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SZ-Bericht: "Machenschaften" um Kulturhauptstadt-Entscheidung? | BR24

© Hendrik Schmidt/Picture Alliance

Altstadt von Chemnitz

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    SZ-Bericht: "Machenschaften" um Kulturhauptstadt-Entscheidung?

    Die Vorwürfe der "Süddeutschen Zeitung" wiegen schwer: Demnach ging es "äußerst fragwürdig" zu, als Chemnitz den Wettbewerb als Europäische Kulturhauptstadt 2025 gewann. Angeblich dominieren zwei Männer seit Jahren das Millionen-Geschäft.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Das wird in Chemnitz für viel Wirbel sorgen. Nach Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" ging es beim Sieg der sächsischen Stadt im Wettbewerb um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2025 nicht ganz sauber zu. Vielmehr hätten abermals zwei Männer ihre Hände im Spiel gehabt, die seit vielen Jahren als "Wanderzirkus" in Sachen Kulturhauptstadt unterwegs seien und damit viel Geld verdienten. Die Rede ist von Neil Peterson, einem Kulturmanager aus Liverpool, und Mattijs Maussen, der Büros in Brüssel und Prag unterhält. Die beiden Experten sollen laut SZ 18 von 22 Gewinnerstädte für den Zeitraum 2015 bis 2025 beraten haben.

    Graue Eminenzen und Strippenzieher

    Tatsächlich war Maussen seit Januar 2020 ab der zweiten Runde der Ausschreibung für Chemnitz tätig. Was laut der "Süddeutschen" stutzig macht: Die "enorme Erfolgsquote" des Gespanns, das als "eingespielter Zirkel" bezeichnet wird: "Was in sauber geführten Unternehmen compliancemäßig undenkbar wäre, praktiziert die Kulturhauptstadt-Szene schmerzfrei. Dabei kommt es zu geradezu grotesken Interessenkonflikten." Maussen nennt auf seiner Facebook-Seite, wo er mit einem Foto als Zwölfjähriger präsent ist, als sein Lieblingszitat den Satz: "Du kannst sagen, du bist befreundet, aber wirst es erst, wenn du zusammenarbeitest."

    Erwähnt werden als Strippenzieher auch das tschechische Jury-Mitglied Jiří Suchánek, der Chef eines Veranstaltungszentrums in Pilsen ("Depo 2015"), angeblich ein leidenschaftlicher Förderer von Maussen, sowie der Hochschullehrer Ulrich Fuchs, der als "graue Eminenz der europäischen Kulturhauptstadt-Szene" bezeichnet wird. Fuchs wurde von der zuständigen Kulturstiftung der Länder den Bewerberstädten als ausgewiesener Fachmann und Referent angeboten.

    Auch die Rolle der Ehefrau von Fuchs wird ausführlich gewürdigt. Demnach ist sie mit ihrer in Marseille ansässigen Firma "Capcult" für Chemnitz, Hannover und Kassel tätig gewesen und bietet Bewerberstädten ihre Expertise an. Insgesamt ein "Friends-and-Family"-Netzwerk, so die "Süddeutsche".

    Hatte Chemnitz Mauscheleien überhaupt nötig?

    Die Verantwortlichen in Chemnitz reagierten bisher offiziell noch nicht auf die Enthüllungen. Allerdings hieß es aus informierten Kreisen, Nürnberg sei offenbar ein "schlechter Verlierer", zumal der Autor des Artikels aus Franken stamme. Tatsächlich erscheinen die Vorwürfe der "Süddeutschen" nicht in in jeder Hinsicht plausibel und nachvollziehbar, weil Chemnitz unter Beobachtern seit Jahren als Favorit galt und irgendwelche Mauscheleien demnach gar nicht nötig waren. Das liegt daran, dass 2010 mit Essen und dem Ruhrgebiet eine westdeutsche Region zum Zuge kam und somit für 2025 eine ostdeutsche Stadt "dran" war.

    Magdeburg blamierte sich bereits früh mit seinem Bewerbungskonzept und Chemnitz hatte auch deshalb plötzlich beste Chancen, weil die sächsische Stadt gerade mit ihren vielen Belastungen und Negativ-Schlagzeilen als idealer Ort dafür galt, mit den Mitteln der Kultur zukunftsfähig zu werden. Gewürdigt werden nämlich in der Regel Städte, die den größten Nachholbedarf in Sachen Kultur haben, nicht solche, die bereits anerkannte Kulturmetropolen sind.

    Dass Insider angeheuert wurden, kann wenig wundern

    Insofern erhoffen sich nicht nur sächsische Kulturpolitiker, dass Chemnitz seine wenig rühmliche neueste Geschichte in den kommenden Jahren hinter sich lässt und an die großen Zeiten anknüpfen kann, wo es eine prosperierende Industrie- und Kulturmetropole war. Opernhaus, das Museum Gunzenhauser und das fulminante Staatliche Museum für Archäologie bilden jedenfalls den Kern einer ermutigenden Infrastruktur.

    Und dass auch bei dieser Auswahl-Runde für die beiden Europäischen Kulturhauptstädte 2025 Berater im Einsatz waren, die bereits zahlreiche frühere Entscheide aktiv begleitet haben, kann wenig wundern. Natürlich suchen sich die teilnehmenden Städte möglichst Kulturmanager, die aus eigener Erfahrung wissen, wie eine aussichtsreiche Bewerbung aussieht. Kritik an "Insidern" geht also zumindest teilweise ins Leere. Und wer sich in Chemnitz etwas umhört, bekommt auch prompt die Antwort, Nürnberg habe ja auch die Chance gehabt Matthijs Maussen anzuheuern.

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