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Wie ein "Zwiebel-Modell" europäischer Identität aussehen könnte | BR24

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Für die Schriftstellerin Tanja Dückers ist das Ergebnis der Europawahl vor allem eins: vieldeutig. Der klare Rechtsruck ist ausgeblieben, Klimapolitik keineswegs nur Sache der Jungen. Und über europäische Identität wird wieder intensiver gestritten.

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Wie ein "Zwiebel-Modell" europäischer Identität aussehen könnte

Für die Schriftstellerin Tanja Dückers ist das Ergebnis der Europawahl vor allem eins: vieldeutig. Der klare Rechtsruck ist ausgeblieben, Klimapolitik keineswegs nur Sache der Jungen. Und über europäische Identität wird wieder intensiver gestritten.

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"Bisher empfinden wir uns besonders dann als Europäer, wenn wir uns von anderen abgrenzen. Wir brauchen eine positive europäische Identität." Das hat die Schriftstellerin Tanja Dückers schon in einigen Essays zur Frage, wie eine kulturelle Identifikation mit Europa gelingen könnte, gefordert. Joana Ortmann hat mit Dückers über den Ausgang der Europawahlen gesprochen.

Joana Ortmann: Anknüpfend an die Europawahl scheint ein positives europäisches Selbstverständnis nicht so einfach herzustellen, besonders wenn man auf die Wahlergebnisse in Ländern wie Polen, Ungarn, Italien oder Frankreich schaut.

Tanja Dückers: Insgesamt würde ich sagen, dass die Ergebnisse in den verschiedenen europäischen Ländern doch nicht von eindeutigen Trends sprechen, sondern eher auseinanderklaffen und eher eine Polarität nahelegen. Zum Beispiel haben wir einen Sieg der Sozialisten in Spanien. Man kann eigentlich nicht von einer Abkehr von europäischen Ideen oder von einer transnationalen Identität sprechen, sondern eher davon, dass stärker darum gestritten wird, was das eigentlich bedeutet. Die Antworten fallen in den Ländern verschieden aus. Aber das gehört zu einer Demokratie, auch einer so großen transnationalen, das finde ich auch nicht so negativ. Und selbst in Polen bieten die liberalen Kräfte mit 39 Prozent wirklich ein sehr deutliches Gegengewicht zur PiS-Partei, das heißt, dass das Land auch eher gespalten ist.

Denken Sie denn, dass wir uns langfristig auf dem Weg zu einem positiv betrachteten "Einwanderungs-Kontinent" befinden, wie Sie es nennen?

Da wird natürlich abzuwarten sein, wie viele Sitze die rechtspopulistischen Parteien letztendlich erhalten werden: Die werden natürlich schon versuchen, die Einwanderungspolitik zu verändern und stärkere Hürden zu schaffen. Auf der anderen Seite: Auch wenn jetzt die Rechtspopulisten auch einen Zugewinn zu verzeichnen haben und die Frage nach Europa als Einwanderungs-Kontinent erst einmal ein bisschen warten muss, glaube ich nicht, dass das letztendlich etwas daran ändern wird, dass weiterhin mehr Menschen kommen und Europa sich auch unter diesem Aspekt verändern wird. Eigentlich bin ich doch insgesamt schwach optimistisch. Das hat auch damit zu tun, dass die Wahlbeteiligung erstmals seit 38 Jahren wieder gestiegen ist. Das zeigt: Mehr und mehr Menschen interessieren sich für das Projekt Europa. Das muss man wirklich feststellen, gerade bei den Jüngeren sind ja die Quoten hoch, man merkt insgesamt, dass sich die unter 30-Jährigen nicht nur in Deutschland wieder mehr politisieren. Und es gibt ein stärkeres Interesse daran, die europäische Identität auch mit Einwanderung und dem Gedanken einer Vielfalt zu verbinden.

Sie haben das mal "nomadisierende Identität" genannt …

Ja, wobei man zu diesem Begriff sagen sollte, dass er nicht bedeutet, dass wir uns herkunfts- und identitätslos über den Globus bewegen sollten, sondern damit ist eigentlich gemeint: Wir haben eine Herkunft. Das ist etwas Regionales, bei mir ist es Berlin. Dann hat man eine Identität als Deutsche/r und eine europäische Identität. Das ist mehr ein Zwiebel-Modell.

Ein wichtiger Bestandteil von Identität scheint, nach dieser Wahl zu urteilen, der Klimaschutz zu sein.

Das ist vor allem auch sehr spannend, weil das ja keineswegs nur ein Generationsprojekt ist. Die Grünen, 1980 klar als Umweltpartei gegründet, haben einen unglaublichen Erfolg in Deutschland. Bei den unter 30-Jährigen ist Bündnis 90/Die Grünen mit Abstand die stärkste Kraft und selbst bei den unter 60-Jährigen gleichauf mit der CDU/CSU, und erst bei den über 60-Jährigen haben die Konservativen dann die Nase vorn. Das zeigt: Das sind mehrere Generationen!

Gleichzeitig kann man jetzt beobachten, wie die Grünen auch von der Politik instrumentalisiert werden, wie das Thema Klimaschutz benutzt wird, um sie zu diskreditieren.

Ja, der Berliner CDU-Fraktionschef Burkard Dregger hatte kurz nach der Wahl gesagt: "Den Grünen ist das Geschäft mit der Angst am besten gelungen." Das ist natürlich eine ziemlich arrogante Aussage, die deutlich macht, wie wenig er die berechtigten Ängste der Bürgerinnen und Bürger ernst nimmt und wie sehr er auch die Klimakatastrophe verharmlost. Diese Bemerkung ist nicht zukunftsträchtig.

Ein Paradox ist und bleibt, dass trotzdem einige Parteien sehr erfolgreich sind, die Europa als Kernidee eigentlich abschaffen wollen.

Das ist wirklich ein deprimierendes Ergebnis, dass diejenigen, die so stark mit antieuropäischen Slogans auf sich aufmerksam gemacht haben, jetzt auch verstärkt im EU-Parlament repräsentiert sind. Da bin ich auch noch im Nachdenken wie man das interpretieren kann. Aber insgesamt ist ja der Erdrutsch-Sieg für die rechtspopulistischen Parteien dann doch ausgeblieben. Es gibt Zuwachs auf beiden Seiten, und die Debatten werden schwieriger werden.

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