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Berlinale-Gewinner "Synonymes": Dem Krieg entkommt man nicht | BR24

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Der junge Israeli Yoav will seine Vergangenheit unbedingt hinter sich lassen und in Paris "französisch" werden. Regisseur Nadav Lapid zeigt einen so autobiografischen wie neurotischen Film, der auf der Berlinale den "Goldenen Bären" erhielt.

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Berlinale-Gewinner "Synonymes": Dem Krieg entkommt man nicht

Der junge Israeli Yoav will seine Vergangenheit unbedingt hinter sich lassen und in Paris "französisch" werden. Regisseur Nadav Lapid zeigt einen so autobiografischen wie neurotischen Film, der auf der Berlinale den "Goldenen Bären" erhielt.

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Schon im Frühling dieses Jahres bekam man Lust auf den Film, der jetzt regulär in den Kinos anläuft: Da gewann "Synonymes" die Berlinale ausgezeichnet und ließ Kritiker überwiegend schwärmen: Von der Lust auf das formale Experiment und der Kraft einzelner Szenen. Gerade das Experimentelle, formal Unangepasste dürfte die Jury unter Juliette Binoche bewogen haben, diesen Film mit dem Goldenen Bären auszuzeichnen. Dabei ist die inhaltliche Seite ebenso interessant: Regisseur Nadav Lapid stellt – durchaus autobiografisch – einen jungen Mann ins Zentrum, einen Israeli, der um jeden Preis mit seiner Heimat brechen will und deshalb nach Paris zieht.

Das Neurotische gibt die Form

Lapids Film gibt gar nicht erst vor, er verfolge einen stringenten Plot oder enträtsele die Psyche seines Protagonisten. Anders gesagt: Er gibt nicht vor, dass er zwar von einem neurotischen Mann erzählt, selbst aber die Kontrolle bewahrt, ordnet und strukturiert, was seinem Protagonisten nicht gelingen will. Im Gegenteil: Das Neurotische gibt diesem Film erst seine Form.

Schon die erste Szene beweist das: Die Kamera läuft mit dem noch unbekannten Protagonisten durch Paris. Aber weder Protagonist noch Stadt nimmt sie direkt in den Blick. Fast zwanghaft schaut diese Kamera weg, erst auf den Boden, dann vorbei am Brunnen, der wohl den Charme der Stadt andeuten könnte, wenn ein Zuschauer mehr als dessen Rand und eine Spur Wasser zu sehen bekäme.

Die hektische Kamerafahrt verstört erst einmal. Aber nur sie kann glaubhaft die Geschichte eines Mannes eröffnen, der sich von Paris’ Schönheit nicht blenden lassen will und deshalb vorbeischaut – vorbei an der Seine, vorbei an der Kathedrale Notre Dame: "Das ist ein Test, den dir die Stadt auferlegt, mit ihrer Schönheit besticht sie den ahnungslosen Fremden, um ihn so gut wie möglich von ihrem Herzen fernzuhalten, das weder aus Schönheit, aus Frauen oder Größe besteht, sondern aus etwas, das mir noch unbekannt ist."

© Grandfilm Verleih

Befreiung von der Heimat?

Ein Israeli, der "französisch" werden will

Wer diesem Protagonisten näherkommen will, sollte das Original ansehen – denn nur die französische Sprache führt ins Zentrum von Yoavs Geschichte. Der hat nach dem Militärdienst Israel verlassen und ist nach Paris gezogen: Die Stadt soll ihn von seiner Heimat befreien – äußerlich wie innerlich. Hebräisch spricht er nicht mehr, "französisch" will er werden. Und so spaziert er nicht mit einem profanen touristischen Blick durch Paris. Statt auf die Stadt zu schauen, jagt er durch sie hindurch und versucht, eins zu werden mit ihr und vor allem mit der Sprache. Verbissen bildet er auf seinen Wegen Wortreihe um Wortreihe: "obszön, abscheulich, bestialisch". Wahllos, denkt man erst, aber die Wörter sind doch bewusst gewählt. Sie sind das Material, um in der fremden Sprache die alte Heimat zu verurteilen.

Was zur Ablehnung der Heimat geführt hat? Das deutet der Film nur so an, wie es der Protagonist formulieren kann: Es gibt keine Rückblenden, die das Trauma erklären würden. Stattdessen hört man hier und da dem Protagonisten beim Erzählen zu. Was davon wirklich geschehen und was erfunden, hinzugefügt wird, um die neuen französischen Freunde an sich zu binden, das weiß man nicht. Sicher ist aber, dass auch dieses filmische Hineingleiten in die Erinnerung von großer Wucht ist, dass auch diese Szenen den Schmerz eher in sich aufnehmen, als ihn zu erklären.

© Grandfilm Verleih

Schüsse wie Musik

Von der Politik verbogen

Eine der Geschichten klingt so: Der Militärdienst ist abzuleisten, es gibt nichts zu tun und so bewahren sich die Soldaten vor dem Verrücktwerden, indem sie sich militärische Musik-Rätsel stellen. Schüsse werden zur Musik, oder – wenn man die Geschichte aus überlegener Haltung heraus interpretieren wollte, wovor der Film zurückschreckt – die Schüsse sind Geräusche, die einen Menschen und sein Inneres beschädigen, selbst wenn er die Tötungsmaschinerie in ein Musikinstrument verwandelt und eine Melodie nachspielt.

Dieser Film erzählt von Politik, natürlich, aber eben nur indirekt, nur insofern sie die Hauptfigur erfasst. Er zeigt, wie dieser Mann körperlich und psychisch von der Politik verbogen ist, wie sie ihn durchs Leben hetzen und Worte hervorstoßen lässt. Und so ist es die große Leistung des Films, nur selten auf konkrete politische Szenarien zu blicken, und dafür umso länger den Körper seines Protagonisten zu umkreisen, der mit einer ungeheuren Präsenz den Film und seine Neurosen zusammenhält.

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