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Der Schriftsteller T.C. Boyle interessiert sich für Menschen, die einem Guru verfallen.
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Autoren

Hardy Funk
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Der Schriftsteller T.C. Boyle interessiert sich für Menschen, die einem Guru verfallen.

In seinem neuen Roman "Das Licht" kehrt T.C. Boyle zurück in die Sixties und erzählt die Geschichte des Professors und Drogen-Gurus Timothy Leary aus Sicht seiner Anhänger – nur um über die großen Fragen des Lebens zu sprechen. Große Fragen wie: Was treibt Menschen immer wieder in die Fänge von vermeintlicher Heilsbringer? Was erhoffen sie sich, welche Leere versuchen sie zu füllen? Und wohin führt sie das am Ende? Hardy Funk hat mit dem US-Bestsellerautor über Gurus und deren Anhänger, die Rolle von Drogen damals und heute und Donald Trump gesprochen.

Hardy Funk: In Ihrem neuen Buch "Das Licht" schreiben Sie einmal mehr über die Sixties, diesmal geht es um Timothy Leary und seine Anhänger. Was fasziniert Sie an Timothy Leary?

T.C. Boyle: Ich interessiere mich schon immer für die Anhänger von Gurus, egal ob das Politiker sind oder religiöse Oberhäupter oder wie in diesem Fall ein mächtiger, charismatischer Professor. Ich frage mich, wie teuer die Anhänger dafür bezahlen müssen. Der Guru sagt: Gib mir deine Seele, gib mir dein Geld, gib mir alles und ich werde dich beschützen und dir den Weg zeigen. Ich werde dir den goldenen Pfad zeigen. Aber ich bezweifle, dass sie recht haben. Deswegen schreibe ich so oft über diese Figuren. Ob das letztendlich eine gute oder eine böse Sache ist. Das muss dann der Leser entscheiden.

Warum folgen Menschen überhaupt so gerne Gurus?

Diese Frage ist die grundlegendste Frage der menschlichen Existenz: Warum sind wir hier? Wer sind wir? Weder Religion noch Wissenschaft können uns darauf eine zufriedenstellende Antwort geben. Also brauchen wir jemanden, der uns sagt, dass alles in Ordnung ist. Ob das jetzt eine Kirche ist oder eine politische oder künstlerische Bewegung – wir brauchen einen Grund, zu existieren. Auch wenn es nur ein künstlicher ist.

Die Hippies haben Drogen genommen, um zu experimentieren und ihren Geist zu befreien. Und vielleicht auch, um einer sehr stark hierarchischen und konformen Gesellschaft zu entkommen. Die USA heute haben ein massives Drogenproblem. Warum nehmen so viele Menschen in den USA heute Drogen?

Ich habe meine – sehr umfangreichen – Drogenerfahrungen in meinen 20ern gemacht. Ab dem Moment, wo ich wusste, was ich in meinem Leben machen wollte, konnte ich nicht mehr die ganze Zeit stoned sein. Denn jetzt hatte ich ein Ziel und das hieß Kunst machen. Alles, was ich über die Opioid-Epidemie in den USA weiß, weiß ich aus Zeitungen. Aber ich habe selbst Drogen genommen, deshalb verstehe ich, was es bedeutet, ein Junkie zu sein. Um ein Junkie zu sein, musst du ein Junkie sein wollen. Das heißt, du hast keine Hoffnung und du hast nichts Anderes. Dazu kommt, dass sich ein Großteil der Arbeiterklasse – und ich kann von der Arbeiterklasse reden, denn ich komme aus der Arbeiterklasse – nutzlos fühlt. Sie haben keine Jobs mehr, weil ihre Jobs mehr und mehr automatisiert werden und das wird sich in der Zukunft noch verschlimmern. Was kannst du sonst schon machen? Dein Leben ist langweilig, dein Bewusstsein erdrückt dich. Und wir alle müssen unserem Bewusstsein auf die ein oder andere Weise entkommen – indem wir ein Buch lesen, ins Kino gehen oder auf ein Konzert, indem wir Drogen nehmen, uns betrinken oder Sex haben. Was auch immer. Das Bewusstsein ist offensichtlich sehr erdrückend und wir brauchen Wege, wie wir diesen Druck etwas lösen.

Ist für Trump Wählen auch eine Art, den Druck zu lösen?

Nun, ich bin selbstverständlich gegen Trump, denn ich glaube an die Demokratie. Ich glaube an die Menschenrechte. Ich glaube an die Rechte von Frauen. Ich glaube an Umweltschutz. Ich glaube an Gleichberechtigung. Ich glaube an die Kunst. Ich glaube an so ziemlich alles, an was die rechtsgerichteten Konzerne, die die Kontrolle über die USA übernommen haben, nicht glauben. Die glauben nur an ihre Wiederwahl und daran, auf unseren Rücken so viel Geld wie möglich zu machen. Also, ja, ich denke, das sind ziemlich tragische, schlimme Zeiten für die USA. Aber, wie man sehen kann, beginnen wir gerade damit, dieses Regime wieder zu beseitigen. Ich glaube nicht, dass es sich länger halten kann als die noch verbleibenden zwei Jahre. Andererseits liege ich natürlich immer falsch mit meinen Vorhersagen. Ich war hier in Europa und habe allen versichert, dass dieser Reality TV-Star keine Chancen haben würde, nominiert zu werden – oder sogar gewählt zu werden. Aber da habe ich leicht danebengelegen.

Ist Trump denn auch eine Art Guru? Ein Anführer eines Kults?

Gute Frage – ich hätte das Buch sowieso geschrieben, es handelt von einer meiner Obsessionen. Aber ich denke, es passt wirklich gut in die Zeit gerade, weil das tatsächlich eine Art Kult ist – ein politischer Kult. Ein Kult mit dem Namen: Regiere mit dem rechten Flügel, regiere mit der Minderheit. Geschichtlich gesehen gab es das in vielen Ländern und heute mehr denn je: Diktatoren und Gangs, die Länder regieren, Putins Gang zum Beispiel oder Dutertes Gang oder Trumps Gang. Demokratien sind zerbrechlich und die ganze Geschichte hindurch und ganz besonders heute wurden und werden die meisten Länder von Gangs regiert, die die Macht an sich reißen, ganz gleich, welche Ideologie dahinter steht.

In "Drop City" haben Sie eine Hippie Kommune beschrieben, die an Ihren eigenen Idealen scheitert. Jetzt, in "Das Licht" erzählen Sie die Geschichte des Aufstiegs und Falls von Timothy Leary. Sind die Hippies gescheitert?

Ich glaube schon, dass die Ideale der Hippies immer noch fortbestehen. Sachen wie die Zurück-zur-Natur-Bewegung oder die Idee, einfacher zu leben, sich gegenseitig zu respektieren, die Natur zu respektieren und das Leben zu genießen, der Musik zu huldigen, der Literatur und der Kunst. All diese Dinge gibt es immer noch. Was aber die Verwirklichung eines Utopias auf Erden angeht, ist jeder zum Scheitern verurteilt, weil das unmöglich ist.

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Hardy Funk

Sendung

Kulturjournal vom 24.02.2019 - 18:05 Uhr