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Club Berghain in Berlin
© picture-alliance / schroewig
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Club Berghain in Berlin

Berghain, Berlin, morgens um vier. Berühmtester Club der Republik, das Rathaus der Nacht. Wir sind zwei Tanzopas Ende vierzig. Die Jüngeren scheint das nicht zu stören – im Gegenteil, vom internationalen Publikum werden wir als Eingeborene angesprochen, die über Geheimwissen verfügen. Über die Partykapitale, über das Berghain. Manchmal hält man uns bloß für Dealer (es ist, entgegen seinem Ruf, sehr schwierig, im Berghain Drogen zu kaufen, aber das ist eine andere Geschichte). Eine junge Frau schreit, lacht und klatscht mit ihrer flachen Hand auf meine Brust.

Musik aus Detroit, einer kaputten Stadt

Die meisten Besucher*innen tragen nichts mehr oben herum. Der Zeiger steht auf Ausschweifung. Da stimmt das Klischee – über Berlin, über Techno –, jede Fernsehserie hat da jetzt recht. Falsch liegen die Filme, wo mindestens eine verunglückte Kindheit der Grund für das Feiern sein muss. Nie geht es um den Spaß. Und schon gar nie geht es um die Freude an so etwas wie einer gelungenen Revolution. Dabei hat Techno das Nachtleben vom Kopf auf die Füße gestellt. In guten Clubs wird anders getanzt, zirkulieren andere Geschlechterkonzepte. Dass Techno tot sei, sagt man alle paar Jahre. Die Musik und ihre sozialen Praktiken wurden derweil stets noch prägender. Wie fing das große Bummbumm an, wo kommt es her, wo führt es hin? Und was ist das Erbe von Techno? Wie sagen wir es den Kindern, den Enkel*innen?

Techno ist elektronische Musik, die in den 80er-Jahren erfunden wurde. Eine der wichtigsten Stränge von Techno, wie er heute einen weltweiten Standard in Clubs beschreibt, kommt aus Detroit. Ende der 80er-Jahre lag die US-amerikanische Autostadt wirtschaftlich am Boden, sozial war sie segregiert. Die Droge Crack und die Beschaffungskriminalität hatten die Stadt in ein Kriegsgebiet verwandelt. 80 Prozent der Bevölkerung waren schwarz, die Hälfte davon lebte in Armut. Auch die Gründerfiguren von Techno waren Afroamerikaner. Mit dem neuen futuristischen Sound träumten sie von einer besseren Zukunft. Einer friedlichen Zukunft auf der Tanzfläche, einer Zukunft, in der Technologie das industrielle Zeitalter überwindet. Lange hatte diese Musik keinen Namen. Bis zum Sommer 1988: In England erschien ein Doppelalbum mit der neuen Musik aus den USA. Es hieß "Techno: The New Dance Sound of Detroit".

Die andere Sicht der Afroamerikaner

Ich lebte damals 25 Kilometer von der Innenstadt entfernt in einem weißen Vorort, als Austauschschüler von Sommer 1987 bis 1988. Im selben Jahr eröffnet das Music Institute in Detroit, der erste Techno Club. Als 17-jähriger Europäer, der im Speckgürtel der harten Stadt weiche Drogen konsumierte, erfuhr man nichts vom Music Institute in Downtown Detroit, nichts von Techno. In der High School trugen die Frauen noch irre Föhnfrisuren, die sie von Hardrocksängern abgeguckt hatten. Im Radio waren die täglich zu hören – David Lee Roth von Van Halen, oder David Coverdale von Whitesnake: "Here I Go Again on my Own / Like a drifter I was born to walk alone." Das Lied des einsamen Wolfes, der niemanden braucht.

1988 ist Ronald Reagan noch Präsident, seine Frau Nancy prägt den "War on Drugs". Das bedeutet drakonische Strafen auch für kleine Mengen Besitz. Im Westen des Bundesstaates Michigan entsteht eine Gefängnisindustrie mit vielen Arbeitsplätzen. Im Osten, in der alten Autometropole Detroit, traut sich die weiße Mittelklasse aus den Vororten selbst mit dem Auto kaum in die verarmte Stadt. Crack, Kriminalität, kaputte Infrastruktur: Das ist die ruinöse Kulisse, vor der Techno entstand. Allerdings sahen das vor allem Weiße so.

