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Autor T.C. Boyle
© Jamieson Fry

Autoren

Laura Freisberg
© Jamieson Fry

Autor T.C. Boyle

USA, Anfang der 60er Jahre. Die Droge LSD ist noch nicht in der Popkultur angekommen, sondern ein Mittel, das Pharmafirmen legal vertreiben. An der Universität von Harvard kommt ein junger Doktorand in Kontakt mit dem Psychologie-Professor Timothy Leary, der erforschen will, wie LSD in der Psychotherapie eingesetzt werden könnte. Am liebsten testet Leary die Droge in seiner Privatvilla - mit einem eingeschworenen Kreis von Studenten und ihren Partnerinnen. Leary, der Star-Professor, wirbt regelrecht um seinen Studenten Fitz, damit der sich auf ihn und das LSD einlässt. Bald sind Fitz und seine Frau Joanie auch Teil dieser "Sessions", die einen aufregenden und glamourösen Kontrast bilden zu ihrem Alltag , der vor allem von Geldsorgen bestimmt wird. Leary zu Fitz über ihr Verhältnis: "Ich bin die Gans und du bist das Küken. Das Mittel wischt all die Rollen und Spielchen weg, den ganzen Mist, den die Gesellschaft dir aufgedrückt hat, es macht Tabula rasa, und du kannst noch mal von vorn anfangen, du bist neu geboren. Du bist ein Baby, Fitz, ein Kind, mein Kind."

Timothy Leary und seine Anhänger fühlen sich wie Pioniere, die nicht nur die Psychotherapie, sondern die ganze (spießige) Gesellschaft revolutionieren könnten. Doch zuerst wollen sie die Droge selbst testen; möglichst häufig und auch einigermaßen wissenschaftlich. Nach jeder "Session" muss zumindest ein Erlebnisbericht verfasst werden. T.C. Boyle setzt Timothy Leary und seinen Psychonauten ein literarisches Denkmal. Es gelingt ihm mit Leichtigkeit, die damalige Euphorie für dieses Mittel zu beschreiben - als etwas neuem, das Grenzen sprengt, mit dem sich alles intensiver und wahrhaftiger anfühlt. LSD gehört - genau wie etwa psychoaktive Pilze - zu den sogenannten entheogenen Drogen, die den Konsumenten ermöglichen, mit dem Göttlichen in Kontakt zu treten. Wenn man denn glaubt, dass es etwas Göttliches gibt! Boyle, Sohn irischer Einwanderer und katholisch erzogen, tut das nicht: "Ich glaube nicht an Gott, ich bin Atheist! Aber im Kern ist Wissenschaft genauso irrational und spekulativ wie Religion, weil sie die essentiellen Fragen nicht beantworten kann. Nämlich: woher kommt das Leben und warum leben wir? Letztlich möchte jeder das wissen. Denn wir sind alle dazu verdammt, zu sterben – ganz gleich wie gebildet wir sind, ob wir uns die Zähne richten lassen oder für die Rente etwas ansparen – im Grunde ist es völlig gleich."

Boyles Lieblingsthemen lassen sich auch in "Das Licht" finden

Haben Timothy Leary und seine Anhänger auf LSD quasi-religiöse Erfahrungen - oder ist Religion und Mystizismus nicht mehr als eine Synapsen-Party im Gehirn? Boyle streift diese Frage nur. Im Grunde interessiert er sich für etwas anderes. Da wären etwa seine Lieblingsthemen, die man schon aus Romanen wie "Drop City", "Dr. Sex" oder "Die Terranauten" kennt: Eine historische Figur aus Sicht seiner Anhänger erzählt. Die Dynamik innerhalb einer Gruppe von Menschen, die einen "inner circle" bilden. Macht, Paarbeziehungen und nicht exklusiver Sex, Eifersucht. Und die Frage, wie lange so ein Experiment gutgehen kann. Timothy Leary verlässt schließlich Harvard und zieht mit seiner Gruppe von Studenten - und natürlich deren Partnerinnen - erst nach Mexiko und dann in ein Anwesen im Staat New York. Dort leben sie in einer großen Kommune von der auch Fitz‘ Frau Joanie erst mal sehr begeistert ist: "Jetzt verbrachte sie ganze Tage damit, über Wiesen zu laufen, zu rudern, zu meditieren. Sie sah, wie die immer höher steigende Sonne den See mit ihrer transformierenden Kraft durchdrang, sie legte die Kleider ab und sprang hinein, und das Wasser war so klar und kalt, dass es ihr den Atem verschlug. Also: Ja, es war ein Idyll. Und ja, sie war glücklicher als je zuvor. Und ja, ja, ja, sie liebte Fitz umso mehr, und Ken, Tim und Charlie ebenfalls. Ihr Liebesleben war ein Traum von Körper und Geist."

Ein guter, harmloser Trip

Aber weil die gesellschaftlichen und emotionalen Grenzen immer weiter ausgelotet werden sollen, ist die Katastrophe schon vorprogrammiert: Nachdem Fitz eine Woche lang im Gartenhaus der Villa mit einer Neunzehnjährigen die Höchstdosis genommen hat, ist er kaum in der Lage, in den Alltag zurückzukehren. Er entwickelt eine Besessenheit für das Mädchen, seine Ehe zerbricht. Diese permanente Grenzerfahrung erzählt T.C. Boyle in gewohnt schwungvoller Art. Leider bleibt er dabei recht glatt, obwohl er doch – wie er vor allem in seinen Kurzgeschichten beweist - durchaus verstörende Szenen erfinden kann, die einen noch lange nach dem Lesen beschäftigen. So gesehen muss man vor "Das Licht" keine Angst haben: es ist ein guter, ein eher harmloser Trip.

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Diwan - Das Büchermagazin vom 27.01.2019 - 14:05 Uhr