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Warum die Flut von Superheldenfilmen noch lange nicht vorbei ist | BR24

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"X-Men. Dark Phoenix", Disney und Hollywood-Planwirtschaft

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Warum die Flut von Superheldenfilmen noch lange nicht vorbei ist

Disney hat vor kurzem 20th Century Fox gekauft. Das heißt: Künftig können Captain America, Spider-Man und die X-Men im selben Film auftreten. Das dürfte Superheldenfans freuen, doch für die übrigen Kinogänger bedeutet es mehr Langeweile.

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Dafür, dass "X-Men: Dark Phoenix" ein vermutetes Budget von 200 Millionen US-Dollar hatte, ist es doch ganz schön ruhig um den Film. Keine wilden Spekulationen von Fans, keine Selfies mit den vorher gekauften Kinokarten und kaum Trailer-Analyse-Videos auf Youtube. Normalerweise wird nämlich jede Sekunde Bewegtbild, die man irgendwo im Internet auftreiben kann, fein säuberlich auf mögliche Plotdetails untersucht, auf kleine Hinweise wie es mit den X-Men weitergeht. Dieses Mal hingegen: Hype auf Sparflamme.

Eifrige Mahner, die das Superheldenkino schon seit Jahren totschreiben wollen, sehen sich wahrscheinlich bestätigt und hoffen, dass nun endlich mal Schluss ist mit dem Quatsch. Dass Studios sich besinnen und bald wieder ernsthafte Unterhaltung für Erwachsene machen und keine Knall-Bumm-Konfetti-Actionfilme, die so anspruchslos sind, dass man nebenbei noch seine Instagram-Story checken kann. Dabei ist die Wahrheit viel banaler: der ausbleibende Hype um den neuesten X-Men-Film ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn Fans freuen sich schon auf den nächsten, übernächsten und überübernächsten X-Men-Film.

Als würden Bayern München und Borussia Dortmund ein Verein

Zum Hintergrund ein bisschen Nerd-Wissen für die nächste Cocktailparty: Die beiden bekanntesten Comic-Verlage der Welt heißen Marvel Comics und DC Comics. Zu DC gehört zum Beispiel Batman, Spider-Man hingegen zu Marvel.

Die Filmrechte für DC Comics besitzt Warner Bros. Die für Marvel – zu denen auch die X-Men zählen – hingegen gehören zwei Studios: 20th Century Fox und Disney. Und genau hier liegt der Grund, warum Fans sich kaum auf "X-Men: Dark Phoenix" freuen: Denn Disney hat vor wenigen Wochen 20th Century Fox gekauft, für satte 71,3 Milliarden US-Dollar. Für Fans wächst hier zusammen, was zusammengehört. Es ist, als würden sich Real Madrid und der FC Barcelona zu einem einzigen Verein zusammenschließen. Künftig können Captain America, Spider-Man und die X-Men im selben Film auftreten, was jetzt schon zu heftigen Spekulationen im Netz führt, wann wohl wer wie mit wem wo gegen Bösewichte kämpft.

Nicht nur die Fans freuen sich darüber, auch die Disney-Aktionäre reiben sich die Hände. Vor ein paar Wochen hat Disney ein bizarres Dokument veröffentlicht, das sich liest wie der Fünf-Jahres-Plan einer LPG. So heißt es dort zum Beispiel für den Herbst 2021: "8. Oktober 2021: Unbenannter Disney-Film. 5. November 2021: Unbenannter Marvel-Film. 24. November 2021: Unbenannter Disney-Film. 17. Dezember 2021: Avatar 2.“ Bis ins Jahr 2027 reicht die Liste, die mit "Avatar 5" ihr sicher nur vorläufiges Ende findet.

© picture alliance/Everett Collection

Schauspielerin Jennifer Lawrence als Raven in "X-Men. Dark Phoenix"

In David Mitchells Roman "Cloud Atlas" heißen Filme in einer düsteren Zukunft nur noch "Disneys". Große Megakonzerne sind dort so lange gewachsen, bis sie die Alltagssprache völlig übernommen haben. So schlimm wird es vermutlich nicht kommen, doch der Trend ist beunruhigend. Comicfans mögen sich zwar über Marktkonsolidierung im Kinogeschäft freuen, aber für alle übrigen Kinogänger könnte die Übernahme zu einem langweiligeren, vorhersehbareren und schlichtweg zahmeren Kino führen. Eine Situation, die so ungefähr schon mal da war.

In den 1950ern gab es eine ähnliche Entwicklung

Nach dem Zweiten Weltkrieg regierte in Hollywood eine Handvoll großer Studios. Die Stars standen direkt unter Vertrag, produziert wurden Bibel-Blockbuster und jede Menge Western. Ein System, das Millionen abwarf, aber schwerfällig und kreativ ausgebrannt war. Erst das New Hollywood, also Filme wie "Easy Rider", "Bonnie and Clyde" oder "Taxi Driver" konnten das verkrustete Studiosystem aufsprengen.

Im ersten Schritt wird also das Studiosystem 2.0, die Blockbuster von Disney und Co., viel Geld in die Kassen aller Beteiligten spülen, bis sich dann vermutlich das wiederholen wird, was in den 60ern schon mal passiert ist. Eine neue Garde an Filmemachern rückt heran, produziert vielleicht ganze Filme und Serien nur noch mit Billig-Equipment für Youtube und eben nicht mehr fürs Kino. Dann könnte es frostig werden in der Planwirtschaftswelt. Denn wenn eins sicher ist: Nichts ist so unsicher wie ein detaillierter Zehn-Jahres-Plan.

© picture alliance/Everett Collection

Einige der Hauptdarsteller aus dem neusten X-Men-Film "Dark Phoenix"

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