BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© Audio: BR / Bilder: Haus der Kunst München
Bildrechte: Haus der Kunst München

Wie man durch die Körperflüssigkeit Schweiß mit sich selbst und der Welt in Kontakt kommen kann - Die Ausstellung "Sweat" in Münchner Haus der Kunst

Per Mail sharen
  • Artikel mit Bildergalerie
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Sweat": Körpersaft als Thema einer Münchner Kunstausstellung

Der Mensch produziert Schweiß bei unterschiedlichen Emotionen wie Angst, Abstoßung, sexuelle Erregung und Freude. Im Münchner Haus der Kunst erzählt jetzt die Gruppenschau "Sweat“ Geschichten des Widerstands und von lustvoller Selbstermächtigung.

Per Mail sharen
Von
  • Christine Hamel

Santiago Reyes trägt Kopfhörer und tanzt durch Straßen und über Plätze – in Hanoi, Quito, Berlin, München, eine Drehung vor dem Schaufenster, spins and dips, ein Sprung über zwei Treppen, Swing und Vogueing: Ein tanzender Körper, der sich der Kontrolle entzieht.

Ausgelassenheit ist denn auch Hannah Arendt zufolge eine wesentliche Dimension politischen Handelns. "Dancing Southward" heißt Reyes seit 2016 fortlaufende Performance. Der Künstler trägt beim Tanzen im öffentlichen Raum T-Shirts mit Aufschriften, etwa: "Was ich ertanzt habe, kann mir keiner nehmen". Durch den Schweiß verwischen die Worte aber allmählich bis zur Unleserlichkeit.

"Ich sammele all meine T-Shirts, die ich trage" , sagt der Tänzer Santiago Reyes. Denn der Schweiß überschreibt etwas, er sorgt für einen neuen Sinn meiner Sätze. In dem Projekt geht es darum, so lange zu tanzen, bis ich nicht mehr kann, erzählt er. Es gehe um Jouissance, manchmal gäbe es auch sehr sensible Momente, die fast an Schmerz grenzen. Man gerate in eine Meditation, bei der man ganz im Kontakt mit meiner Umgebung sei und gleichzeitig ganz im Kontakt mit mir selbst.

© Benito Mayor Vallejo

Benito Mayor Vallejo: "Child of_Magohalmi and the Echoes of Creation", 2019.

© Pierre LeHors

Lind-Ramos Conjunto: "The_Ensemble", 2015.

© Maximilien Geuter

Zadie Xa: "Homage to my ancestors and Magohalmi mask", 2019, HdK 2021.

© Maximilien Geuter

"Mulambo-Series G.R.E.S", 2020.

© Haus der Kunst München

T-Shirts mit verlaufener Schrift - Künstler Santiago Reyes hat seine verschwitzten Hemden für seine Installation "Dancing Southward" genutzt.

Santiago Reyes tanzdurchschwitzte T-Shirts hängen in einer Reihe in der Ausstellung "Sweat", mit der das Münchener Haus der Kunst ein Fest der Körper inszeniert. 30 Künstler aus aller Welt schwelgen im Karneval, huldigen der Natur und dem Göttlichen, hinterfragen gesellschaftliche Zuschreibungen, und fordern Vielheit, Buntheit und Freiheit, indem sie tanzen oder singen wie etwa die philippinische Künstlerin Eisa Jocson.

Anti-Faschismus als Grundkonzeption

Mit zwei weiteren Tänzerinnen verhandelt sie in einer lustigen Karaoke-Box die Kolonialgeschichte der Philippinen. Glaubt man "Sweat", ist der gravitätische politische Ernst der Jouissance der Politik gewichen, dem lustvollen Spiel mit Körperzeichen. Der Kurator Raphael Fonseca betont denn auch den lebensbejahenden Charakter der Schau.

"Der Ausstellung liegen viele Ideen zugrunde - eine war sicher, dass wir eine lebensbejahende Schau machen wollten mit Arbeiten, die das Leben in all seiner Verschiedenartigkeit feiern. Diese Feier des Lebens kann man als eine antifaschistische Geste verstehen. Aber anstelle von Künstlern, die sich kritisch mit dieser Problematik auseinandersetzen, haben wir nach Künstlern gesucht, die der Möglichkeit der Freiheit Kontur geben."

Viele Arbeiten widmen sich dem Karneval, der vielleicht so etwas ist wie eine Urform der lustvollen Gemeinsamkeit und des fröhlichen Wahnsinns der Vielen.

António Ole zeigt in seinen poetischen Dokumentarfilm "Carnaval da Vitória" von 1978, wie Angola drei Jahre nach seiner Unabhängigkeit den Straßenkarneval wiedereinführt, gleichsam als ein Fest eines neuen nationalen Selbstbewusstseins.

Daniel Lind-Ramos indes erinnert mit seiner Figurengruppe aus Alltagsobjekten an die Verbindung von Karneval und Protest – die lustigen Trommler in der Arbeit "Conjunto" sind auch eine Anspielung auf die Rhythmen der versklavten Westafrikaner, die in die Karibik verschleppt wurden.

Selbstbestimmte Körper

Ganz anders verhandelt Natalia LL das Thema der Fremdbestimmung. Die polnische Pionierin der feministischen Kunst zeigt in ihrer Fotoserie "Post-Consumer Art" eine junge, Brigitte-Bardot-ähnliche Frau, der Milch aus dem Mund tropft. Anders aber als in der Pornografie handelt die Frau selbstbestimmt und übt Kontrolle über ihre Darstellung aus. Den Blick des Konsumenten führt sie damit spielerisch ad absurdum. Eine starke, ebenso einfache wie hintergründige Arbeit von 1975.

"Was die Klammer bildet, ist der Einsatz des Körpers für die eigenen Rechte", weiß die Kuratorin Anna Schneider und weiter: "Also auf der einen Seite ist der Körper vielleicht der Raum, den man selbst auch formen kann, wo sich aber auf der anderen Seite auch ganz viel politische Diskurse abspielen, also sozusagen ein wirklich umkämpftes Territorium."

"Sweat" gelingt ein generationsübergreifendes, transnationales und kluges Plädoyer für lieber fluide als rigide Identität. Für eine Politik der Lebensform: intensiv, kreativ, bunt, unmittelbar und voller Energie. Der Funke springt in dieser Schau garantiert über.

Sweat - Ausstellung im Haus der Kunst, München, bis 9. Januar 2022

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!