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Darum sollte ein Überlebensrecht der Arten einklagbar sein | BR24

© Bayern 2

Gespräch mit Tanja Busse über ihr Buch "Das Sterben der Anderen"

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Darum sollte ein Überlebensrecht der Arten einklagbar sein

Früher gab es Heuschreckenplagen, heute sind diese gewöhnlichen Insekten selten und stehen für das dramatische Artensterben. Ein Gespräch mit Tanja Busse, die ein Buch über unsere ökologischen Katastrophe geschrieben hat: "Das Sterben der Anderen".

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Ab morgen findet in New York der UN-Klimagipfel statt. Am heutigen Freitag gehen weltweit die Menschen auf die Straße beim dritten globalen Klimastreik, um der Politik auf die Beine zu helfen. Auch das Bundeskabinett tagt heute, um ein "Klimapaket" zu schnüren. Einer dieser Begriffe, die Kontrolle und Machbarkeit suggerieren, ohne sie einzulösen. Und dann gibt es ja immer noch ein Ranking, welche Themen im Fokus stehen. Biodiversität und Artenschwund sind da ein eher stilles Thema, das aber die Journalistin und Autorin Tanja Busse in ihrem neuen Buch aufgegriffen hat. Es geht darum nicht nur um die Biene, sondern um die sonstigen, nicht ganz so charismatisch ausgestatteten Insekten. "Das Sterben der anderen" heißt es. Barbara Knopf hat mit Tanja Busse darüber gesprochen.

Barbara Knopf: Sie haben sich in ihren bisherigen Büchern schon sehr stark mit Umweltthemen und Nachhaltigkeit beschäftigt. Für Ihr neues Buch hatten sie ein ganz persönliches Initiationserlebnis, eine Wahrnehmung, die Sie das ganze Ausmaß einer ökologischen Katastrophe spüren ließ?

Ja, wir waren Radfahren am Bodensee mit meinem kleinen Sohn, ein richtiges Draußen-Kind. Bei einer Pause hielt er plötzlich an und fragte, "Mama was ist das für ein Geräusch?". Ich habe lange nicht verstanden, was er gemeint hat. Er hat eine Heuschrecke gehört, und zwar mit mit knapp fünf Jahren zum ersten Mal! Das hat mich erschüttert - in welcher Welt wächst mein Sohn auf, in der es offenbar schon normal ist, dass es überhaupt keine Heuschrecken mehr gibt? Ich habe mich dann auf die Suche begeben zu einem Heuschreckenexperten, zu den Insektenforschern, zu den Entomologen in Krefeld, die mir alle gesagt haben: Wir haben einen unglaublichen Niedergang und zwar nicht nur der seltenen Arten – wir wissen ja schon lange, das die seltenen Arten in den Biotopen, die wir vernichtet haben, fehlen –, sondern auch der gewöhnlichen Arten, die es früher noch massenhaft und geradezu in Plagen gab. Ganz viele davon verschwinden. Ich dachte zunächst, ich müsse über das Insektensterben recherchieren, um dann aber zu verstehen, das ist nur ein Teil von etwas viel Größerem. Da Insekten auch Nahrung für Vögel sind, ist das ist ein kompletter Zusammenbruch von Ökosystemen, die in ihrer Vielfalt nicht nur schön sind, sondern auch nötig, damit sie als Ökosysteme überhaupt funktionieren, sodass wir darin leben können.

Kann man am Beispiel der Heuschrecke, die ja jetzt nicht ganz so mythologisch aufgeladen ist wie die Biene, verdeutlichen, wie dramatisch ist, was da gerade vorgeht?

Ja, ganz gut. Ich bin mit einem Insektenforscher in eine ehemalige Heide gefahren, in die Huppenheide in der Nähe von Münster. Die heißt so, weil hupp hupp der Ruf vom Wiedehopf ist – oder war. Man hat mir dann gezeigt, dass die ganzen Strukturen verschwunden sind; es gab dort einen winzig kleinen Fleck, an dem die Heuschrecken noch vorhanden waren. Wir haben in unserem Verständnis noch Vorstellungen von einer Heidelandschaft: den Wiedehopf kennt man aus dem Lied "Vogelhochzeit". Die Begriffe sind noch da, aber die Ökosysteme und ihre Bewohner, die es früher mal gegeben hat, die sind einfach verschwunden. Eine vielfältig strukturierte Landschaft haben wir über große Flächen in Deutschland vernichtet, um dort eine intensive Landwirtschaft zu betreiben, in der kein Platz mehr ist für diese Vielfalt.

