umtriebigen Robert Maril dann ein weiterer konsequenter Schritt. Jahre zuvor waren die beiden Teil einer eher konventionellen Country-Folk-Band. Aber die neuerliche Zusammenarbeit als Tender Creature sollte anders sein. "Wir sind älter geworden und komplizierter, also sollte auch die Musik, die wir Machen, komplizierter, anspruchsvoller sein.", meint Maril. "Wie wär‘s, wenn wir den Sound einer Platte nehmen aus den frühen 70ern, sowas wie Joni Mitchells Blue, und diese Instrumentierung dann in eine elektronische Soundlandschaft transformieren. Ich finde diesen Raum sehr spannend, wo sich akustische Instrumente und elektronische Sounds treffen; den echten Klang eines Instruments in ein Bett aus Beats zu packen. Achja, falls jemand fragt: Im Song If Anyone asks – die kleine Trommel, das sind Geräusche von einer Kaffeekanne. "

"Tender Creature" – geht schön über die Lippen

Kleine Trommeln aus Kaffeekannen, kunstvoll-rhythmisch arrangierte Schlüsselherunterfallenlass-Geräusche – und nicht selten fährt in Zeitlupe ein Cello durchs Bild. Schließlich hat Robert das jahrelang studiert. Und über den Umweg zur klassischen Musik landete die Band auch bei ihrem Namen.

Robert Maril erzählt, dass er mit Opernmusik aufgewachsen sei. Und in Händels Oper 'Acis und Galatea', gebe es eine Arie namens "Would You Gain the Tender Creature", was ihm sehr gut gefallen hätte. "Ich mag das Wort Creature, Kreatur" fügt Steph Bishop hinzu, "das klingt so wunderbar nach einem Lebewesen ohne jegliche geschlechtliche Festlegung. Das Wort Tender 'zart, weich' hat ja auch im queeren Kontext einen besonderen Stellenwert. Und ich würde unser Songwriting auch ein Stück weit als zart beschreien. Aber: Du kannst gleichzeitig zart und stark sein. Das sind keine Gegensätze. Und außerdem geht das so schön über die Lippen: Tender Creature."

Nicht zurückstecken

Die Songs von Tender Creature wirken angenehm organisch. Das Cello harmoniert mit den Beats – gleiches gilt für den zweistimmigen Gesang von Steph Bishop und Robert Maril. Beide wissen aber auch: Mit Trump ist es noch schwerer für LGBTQI-Personen in den USA. Im Song "Coming Down" etwa beschreiben die beiden das Ringen einer Freundin um die richtigen Worte für das Outing vor der Familie. Nicht zurückstecken, erst recht jetzt nicht. Diesen Vorschlag machen uns Tender Creatures. Es ist ein Angebot. An Offering. So wie der Name ihrer Debüt-Platte.

"Wenn wir diese Angstgefühle dadurch erwidern", sagt Robert Maril "dass wir uns machtlos fühlen, dann verlieren wir gleich doppelt. Ich sag‘s gern noch einmal: Als Trump gewählt wurde, haben wir uns eins fest vorgenommen: Wir wollen uns für Frieden stark machen und selber die Veränderung sein, die ich in der Welt sehen möchte."

"An Offering" von Tender Creature ist am 18. September erschienen.

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© Tender Creature

Albumcover zu "An Offering" von Tender Creature