Juan Atkins, Afroamerikaner aus Detroit, ist 56 Jahre alt und gilt als einer der Gründerfiguren des Detroit Techno. Man nennt ihn auch "The Originator". Atkins sagt: "Mitte der 80er-Jahre gab es noch eine schwarze Mittelschicht in Detroit, aus den alten Tagen der Autoindustrie. Die stilbewusste Jugend liebte elektronische Musik, und das waren keine Gangster." Der Influencer der ersten Stunde war ein afroamerikanischer Radio DJ namens Electrifying Mojo, den man nur in der Innenstadt Detroits hören konnte. Atkins erinnert sich: "Mojo hat uns auch mit weißer Musik bekannt gemacht, er machte da keine Unterschiede." Neben schwärzestem Funk von Parliament und Funkadelic spielte Mojo auch europäische elektronische Musik wie Tangerine Dream aus Berlin.

Juan Atkins, Kevin Saunderson and Derrick May

Juan Atkins, Kevin Saunderson and Derrick May

Noch wichtiger war eine andere deutsche Band: "Als ich das erste Mal Kraftwerk hörte, fiel ich vom Stuhl", sagt Atkins, "es war so präzise! Kraftwerk hat meine Vorstellung geprägt, wie digitale Musik klingen soll." Als ich ihn darauf anspreche, dass ich dachte, afroamerikanische Musik wäre traditionell präzise, sagt Atkins : "Ja, aber es gibt immer dieses lockere Element in der Black Music. Bei Kraftwerk nicht. Das fanden wir gerade scharf!" Atkins zählt zusammen mit Derrick May und Kevin Saunderson zur ersten Generation von Detroits Techno Produzenten. Man nennt sie manchmal auch The Belleville Three, nach dem bessergestellten Vorort westlich von Detroit, wo sich die drei auf einer weiß dominierten High School kennenlernten. Nach der Schule zogen sie wieder nach Detroit, der Stadt, der er es immer schlechter ging. "Techno wollte das Biest besänftigen, die Härte der Stadt erträglich machen, wenn man so will", meint Atkins.

Die Freiräume der Wendezeit in Berlin

Mit den Verhältnissen in Europa hatte das wenig zu tun. In England gab es schon die verwandte Acid Rave-Kultur in verlassenen Fabriken und auf abgelegenen Wiesen. 1988 war der Summer of Love – quietschende Schlagzeugcomputer, junge Leute auf dem weichmachenden Ecstasy und dem aufputschenden Speed, dem Koks der Arbeiterklasse. Doch Berlin war das Einfallstor für Techno aus Detroit und damit die Grundlage der Musik, die heute globaler Clubstandard ist.

Susanne Kirchmayr alias Electric Indigo kam aus Wien nach Berlin in die Technoszene und verkaufte Platten im Hardwax, dem wichtigsten Plattenladen. "In Deutschland ist Techno auf besonders fruchtbaren Boden gefallen, weil es sich zeitlich überlappt mit dem Fall der Mauer und der Wende." Die Jugend in der Grenzstadt war bereit für Musik ohne Worte, ohne Ballast. "Insbesondere in Berlin", sagt Kirchmayr, "sind die Ossis und die Wessis in den Technoclubs so richtig aufeinandergetroffen und haben dort erstmals gemeinsame Erlebnisse durchgemacht."

Dazu brauchte es Platz. Fast alle Technolubs lagen im Osten der Stadt, in der ehemaligen DDR. Susanne Kirchmayr: "Wir waren alle Nutznießerinnen von diesen ungeklärten Besitzverhältnissen. Die Clubkultur in Berlin ist entstanden aus dieser geschichtlich einmaligen Situation, aus den Brachlandecken und unbewohnten Gebäuden, mitten in der Stadt!" Aber ohne verständige Leute in der Stadtverwaltung, hätte die Kreativ- und Technoszene nie diese Möglichkeiten erhalten: "Was wir am ehesten vererben können“, so Kirchmayr, "ist eine Kulturtechnik, wie man sich in einem dicht gedrängten Raum rücksichtsvoll bewegt."

