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© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper
Bildrechte: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Tannhäuser und Venus

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"Tannhäuser": Das Fleisch ist willig, der Geist macht Krach

Star-Regisseur Romeo Castellucci wuchtete Wagners "Tannhäuser" als bildgewaltiges und gedankenschweres Verfalls-Ritual auf die Bühne, mehr Kunstperformance als Oper. Das duldsame Publikum war sehr geteilter Meinung. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Wirklich kein schöner Anblick, wenn ein Mensch verwest. Und, ehrlich gesagt, wenn eine Oper verfault, ist das auch ziemlich nervenaufreibend. Zu besichtigen war beides gestern Abend an der Bayerischen Staatsoper in München bei der Premiere von Richard Wagners "Tannhäuser". Kein Wunder, dass sich Teile des Publikums empörten und sehr schnell aufbrachen. Nicht wenige dagegen zeigten sich begeistert. Moderne Kunst ist eben schon lange nicht mehr so verstörend wie ehedem, und seit Christoph Schlingensief in Bayreuth aus Wagners "Parsifal" einen "Hasifal" gemacht hat und einen verwesenden Tierkadaver zeigte, sind Opern-Zuschauer sogar an drastische Bilder der Vergänglichkeit gewöhnt.

30 Tonnen Knochenmehl

Der Weg allen Fleisches ist auch das große Thema des italienischen Regissseurs Romeo Castellucci. Vor ein paar Jahren inszenierte er Strawinskys Ballett "Frühlingsopfer" (Le Sacre des Printemps) mit Hilfe von dreißig Tonnen Knochenmehl und jeder Menge Maschinen als äußerst staubiges Ritual. Tänzer wurden damals nicht benötigt. Jetzt nahm sich der derzeit sehr angesagte und international gefeierte Konzeptkünstler und Stücke-Sezierer Castellucci also den "Tannhäuser" vor. Viel blieb von dem nicht übrig. Eigentlich nur ein paar Hände voll Staub, die am Ende bedeutungsschwer auf ein Grabmal rieselten.

Wabbelige Urmutter aus der Altsteinzeit

Der Weg dahin war allerdings rund fünf Stunden lang, dank überlanger Pausen und aufwändiger Umbauten. Castellucci interessierte sich dabei selbstredend nicht für Wagners mittelalterliche Geschichte vom Sängerwettstreit auf der Wartburg, auch nicht für die Erotik im Venusberg oder die fromme Pilgerfahrt nach Rom. Ihm ging es vielmehr abermals um archaische Rituale, um den ziemlich unappetitlichen, aber leider unausweichlichen Kreislauf von Werden und Vergehen. Folgerichtig begann er mit einem Berg aus Blut, Fleisch und Fett, einer wabbeligen Venus als Urmutter aller Materie, inspiriert von einer dreißig- bis vierzigtausend Jahre alten, bauchigen Statuette aus der Altsteinzeit.

Amazonen schießen Pfeile, Lemuren im Schlamm

Von da geht es direkt in die Fäulnis: Die Zeit rast, Tannhäuser und Elisabeth kommen sich wie alle anderen Menschen keinen Millimeter näher, irren durch eine Art Autowaschanlage, und zerfallen schließlich vor aller Augen in ihren Gräbern zu Staub. Das Ganze wird umrahmt von halbnackten Amazonen, die bedeutungsschwer Pfeile abschießen, Lemuren, die sich im Schlamm wälzen, reichlich Glibber und einem Batzen Gold. Alles Sinnbilder, alles tiefgründig: Ein Regisseur vom Format Castelluccis spricht umstandslos von Geistesgrößen wie Sigmund Freud und Gilles Deleuze, von Giorgio Agamben und Jacques Lacan, von David Foster Wallace und Ödipus. Wem das alles nichts sagt, der steht vor Rätseln und muss seine Verwirrung entweder genießen oder verdrängen.

Kunstreligion oder Kunstinstallation?

Der "Tannhäuser" jedenfalls war mit dieser hoch intellektuellen Konzeptkunst total überfordert. Natürlich, auch so eine romantische Oper lässt sich sezieren, aufbrechen, mit moderner Körper-Politik konfrontieren, aber nur, wenn die Analyse entlang der Geschichte erfolgt. Wenn die so gar keine Rolle spielt und die Sänger allesamt nur Statisten einer düsteren Ritualhandlung sind, wird es ärgerlich. Es stimmt schon, Wagner war der Erfinder der Kunstreligion, aber die ist sicher nicht gleichbedeutend mit einer Kunstinstallation. Ein "Parsifal" in diesem Stil hätte mehr Sinn gemacht, auch eine "Carmina Burana" oder ähnlich pathetische Stücke hätten bestens funktioniert.

Dirigat in Tempo-30-Zone

Leider überzeugte auch das Dirigat des zu Recht viel gefeierten Kirill Petrenko diesmal nicht: Er wirkte streckenweise, als habe er sich in einer Tempo-30-Zone verfahren, so mühselig ging es voran. Die außerordentlich gedehnten und wohl innig-meditativ gemeinten Passagen zwangen die Sänger teilweise dazu, sich mit ein paar Extra-Silben über die Runden zu retten. Klaus-Florian Vogt in der Titelrolle tat sich schwer, wirkte auch nervös: Er hat eine sehr helle, strahlende Tenorstimme, die zum grüblerisch-verzweifelten Tannhäuser so gar nicht passt. Anja Harteros war als Elisabeth stimmlich grandios, schauspielerisch aber überhaupt nicht gefordert. Star-Bariton Christian Gerhaher als Wolfram von Eschenbach geriet regiebedingt in einen manierierten, breiten Flüsterton, Georg Zeppenfeld hatte als sonorer Landgraf Hermann vorwiegend Stehvermögen zu beweisen. Elena Pankratova war eine gänzlich emotionslose Venus: Was kann eine Urmutter auch schon erschüttern? Irgendwann sind wir alle Staub, richtig, aber eine Oper ist doch noch mal was anderes als eine Erdbestattung!

Wieder am 25. und 28. Mai, sowie im Juni und Juli (alle Vorstellungen ausverkauft).

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Urmutter Venus

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Wahrnehmungsprobleme

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Zeit und Verfall

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Amazonenkampf