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50 Jahre "Tatort": "Wahnsinn. Diese Figuren sind so reich!" | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: WDR/Frank Dicks

Wird 50 Jahre alt: Der "Tatort"

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50 Jahre "Tatort": "Wahnsinn. Diese Figuren sind so reich!"

50 Jahre, da könnte man nostalgisch werden... oder nach vorn blicken, auf den Jubiläums-Zweiteiler "In der Familie". Drehbuchautor Bernd Lange erzählt, wieso es diesmal die Mafia sein soll – und warum er will, dass seine Bücher im Papierkorb landen.

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Von
  • Christoph Leibold

Sonntagabend, 20 Uhr 15 – "Tatort"-Zeit im Ersten. Gut, heute kann man die neuesten Fälle der Krimireihe immer auch noch zu einem späteren Zeitpunkt in der ARD-Mediathek anschauen. Trotzdem zählt der "Tatort" bis heute zu den meistgesehenen Formaten im deutschen Fernsehen – und das seit nun 50 Jahren.

Zum Jubiläum des Fernsehklassikers gibt es sozusagen die Bildschirm-Variante des deutschen Fußball-Klassikers FC Bayern gegen Borussia Dortmund, eine Doppelfolge mit dem Münchner und dem Dortmunder Ermittlerteam. Hier Leitmayr und Batic, dort Faber und Bönisch. Titel: "In der Familie". Letzen Sonntag (29.11.) lief die erste Folge, jetzt am Sonntag (6.12.) dann die zweite. Das Drehbuch für beide Teile stammt von Bernd Lange. Christoph Leibold hat für BR24 mit dem Autor gesprochen.

Christoph Leibold: Was macht das Format "Tatort" aus Sicht eines Drehbuchautors attraktiv?

Bernd Lange: Ehrlich gesagt, ist der "Tatort" die Institution im Fernsehen, wo man sich sicher sein kann, dass man, ohne sich irgendwie darum bemühen zu müssen, ein Millionenpublikum vor sich hat. Und zum zweiten ist es natürlich die Möglichkeit, durch die Idee des Polizeifilms schnell in Konflikte einsteigen zu können, die schon an der Spitze sind. Das heißt, irgendwo hat sich ein Drama ereignet oder ist dabei, sich zu ereignen. Und dadurch werden bestimmte Dinge gesellschaftlich oder persönlich überhaupt erst sichtbar.

"In der Familie" erzählt jetzt einen Fall um Drogenhandel und Geldwäsche der kalabrischen Mafia. Im Zentrum steht eine Familie in Dortmund: Vater, Mutter, Tochter. Sie betreibt eine Pizzeria, die nicht viel Geld abwirft. Aber das muss sie auch nicht, weil sie eigentlich als Umschlagplatz für Kokain dient. Die Dortmunder Ermittler haben das Ristorante im Visier. Als dort dann noch ein Killer untertaucht, der in München einen Mord verübt hat, rücken die Kommissare aus München an. Soviel in aller Kürze zum Plot. Der "Tatort" hat sich ja immer schon aktueller Themen angenommen, Rechtsextremismus, Terrorismus und so weiter. Das jetzt ist ja fast so etwas wie ein immerwährender Klassiker, also organisiertes Verbrechen. Wie kam es zur Wahl dieses Genres für die Jubiläumsproduktion?

Von vornherein stand fest, dass man es durch die Anwesenheit der Dortmunder und der Münchner Kommissare natürlich mit sieben Ermittlern zu tun hat. Und sieben Ermittler kann man schlecht in ein Reihenhaus schicken, wenn sich ein innerfamiliäres Drama ereignet hat, sondern für so eine große Anzahl von Polizisten braucht man natürlich auch einen starken Antagonismus. Und auf der Suche nach diesem starken Antagonismus haben wir zusammen mit den Redakteuren und dem Produzenten überlegt, was das sein könnte – und da hat sich bei der Recherche tatsächlich die 'Ndrangheta angeboten. Da, wie Sie ja sagen, das organisierte Verbrechen, die Mafia ein erzählerischer Klassiker ist – und gleichzeitig, wie ich finde, in der Gegenwart nicht richtig präsent ist, was aber gar nicht ihren Stellenwert gerecht wird. Die 'Ndrangheta hat einen konservativ geschätzten Jahresumsatz von 60 Milliarden Euro in Europa. Das entspricht ungefähr einem Unternehmen wie Siemens. Und diese Schattenwirtschaft auch irgendwie ins Licht zu holen, war eines der Anliegen für diesen Film.

© WDR/Frank Dicks

Mordfälle lösen? Gar nicht so einfach! Den "Tatort"-ErmittlerInnen gelingt's aber meist ganz gut - und das nun schon seit 50 Jahren.