Techno als progressive soziale Kraft

Doch Techno spielt nicht nur in der Großstadt. Techno hat früh schon in der sogenannten Provinz die Körper bearbeitet. In den Neuen Bundesländern. Oder in Franken. Max Wolf, aufgewachsen in Erlangen und Nürnberg, hat jüngst einen Roman geschrieben über Techno in der fränkischen Provinz in den mittleren 90er-Jahren: "Glücksreaktor". Heute lebt er in Berlin. Wolf erinnert sich: "Nürnberg war ein fantastischer Ort für elektronische Musik damals, und ich schreibe ja über den Club 'Das Boot', den gab es wirklich. Das war ein fantastischer Laden, wo wirklich die Post abging."

Thomas Meinecke, Schrifsteller, DJ und Musiker südlich von München, versteht Techno und House Music als progressive soziale Kraft. Er sieht den Wandel etwa im "Umgang mit sexuellen Sichtweisen, die nicht im vorigen Mainstream gelegen hatten. Die Sichtbarkeit dessen, ruhig auch die Mainstreamisierung von ehemaligen Undergroundsachen sind im Gefolge von Techno und House stark als positive Veränderungen zu verzeichnen."

Thomas Meinecke

Thomas Meinecke

In den 90er-Jahren schrieben linke Kritiker regelmäßig über die Angepasstheit der Raver – am Wochenende feiern, immer lächeln, schön schlank bleiben und am Montag pünktlich zur Arbeit erscheinen. Zum einen kann das nur behaupten, wer den Exzess einer zweitägigen Party und den Kater danach nicht kennt. Zum anderen ist da etwas dran. Denn Techno ist viel Bewegung, ist Jasagen, nicht Neinsagen. Sicher kein Zufall ist, dass der Durchmarsch von Techno parallel mit einer ökonomischen Umwälzung passierte. Spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges veränderte die neoliberale Wirtschaftsordnung die Arbeitsbiografien von fast allen. Karrieren sind seither nie so linear wie in den Nachkriegsjahren, ein Einkommen reicht nicht mehr für eine ganze Familie. Und diese Unruhe erfasst auch die Mittelschichten. Techno geht mit dieser sozialwirtschaftlichen Nervosität körperlich um und lindert die Symptome.

Die Utopie kostet Eintritt

Zurück ins Berghain. Wieder gibt es einen Klaps auf den Po. Wer jetzt queer oder schwul oder lesbisch oder transgender oder stinknormal heterosexuell ist, spielt kaum eine Rolle mehr. Eine unverhoffte, berührende, ein bisschen utopische Nacht. Da spiegelt sie auch eines der größten Probleme unserer Zeit: die soziale Schere. Diese entspannte Grenzüberschreitung gibt es zum Preis der hohen Homogenität und der relativ geringen sozialen Durchmischung. Diese Utopie kostet Eintritt.

Nicht Techno hat diese soziale Schere geschaffen, aber Techno kann ihr nicht immer entkommen. Und dann muss man sich auch fragen: Wie ist es denn so da draußen, in meinem Leben? Mischen sich da die Leute noch, rede ich noch mit welchen, die total anders sind? Im Freundeskreis, bei der Arbeit? Das müssen nicht tiefe Diskussionen sein. Blicke, Gesten, kleine Gespräche wären schon ein Anfang. Dafür bleibt ein guter Club ein Labor. Und bevor man zugelabert wird, zum Beispiel von Texten wie diesem, lieber gleich die Höflichkeitsformel der Raver aufsagen: "Sorry, ich muss jetzt dringend tanzen."

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Autoren

Tobi Müller

Sendung

Nachtstudio vom 19.02.2019 - 20:05 Uhr