Junger Mann steht vor einem Maschendrahtzaun.
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Rema sorgt für Pop aus West-Afrika, der die Welt in einen neuen Vibe beamt.

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Tanzmusik als Protest: "Rave & Roses (Ultra)" von Rema

Es muss nicht immer "We Shall Overcome" sein: Im Iran tanzten junge Frauen zu einem Track des nigerianischen Rappers Rema und filmten sich dabei. Jetzt hat Rema seine ikonischen Pop-Songs nochmal interpretiert für das Album "Rave and Roses (Ultra)".

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Was den Song "Calm Down" so gefährlich macht, ist nicht sein Text. Das ist eher Kategorie Teenagerparty-Junge-schockverliebt-sich-in-Mädchen, aber die anderen Partygäste verhindern zunächst, dass er ihr näher kommt. "Calm Down" heißt der Song; er landet 2022 weltweit in den Charts und auf Tiktok tanzen die Menschen zu diesem Lied.

Auch in Ländern, in denen Tanzen verboten ist. Am achten März macht ein Video auf Tiktok die Runde von fünf jungen Irannerinnen, die in Teheran zu "Calm Down" tanzen, in Hosen und ohne Hijab. Die mutigen Frauen haben den Weltfrauentag für ihren Protest gegen das repressive iranische Regime gewählt. Bereits zwei Tage später werden die Frauen verhaftet. Das Netz wird überschwemmt mit Solidaritätsbekundungen.

Tanz als subversiver Akt

Auch der Sänger von Calm Down, Rema, meldet sich zu Wort: Liebe an diese jungen Frauen und alle Frauen im Iran, die weiterhin mutig sind und grundlegende Veränderungen fordern. Bitte wisst, dass eure Stärke inspirierend ist, schreibt der 22-jährige Rapper.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Rema-Song zum Soundtrack für Proteste der jungen Generation wird. 2020 geht Nigerias Jugend auf die Straße gegen die Brutalität und Willkür der Polizeieinheit SARS, der Special Anti Robbery Squat. Lautstark begleitet von REMA’s Anti-Korruptionshymne: Are You There?

"Es sieht nicht so aus, als ob man so schnell zu Änderungen bereit wäre - weder in der Regierung noch im Volk. Doch wir sind alle betroffen. Are You there. Damit will ich sagen: Wacht auf. Es heißt immer, die Regierung tut nichts. Aber wir, das Vok, tun auch nichts. Wenn etwas Schlimmes passiert, wird darüber getwittert. Und am nächsten Tag gehen wir wie immer zur Arbeit."

So erzählt es Rema im Interview mit Arte Traxx, in dessen Familie Politik schon immer eine Rolle spielte. Rema, der mit bürgerlichen Namen Divine Ekobor heißt, ist gerade mal acht Jahre alt, als sein Vater, ein Verleger und Politiker auf mysteriöse Weise ums Leben kommt. Rema findet Trost im Glauben, ein Priester wiederum bestärkt ihn, eigene Songs zu schreiben.

Selbst Barack Obama war hingerissen

Und tatsächlich – bereits sein erster Freestyle-Rap wird ein Hit auf Instagram und weckt das Interesse der großen Plattenfirmen. Bereits die erste offizielle Single Iron Man landet in Nigeria auf Platz 1 und auf Barack Obamas persönlicher Sommer-Playlist von 2019. Und was singt Rema da eigentlich? Es ist eine wilde Mischung verschiedenster Sprachen und Dialekte, Pidgin-Englisch, Yoruba und – Lamba, eine Sprache, die Rema selbst erfunden hat: "Mit Lamba drückt man ein Gefühl aus, für das es keine Worte gibt. Manchmal fühlt man sich irgendwie seltsam und würde das gerne herauslassen. Ein Geräusch, als ob man wütend sei. Wir haben schon 150 Landessprachen. Da ist es nicht schlimm, wenn ich auch noch eine erfinde", sagt Rema.

Afro-Rave sickert in den Mainstream ein

Afro-Rave nennt Rema seinen Sound, der auch indische und arabische Elemente enthält. Und während er auf dem afrikanischen Kontinent mit Love-Songs wie "Woman" oder "Soundgasm" zum nächsten großen Star der so genannten zweiten Afrobeat-Generation heranreift, hat sein größter Tiktok-Hit "Calm Down" den Zenith noch nicht erreicht. Um den Rema-Hype über den afrikanischen Kontinent hinaus noch größer werden zu lassen, wurde "Calm Down" inzwischen auch als Duett zusammen mit US-Superstar Selena Gomez aufgenommen.

Jenseits knallharter Musikbusiness-Kalkulationen hat "Calm Down" in der Selena-Gomez-Version noch etwas anderes bewirkt: nämlich eine neue Flut an Tiktokvideos ausgelöst, in der junge Frauen im Iran ohne Kopfbedeckung, aber sicherheitshalber mit verpixelten Gesichtern, auf der Straße tanzen.

Rave & Roses (Ultra) - Rema [2023 Mavin Records / Jonzing World]