© Josef Baumgartner

Der Wiedehopf

Das ist auch das Paradox, das Sie in Ihrem Buch beschreiben: Der Mensch hat diese Landschaft vor vielen Jahrhunderten kultiviert und jetzt zerstört er sie wieder. Das Ausmaß ist erkennbar, wenn man die Augen aufmacht, sieht man keine Schmetterlinge mehr. Warum reagieren wir eigentlich nicht?

Es gibt da so ein ganz eigenartiges Phänomen, das zuerst ein Fischereiwissenschaftler beschrieben hat, er hat das die shifting base line genannt – die absinkende Basislinie, von der aus wir unsere Erfahrung machen. Ich habe als Kind erlebt, wenn man sich auf einer Wiese ins Gras legt, krabbelt da alles durcheinander. Mein Sohn legt sich auf den Rasen und dann kommt vielleicht einmal eine Hummel vorbei, aber krabbeln tut da nichts mehr. Das heißt, seine Wahrnehmung startet von einem anderen Punkt: Er ist an diese unglaubliche Armut, die wir jetzt als Verlust empfinden, gewöhnt, und so startet auch jede Wissenschaftlergeneration mit einem viel geringeren Verständnis. Da hilft es wirklich alte Texte zu lesen. Es gibt eine wunderschöne Passage bei Rosa Luxemburg, die über das Vogelsterben nachsinnt – vor über hundert Jahren wohlgemerkt. Während die Leute vor 200 Jahren, als es diese Allmendeflächen noch gab, die Horte der Artenvielfalt waren, auch noch mal viel mehr Vielfalt gewohnt waren. Die Wissenschaftler verweisen darauf, dass das nicht nur ein ästhetischer Verlust ist. Wir brauchen diese Vielfalt, damit das schmutzige Wasser wieder sauber wird, damit aus dem Laub Dünger wird und aus dem Kot der Tiere wieder Erde! Das brauchen wir alles. Die große Vielfalt ist für uns überlebenswichtig.

Sie wünschen sich in ihrem Buch ein Tribunal für die Arten, also eine Art Klagerecht. Was hat man darunter zu verstehen?

Mein Ansatz ist zu sagen: Wir haben offenbar jetzt ein politisches System, das irgendwie erkennt und benennt, dass wir unsere Lebensgrundlagen im großen Stil riskieren – Klimawandel, Verlust von Biodiversität und der natürlichen Grundlagen –, aber nicht in der Lage ist, angemessen zu handeln, aus welchen Gründen auch immer. Zum Beispiel bei der großen Frage nach der Reinhaltung der Gewässer, Stichwort Nitratrichtlinie, gibt es einen Riesenstreit. Erst der Druck der Klage der Europäischen Union konnte die Bundesregierung dazu bringen, jetzt endlich mal irgendwie zu handeln. Deshalb glaube ich, dass ein juristischer Blick von außen – dazu bräuchten wir eine Verbindlichkeit dieser Ziele –, dass dieser juristische Hebel helfen kann, zu sagen: Es gibt ein Überlebensrecht für Arten und das müssen wir jetzt einklagbar machen. Das andere wäre ein Nachhaltigkeitsrat, der jedes neue Gesetz und jede öffentliche Subvention darauf prüft, ob sie die Grundlagen -Klima und Biodiversität- erhält oder eben nicht, und der dann ein Vetorecht hätte. Im Moment formulieren wir diese Ziele – und erreichen sie nicht. Wir riskieren sogar in diesem ganz fragilen Zustand, in dem wir uns gerade befinden, dass neue Technologien als Lösung angepriesen werden, die alles noch viel schlimmer machen können. Da gibt es gerade eine ganz große Debatte über gene editing, also neue Methoden der Gentechnik, in denen die Menschen in die Evolution eingreifen und damit Entwicklungen möglicherweise beschleunigen. Dazu gibt es überhaupt keine gesellschaftliche Debatte! Wollen wir das überhaupt? Wollen wir hier Evolution spielen, wo wir schon das, was wir haben, gar nicht erhalten können! Das ist gerade ein gefährlicher Punkt. Deshalb brauchen wir schnell eine Instanz, die zumindest verhindern kann, dass es noch schlimmer wird.

Tanja Busse: "Das Sterben der anderen. Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können" ist bei Blessing erschienen.

© Blessing Verlag/ Montage BR

Tanja Busse: "Das Sterben der anderen. Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können"

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