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Talk-Shows: Die immer gleichen Köpfe auf dem Bildschirm | BR24

© dpa/picture-alliance/Müller-Stauffenberg

Bilder wie diese aus der ARD Talkshow "Anne Will" mit ausschließlich Gästen aus Politik gibt es nach Ansicht einer Berliner Studie viel zuhauf.

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    Talk-Shows: Die immer gleichen Köpfe auf dem Bildschirm

    Viel Politik, wenig Zivilgesellschaft: so sieht die Gästeliste politischer Talkshows bei ARD und ZDF aus. In der Corona-Krise stieg der Anteil der Diskutierenden aus der Wissenschaft an. Aber für die Bereiche Soziales & Bildung heißt es: Fehlanzeige.

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    Politische Talkshows erreichen bei ARD und ZDF wöchentlich ein Millionenpublikum, sie bestimmen teilweise den politischen Diskurs. Zu Beginn der Corona-Pandemie stieg das Interesse um bis zu 30 Prozent. Doch wird das Publikum durch die Diskussionsrunden auch repräsentiert, werden seine Interessen vertreten? Das hat das Progressive Zentrum, ein Berliner Politik-Think-Tank, untersucht und über 1.200 Sendungen der vergangenen drei Jahre ausgewertet.

    Die drei wichtigsten Bereiche: Politik, Politik und Politik

    Wer bei "Anne Will", "hart aber fair", "Maischberger" und "Maybritt Illner“ redet, ist vielfach untersucht: Lauterbach (SPD), Scholz (SPD), Altmaier (CDU), Laschet (CDU), Söder (CSU) gehörten 2019 zu den Talkshow-Königen. Königinnen gibt es deutlich weniger, Frauen sind in allen Sendungen unterrepräsentiert. Annalena Baerbock von den Grünen liegt bei den weiblichen Gästen an der Spitze. Noch weniger präsent auf dem Bildschirm sind MigrantInnen (5,4 Prozent) und People of Colour (6,6 Prozent).

    Im Untersuchungszeitraum der heute veröffentlichten Studie, von März 2017 bis März 2020, kommen zwei Drittel der Gäste bei den genannten "Big 4" aus Politik und Medien – nicht einmal drei Prozent aus der Zivilgesellschaft. Das sind über drei Jahre gerechnet magere 58 Personen. Und von denen sind wiederum die meisten aus dem Bereich Aktivismus. "Die 'Fridays for Future'-Bewegung schaffte es von der Straße in die Talkshow-Sessel", heißt es in der Studie mit Blick auf die Klimadebatte Ende 2018/ Anfang 2019.

    Fehlanzeige: Kultur, Bildung, Soziales, Arbeitnehmer

    Neben den AktivistInnen kommen Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) wie Greenpeace, Oxfam oder Lobbycontrol seltener zu Wort. Ähnlich vernachlässigt wie die Zivilgesellschaft werden VertreterInnen aus den Bereichen Soziales, Religion und Bildung. Wenig präsent ist auch die Kultur.

    Themen aus der Wirtschaft stehen zwar an 4. Stelle auf dem Programm – doch dann kommen vier Fünftel der Gäste von Unternehmerseite. Gewerkschaften und Verbraucherorganisationen führen ein Schattendasein.

    Corona befördert die Wissenschaft

    Bis März 2020 lag der Anteil von WissenschaftlerInnen in den Sendungen bei 8,8 Prozent. Als die Pandemie zum zentralen Thema wurde, stieg er auf 26,5 Prozent. Die Studie des Progressiven Zentrums hat dafür den Zeitraum vom 03. März bis 24. April gesondert ausgewertet.

    Wissenschaft trifft Politik und Medien, bilanziert die Studie für die ersten Wochen der Pandemie. Hinzu kommen knapp zehn Prozent aus den Bereichen Medizin und Pflegepersonal, die auch mitreden dürfen. Interessantes Ergebnis: "Von den 341 Gästen aus 71 Talkshows während des untersuchten Corona-Zeitraums repräsentieren nur zwei Personen den Bereich Soziales und weitere zwei Personen den Bereich Bildung".

    Durch die nationale Brille

    Obwohl die meisten Gesetze und Initiativen in Deutschland von Brüssel mitbestimmt werden, kommen in deutschen Talkshows vor allem VertreterInnen aus dem Berliner Politikbetrieb zu Wort (70 Prozent), ein Fünftel kann der Landesebene zugerechnet werden. Die lokale und die globale Ebene finden so gut wie nicht statt.

    Selbst bei Fragen wie Migration/Asyl oder Klima/Umwelt sind selten EU-DiskutantInnen vor der Kamera. "Zahlreiche Themen, die heute maßgeblich auf europäischer Ebene verhandelt werden, debattieren die Talkshows immer noch stark aus nationaler Sicht", so ein Résumé der Studie.

    Mehr Pluralismus bei der Gästeauswahl

    Was folgt aus diesen Studienergebnissen? Politische Talkshows könnten, so die AutorInnen Paulina Fröhlich und Johannes Hillje, nicht die ganze Bandbreite relevanter Stimmen zu einem Thema zu Wort kommen lassen. Was sie aber überrascht hat: Ausgerechnet Organisationen, die in Umfragen ein hohes Vertrauen in der Bevölkerung genießen (z.B. Verbraucherschutz, NGOs), sind besonders wenig in den Gesprächsrunden vertreten.

    Um dem Anspruch von Meinungsvielfalt, Bürgernähe, Ausgewogenheit gerecht zu werden, den ARD und ZDF für ihre politischen Sendungen selbst postulieren, sei aber mehr Pluralismus in der Gästeauswahl notwendig, so die zentrale Empfehlung. Die Standardbesetzung "Politik plus Journalismus", noch dazu mit den immer gleichen Köpfen, verenge den öffentlichen Diskurs.

    Vertrauen schaffen und nutzen

    Die Mehrheit der Bürger vertraut NGOs, Konsumentenorganisationen, Sozialverbänden, Gewerkschaften mehr als den VertreterInnen von Medien, Unternehmerseite und Parteien – die aber wesentlich häufiger auf den Talkshow-Sesseln sitzen.

    Diese zusätzlichen, oft bürgernahen Perspektiven einzubringen wäre echte Demokratiearbeit, heißt es in der Studie: "Sie können eine Brücke zwischen einem stellenweise entkoppelten elitären und einem populären Diskurs bauen" – gerade in multiplen Krisen wie der Corona-Pandemie.

    In den Talkshows treffe Hauptstadtpolitik auf Hauptstadtjournalismus, konstatiert die Studie, die kommunale und die Europa-Ebene werden vernachlässigt. Gerne gespielt werde dabei das "blame game": Gäste aus der Bundes- oder Landespolitik schieben ihre Verantwortung auf die Ebene ab, die nicht mit am Tisch sitzt. Besonders gerne auf die EU – alles Gute kommt aus Berlin, alles Schlechte aus Brüssel, so die einfache Formel.

    Konstruktiver diskutieren

    Die Hauptkritik des Publikums an Talkshows sei – so eine forsa-Untersuchung – dass sie viel zu oft in einem unversöhnlichen Streit enden. Von daher sei es wichtig, kompetente Gäste aus der Zivilgesellschaft einzuladen, die konstruktiv und lösungsorientiert mitdiskutieren, so das Fazit des Progressiven Zentrums.

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