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"Survival": Wie die Bundeswehr auf YouTube um Rekruten wirbt | BR24

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35 Millionen Euro stehen der Bundeswehr jährlich für Nachwuchs-Werbung zur Verfügung, denn es ist schwer, Rekruten zu finden. Auf Youtube wirbt die Armee mit einer neuen, überraschend "höflichen" Serien-Staffel, die im heimischen Unterholz spielt.

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"Survival": Wie die Bundeswehr auf YouTube um Rekruten wirbt

35 Millionen Euro stehen der Bundeswehr jährlich für Nachwuchs-Werbung zur Verfügung, auf YouTube präsentiert die Armee eine neue Rekruten-Serie. Sie spielt diesmal nicht in Mali, sondern im Spessart – und setzt gefährlich auf Actionfilm-Ästhetik.

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Der Regisseur Stanley Kubrick hat in seinem Film "Full Metal Jacket" gezeigt, wie man Soldaten fit machte für Vietnam: mit demütigender Schinderei. Und sein Film war, wie jeder ernst zu nehmende Film über blutige Konflikte, ein großartiger Anti-Kriegsfilm. Bei der neuesten YouTube-Serie der Bundeswehr geht es weitaus beschaulicher zu. Ohne das dreckige Gesicht von Tod, Verwundung und Zerstörung. Dafür: Einzelkämpfer-Ausbildung unter den Wipfeln deutscher Wälder.

"Survival" heißt die neueste Bundeswehr-Serienstaffel, deren acht Folgen nun alle im Netz stehen und die nicht, wie zuletzt, in Mali spielt, sondern im Spessart. Drohnen fliegen über deutsches Waldgebiet, unten robbt, kriecht, schießt, hangelt, läuft und verläuft sich mit dreißig Kilo Tornister-Gepäck, Maschinengewehr und Kriegsbemalung eine Gruppe von Bundeswehroffizieren, allen voran, soviel Quote muss sein, die Soldatin Chrissi. Der Ton: meist höflich, nur manchmal wird es rau, damit klar ist, so modern und technologieaffin die Bundeswehr auch ist, das hier ist nichts für Weicheier: "Eins ist immer ganz wichtig: Wenn's knallt, ist jeder Befehl für'n Arsch, da zählt einfach nur noch, was ihr für Typen seid."

Echte Soldaten? Reality-Darsteller?

Die Bundeswehr braucht Nachwuchs, seit die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft ist und wirbt für sich als hippes Unternehmen auf der Höhe der Zeit. Ästhetik und Dramaturgie der Serie sind dem Arsenal der Computerspiele entliehen, der Soundtrack ist abrufbar bei spotify. Wenig Helden-Inszenierung, viel Schweiß und Zähne-Zusammenbeißen bei den Offizieren, denen man da auf Schritt und Tritt durchs Unterholz und Kanalrohre folgen kann, und auch, so heißt es "hautnah auf Instagram". Viel fiktionale Aufbrezelung einer doch authentischen Ausbildung, da verschwimmt beim Zuschauen schon mal die Einordnung: Sind das nun echte Soldaten oder Reality-Darsteller? Angesprochen werden soll die Zielgruppe im sensiblen Alter der 15- bis 18-Jährigen, und vermutlich feuern bei denen beide Gehirnhälften gleichzeitig. Da entsteht auf der einen Seite Nähe zu den Protagonisten, auf der anderen schulterzuckende Distanz, wirkt ja eh alles wie ein Spiel.

Ein Ausbildungsprogramm wie ein Action-Film

Und genau das ist das Fahrlässige an diesem rekrutierenden Imagefilm. Kaum ein Wort zur Verantwortung eines Soldaten, zum Einsatz des Lebens, des eigenen oder von anderen, sondern ein Ausbildungsprogramm wie ein Action-Film. Mit fast 400.000 YouTube-Abonnenten erreicht man mehr Klicks und auch mehr unmittelbaren Kick als bei den derzeit höchst umstrittenen Bundeswehr-Besuchen in den Schulen. "Geile Serie", häufen sich die Kommentare im Netz. Ein User wartete so sehnlichst auf die Videos wie auf die finale Staffel von "Game of Thrones". Ist das also nur neuer Serienstoff? Oder wird die Begeisterung auch irgendwann zünden?

Denn natürlich ist eine Serie wie "Survival", gerade weil sie so ein sympathisches soldatisches Graswurzeltum fern von Kriegen und Drohneneinsätzen zeigt, Propaganda. Nicht mit Rambo-, eher mit Rama-Faktor, so harmonisch geht alles zu. Während jenseits vom Spessart ja tatsächlich aufgerüstet wird in weltweiten Konflikten und auch die Bundeswehr selbst mit dem Problem zu kämpfen hat, dass nicht klar ist, wie viel rechtsradikale Gesinnung unter ihren Soldaten herrscht. Da wirkt die Serie durchaus als willkommene Image-Korrektur.

Wobei sich nicht jede gesellschaftliche Institution so mitreißende Serienformate leisten kann, um Mitarbeiter zu gewinnen. Es ist die Hölle? Du kommst an Grenzen Deiner Belastbarkeit? Du weißt nicht, wie Du das durchstehen sollst? Eigentlich beste Voraussetzungen für eine Serie über die Ausbildung in Pflegeberufen. Nur will das wohl keiner sehen.

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