Sie haben gerade gesagt: sieben Ermittler. Zu den Kern-Duos kommen ja noch Assistenten dazu, darum sind's sieben. Da hat man es mit Geschichten und Figuren zu tun, die Sie nicht vom Fleck weg erfinden können. Die bringen ihre jeweils eigenen Vorgeschichten schon mit. Was bedeutet das für den Drehbuchautor?

Es ist eine Besonderheit, aber es ist eigentlich eine schöne Besonderheit. Batic und Leitmayr sind Institutionen. 35 Jahre, 30 Jahre? Ich weiß es gar nicht.

Seit 1991, also fast drei Jahrzehnte!

Wahnsinn. Diese Figuren sind so reich! Und die Dortmunder haben im Vergleich zu der kürzeren Zeit, die sie ermitteln, eine wahnsinnig dichte "Backstory" schon als Figuren bei sich. Das ist erst mal ein Geschenk. Also muss man sich darum nicht kümmern, sondern muss die Figuren erfassen. Man bekommt sozusagen wie ein Musiker eine schon bestehende Partitur – und muss die jetzt anfangen zu interpretieren.

Wobei die Darsteller ihre Charaktere auch in- und auswendig kennen. Kann's da passieren, dass man als Drehbuchautor auch mal daneben liegt und gesagt bekommt: Also, das würde meine Figur so NIE sagen oder machen?

Ich glaube, das wäre auch vermessen, als Drehbuchautor Miroslav Nemec oder Udo Wachtveitl ihre Figuren zu erklären ... Ich kann nicht mit diesen 30 Jahren Erfahrung konkurrieren. Genauso wenig bei den Dortmundern. Wolfgang Kohlhaase hat mal gesagt: Drehbuchschreiben ist schreiben mit offener Tür. Das heißt: Jeder, der etwas zum Inhalt beizutragen hat, ist eigentlich willkommen. Seien es Schauspieler, Produzenten, Regisseure... Und so habe ich das auch immer gesehen. Das heißt, wir haben mit den Schauspielern dann auch Leseproben gemacht. Und was sich da ergibt, das nehme ich natürlich ins Drehbuch auf.

Mit den Dortmundern und den Münchnern treffen ja auch sehr unterschiedliche Teams aufeinander. Auf der einen Seite, Sie haben es gesagt, Leitmayr und Batic, die sich seit Jahren kennen, auch mal gern frotzeln. Auf der anderen Seite die Dortmunder Faber und Bönisch, die sich siezen und nicht immer leicht tun, ein Team zu werden, weil Faber im Grunde ein Einzelgänger ist. Also eigentlich treffen da Welten aufeinander. Es sollte ja eigentlich ein Miteinander der Ermittler sein – ist es das Spannende aber auch, dass es oft ein Gegeneinander ist? Auch noch mit Hin- und Rückspiel, also die erste Folge in Dortmund, die zweite in München ...

Ich hab das beim Schreiben einfach auf mich zukommen lassen. Natürlich ist der Dortmunder Kommissar Peter Faber jemand, der fast in jeder Situation, in die man ihn bringt, irgendwie aneckt. Und auf der anderen Seite gab es plötzlich Sympathien zwischen Figuren, die ich im Vorfeld gar nicht so richtig gesehen hatte. Das muss man beim Schreiben, glaube ich, einfach so begleiten. Ja, das kann man nicht wirklich entweder in die Richtung Konflikt oder auch in die Richtung Sympathie pushen.

Der "Tatort" steht ja oft auch für ästhetische Experimente und ambitionierte Bildsprache. Für die Doppelfolge wurden auch zwei Regisseure verpflichtet, die so etwas gerne bedienen, Dominik Graf für die erste Folge, Pia Strietmann für die zweite. Wie ist das für Sie als Autor, kann man das im Drehbuch auch schon anlegen?

Man kann Hinweise geben in einer Art und Weise, wie man eine Szene schreibt. Ob man sagt, ich fange jetzt mit einer näheren Einstellung an, was man da beschreiben kann. Gleichzeitig denke ich immer: Man schafft als Drehbuchautor eine Grundlage für Schauspieler, Regie und Kamera – und für alle, die dann noch danach kommen, um diese Vorlage zu interpretieren und sich zu eigen zu machen. Das heißt: Einfach nur das Drehbuch zu verfilmen wäre fast zu wenig, sondern man muss sozusagen das Drehbuch in die Hand nehmen. Wenn das Drehbuch am Ende der Dreharbeiten mit all den Kaffeebechern im Papierkorb landet, dann ist es genau da, wo es hingehört. Es muss ja ein Film entstehen.

Der erste Teil von "In der Familie" läuft am 29.11., der zweite am 6.12., jeweils um 20 Uhr 15 und natürlich im Ersten. Beide Teile stehen nach der Erstausstrahlung dann auch ein halbes Jahr lang in der ARD Mediathek.

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