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Sailing-Yacht A

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"Superyachten" – Sinnbilder des entfesselten Kapitalismus

"Superyachten" – Sinnbilder des entfesselten Kapitalismus

Einige sind beschlagnahmt worden, weil sie z.B. Wladimir Putin oder Andrei Melnitschenko gehören: Superyachten sind Macht- und Statussymbole von Potentaten wie Magnaten. Der Soziologe Grégory Salle widmet ihnen ein aufschlussreiches Buch.

Rund 6000 von ihnen gibt es weltweit, und die Auftragsbücher der Werften sind voll: Ende vergangenen Jahres wurde bekannt, dass weitere 1000 Superyachten gebaut und vom Stapel laufen werden. Kolosse, deren Charter pro Woche schon mal eine Million Dollar kosten kann, Inbilder der Maßlosigkeit und des Protzes. Sie kreuzen sommers im Mittelmeer und winters in der Karibik, sind schwimmende Paläste und Refugien der Extraklasse „grande plaisance“, wie sie in Frankreich genannt wird. Plutokraten wie der Amazon-Boss Jeff Bezos, der heuer in Rotterdam beinahe eine denkmalgeschützte Brücke für die Durchfahrt seines extraordinären Dreimasters hätte demontieren lassen, und Oligarchen wie Andrei Melnitschenko sind ihre Eigner.

Demonstrationen der Dekadenz

Wer sich einmal - wie der Verfasser dieser Zeilen – das Vergnügen gemacht hat, eines dieser bis zu Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine gern an der dalmatinischen Adriaküste ankernden stählernen Ungetüme gemütlich in einem Tretboot zu umrunden, der staunt nicht schlecht. Die "Sailing-Yacht A", das größte private Segelschiff der Welt, entworfen vom Star-Designer Philippe Starck, hat eine Länge von knapp 143 Metern und Karbonmasten höher als Big Ben. Sie verfügt nicht nur über ein "Freizeit-U-Boot à la James Bond" und einen Hubschrauberlandeplatz. Nein, die Glas-Reling des Hauptdecks, so schreibt es der Soziologe Grégory Salle in seinem Buch "Superyachten", ist - 1,8 Tonnen schwer - "das größte jemals realisierte Glasteil aus einem Stück". Angesichts ihrer demonstrativen Dekadenz und "exzessiven Frivolität" weht auch Grégory Salle schnell ein Unbehagen an, das er 2021 in einem Interview mit dem französischen Fernsehen kundtat: "Superyachten sind die Objekt gewordenen Wahrzeichen des Überflusses. Lange Zeit war man durch ihre außerordentliche Größe und massive Monstrosität eingeschüchtert", so Salle, der als Research Fellow am Centre national de la recherche scientifique arbeitet. "Gerade jetzt aber will man ihren Sinn immer weniger begreifen, denn Superyachten werfen die Frage auf, wie zeitgemäß so eine Form der überbordenden Verschwendung noch ist. Superyachten konfrontieren uns mit dem Phänomen des ostentativen Überkonsums - und sie führen uns immer wieder zurück zur Frage, was wir wirklich benötigen, was unsere wahren Bedürfnisse sind."

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Buchcover Grégory Salle: Superyachten

Wahlweise mit Wasser oder Champagner duschen

Grégory Salle interessieren die Superyachten als Sinnbild eines aus dem Ruder laufenden Systems - sind sie doch schwimmende Steuerparadiese, exterritoriale Zonen des Arbeitsrechts, in denen die Crew-Mitglieder, Männer wie Frauen, nach Lust und Laune ausgebeutet werden können: ein "Drecksbusiness", von dem schon der einstige Yachtbroker Jens Westerbeck in seinem Roman "Boatpeople" in aller Drastik sehr eindrücklich vor Jahren berichtet hat. Grégory Salle erwähnt zwar auch Kuriosa wie die RainSky-Duschen, aus denen wahlweise Wasser oder Champagner tröpfelt, aber v.a. erkennt er in den Superyachten Paradebeispiele einer "pompösen Überbietungsdynamik" und eines vollends entfesselten "fossilen Kapitalismus": "Die Präsenz dieser Superyachten stellt erfahrungsgemäß ein Problem für die Öffentlichkeit dar – gerade in ökologischer Hinsicht. Sie sind starke Umweltverschmutzer. Ihr Treibstoff-Verbrauch ist exorbitant, ihr CO2-Ausstoß entsprechend beeindruckend." Folgerichtig nennt Salle die Superyachten "Klimakiller", weil sie neben dem absurd hohen Benzinverbrauch auch durch ihre Anker das für das Ökosystem des Meeres so wichtige Neptungras zerstören. Das aber ist für das Dämpfen des Seegangs wie für den Küstenschutz unentbehrlich, weil es der Erosion entgegenwirkt – und überdies ein wertvoller Sauerstoffproduzent.

Gemälde werden darauf auch beworfen

Für Klimaaktivisten indes irritierend: Bereits 2019 wurde auf einer Superyacht ein 110 Millionen Dollar teures Gemälde Jean-Michel Basquiats mit Naturalien beworfen – allerdings nicht aus Gründen des Klimaschutzes. Die Kinder eines Reeders waren durch den Anblick des darauf dargestellten Totenschädels derart verängstigt, dass sie das sündteure Bild mit ihren Cornflakes-Schalen bewarfen. Auch das erfährt man aus diesem klugen Buch, dessen Autor weiß, dass das Leonardo da Vinci zugeschriebene, 450 Millionen Dollar teure Gemälde "Salvator mundi" sich zeitweise auf der Superyacht des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman befunden haben soll. "Der Wunsch nach Diskretion wetteifert mit dem Drang nach Zurschaustellung", schreibt Grégory Salle in diesem scharfsinnigen Buch, das uns zeigt, auf welche groteske Weise sich heute Ungleichheit materialisieren kann.

Grégory Salle: "Superyachten. Luxus und Stille im Kapitalozän". Aus dem Französischen von Ulrike Bischoff. Suhrkamp 2022. 170 Seiten. 16 Euro