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Superhelden mit Selbstzweifeln: Comic-Legende Stan Lee gestorben | BR24

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Stan Lee

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    Superhelden mit Selbstzweifeln: Comic-Legende Stan Lee gestorben

    Für den amerikanischen Marvel-Verlag schuf er die ertragreichsten und populärsten Comic-Helden aller Zeiten: Spiderman, X-Men, Black Panther, Avengers. Jetzt ist Stan Lee in Los Angeles nach Angaben seiner Tochter im Alter von 95 Jahren gestorben.

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    Bis ins hohe Alter hatte Lee Spaß an Kurzauftritten in den Verfilmungen seiner Heldengeschichten, eine Leidenschaft, die ihm ansehnliche Einnahmen bescherte und die mit dem Actionfilm "X-Men" von Bryan Singer im Jahr 2000 begann: Lee war für wenige Momente als Strandurlauber mit einem Hot Dog in der Hand zu sehen, wie er mit offenen Mund und einem erstaunten "Ah!" auf das Erscheinen des Haupthelden reagiert, der gerade aus dem Wasser steigt. Die Leute staunen machen, das wurde Stan Lees Beruf und Berufung. Als Kind hatte sich der spätere "Patriarch" und wichtigste Kreative des Marvel-Verlags vor allem mit klassischen Autoren wie Mark Twain und Charles Dickens beschäftigt, war einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt" zufolge aber besonders von Sherlock Holmes fasziniert.

    Er machte Superhelden menschlicher

    Seine Karriere startete der 1922 in New York City als Stanley Lieber geborene Stan Lee 1939 bei "Timely Comics" des Verlegers Moe "Martin" Goodman (seit 1961 firmierte das Unternehmen als "Marvel" und gehört inzwischen zum Disney-Konzern). Sein Pseudonym soll Lee ursprünglich angenommen haben, weil er seinen Geburtsnamen für "literarische" Arbeiten aufheben wollte, die dann allerdings niemals zu Papier gebracht wurden. Im Zweiten Weltkrieg absolvierte er seinen Wehrdienst mit dem offiziellen Diensttitel "Playwright" (Dramatiker) im Rang eines Feldwebels und zeichnete auch in dieser Funktion. Nach 1945 arbeitete er sich vom Autor bis zum Redakteur und gelegentlichen Zeichner hoch. Doch die Arbeit an wenig ehrgeizigen Serien wie "A Kid Called Outlaw", "The Two-Gun Kid" oder "Millie the Model" langweilte ihn auf die Dauer. Er war nach eigenen Angaben kurz davor, sich einen anderen Job zu suchen. Erst, als der Verlag überraschend beschloss, gegen die tonangebenden Superhelden der konkurrierenden "DC Comics" wie Superman, Batman, Wonder Woman und Green Lantern mit eigenen, neuen Formaten anzutreten, fühlte sich Lee neu motiviert und brachte es zum Chefredakteur und "Mastermind" von Marvel.

    Mit Zeichnern wie Jack Kirby und Steve Ditko machte sich Lee seit Ende der fünfziger Jahre, vor allem aber zwischen 1961 und 1964 an die Arbeit und erwies sich als genialer Schöpfer von bis dahin völlig unbekannten, nämlich sehr viel menschlicheren, komplexeren Comic-Charakteren, allen voran Spider-Man, die ihre Abenteuer nicht mehr in fiktiven Orten wie "Gotham City" und "Metropolis" erlebten, sondern im schaurig-schmutzigen New York. Es folgten Hulk, Iron Man, Thor, X-Men und Daredevil. Das "silberne Zeitalter" der Comics war angebrochen. Experten sprechen von einer "Revolution" der Bildgeschichten. Lee scheute sich nicht, seine Helden mit Selbstzweifeln auszustatten und gesellschaftliche Probleme wie Rassismus und Drogen anzusprechen.

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    Stan Lee im glücklichen Ruhestand

    Keine Ahnung von "Gammastrahlen"

    Die Idee zu "Spiderman" kam Lee angeblich beim Beobachten einer Fliege an der Wand. Wie auch immer: Er schlug seinem Redakteur eine Figur vor, die ähnlich gut klettern konnte und eine "Menge persönliche Probleme" haben sollte, was damals bei Superhelden völlig absurd erschien. Der Erfolg, an den Lee selbst zunächst nicht glaubte, gab ihm recht. Dabei leistete sich der Nestor der Comic-Literatur freimütige Geständnisse: So habe er keine Ahnung, was "Gammastrahlen" seien, obwohl die doch den "Fantastischen Vieren" ihre Superkräfte verleihen. Wissenschaftlicher Ehrgeiz war Lee völlig fremd, dagegen war er äußerst innovativ beim Script-Schreiben. Statt eine wortgetreue Handlung aufzusetzen, beließ er es bei einem groben Entwurf, ließ die Zeichner ihre Arbeit machen und füllte dann erst die "Sprechblasen" mit dem nötigen Text, was die Arbeit enorm beschleunigte. Lee soll mit seinem Stab bei Marvel insgesamt rund 350 Figuren erdacht und entwickelt haben.

    Millionen-Einnahmen mit Comics

    In den neunziger Jahren verließ er den Konzern, zog nach Kalifornien und versuchte sein Glück mit einer eigenen Firma (POW, Purveyors of Wonder) die er schließlich an chinesische Investoren verkaufte und die zwiespältigen wirtschaftlichen Erfolg hatte. Außerdem geriet Lee schnell in Streit mit den neuen Eigentümern. Es gab Scharmützel um Urheberrechte. So beschwerte sich Lee in Gesprächen mit der Presse immer wieder, an den immensen Merchandising-Einnahmen der von ihm mitgeprägten Marvel-Helden nicht beteiligt gewesen zu sein. Gleichwohl soll er zwischen fünfzig und siebzig Millionen Dollar verdient haben - ein bescheidener Betrag gemessen an den achtzehn Milliarden, die Marvel mit seinen Figuren verdient haben soll.

    Im Greisenalter jede Menge Probleme

    Noch Anfang August hatte der greise Lee in der amerikanischen Presse erklärt, dass er von allen, denen er vertraut habe, betrogen worden sei. Es ging um jede Menge finanzielle Unregelmäßigkeiten wie gefälschte Schecks, echte oder vermeintliche Charity-Organisationen und sogar um sexuelle Übergriffe im Pflegeheim. Öffentliche Gerüchte über ein Zerwürfnis mit seiner ausgabefreudigen Tochter wies Lee persönlich zurück und bilanzierte im Gespräch mit dem "Daily Beast": "Was mich betrifft, so habe ich ein wunderbares Leben. Ich bin verdammt glücklich."

    "Er war unersetzlich"

    Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte seine Tochter mit den Worten: "Er fühlte sich gegenüber seinen Fans dazu verpflichtet, weiter schöpferisch tätig zu sein. Er liebte sein Leben und seinen Beruf. Seine Familie liebte ihn und seine Fans liebten ihn. Er war unersetzlich." Nach Angaben des Familienanwalts und -vertrauten Kirk Schneck im Sender CNN, wurde Stan Lee am Montag von seinem Haus in Los Angeles in das örtliche Cedars Sinai Medical Center gebracht, wo er wenig später verstarb. Über die genaue Todesursache wurde nichts bekannt.