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Gerangel um den Schwan
© Matthias Baus/Oper Stuttgart

Autoren

Peter Jungblut
© Matthias Baus/Oper Stuttgart

Gerangel um den Schwan

Sieht so aus, als ob die fleißigen Mineure von "Stuttgart 21" ein paar Meter daneben gebohrt haben und mit einem ihrer Tunnel statt im Hauptbahnhof in der Staatsoper gelandet sind. Zwei Intercitys hätten da auf jeden Fall Platz, aber es fehlen halt die Bahnsteige. Ausstatter Raimund Orfeo Voigt verlegte Wagners "Lohengrin" ganz bergmännisch "unter Tage", in einen steil abfallenden, rabenschwarzen Schlund, der so lang und so steil ist, dass von weit hinten nurmehr schemenhaftes Licht hinein fällt. Das macht was her, und der ungarische Regisseur Árpád Schilling braucht außer ein paar zotteligen Schwänen auch kaum Requisiten, um die Geschichte vom wundersamen Grals-Ritter so ansprechend wie karg zu bebildern.

Lohengrin pfeffert Schwäne in die Ecke

Lohengrin pfeffert Schwäne in die Ecke

Wagner im Tunnel, das ist wegen der gedeckelten Akustik sehr sängerfreundlich und nicht gerade neu. Da hat Götz Friedrich vor vielen Jahren in Berlin schon mal einen kompletten, vierteiligen "Ring des Nibelungen" spielen lassen, und auch sonst war an diesem Stuttgarter "Lohengrin" wenig neu und originell. Aber bewährte Ideen müssen ja keine schlechten Ideen sein. Also erzählt Árpád Schilling einmal mehr vom wankelmütigen Volk, das jeder beliebigen Führerfigur hinterherläuft und aus seinen Fehlern nichts lernt. Im Programmheft verweist der Regisseur auf seine Herkunft aus Ungarn, wo mit Viktor Orbán ja gerade so ein Heilsbringer auf absolute Mehrheiten kommt und mindestens so inbrünstig verehrt wird wie ein Gralsritter.

Neue Runde im Diktatoren-Karussell

In Stuttgart ist das optisch eher eine Art Erich Honecker mit grauen Haaren und Hornbrille, der mit einer üppigen Blondine vom Format Anita Ekberg an seiner Seite so engstirnig über sein tristes Reich herrscht, dass allenfalls Gicht am Ende des Tunnels zu vermuten ist. Mitten aus dem Volk und völlig unvermittelt wird dann plötzlich ein Lohengrin nach vorne geschubst, der ein paar Tage Ausgelassenheit verbreiten darf, was sich vor allem im Kostümwechsel äußert. Die grauen Anzüge sind passé, bunte Klamotten angesagt, doch sie sind hier gerade kein Sinnbild für bunte Gesinnungen und eine bunte Gesellschaft. Im Gegenteil, das Volk trägt bunt, weil es angeordnet wurde. Deshalb geht das Experiment schief, Lohengrin scheitert und übrig bleibt Ortrud, die selbstbewusste Blondine und Power-Frau, die sich flugs den nächsten Kerl krallt und mit ihm eine neue Runde im Diktatoren-Karussell fährt.

Elsa weiß sich zu wehren

Elsa weiß sich zu wehren

Hämischer bis sarkastischer Schluss

Es ist unter Opern-Regisseuren längst Mode geworden, den "Lohengrin" nicht tragisch, sondern hämisch bis sarkastisch enden zu lassen. Deshalb kommt in Stuttgart am Ende auch kein Gottfried auf die Bühne, kein Thronfolger, der, wie es der von der Revolution beseelte Wagner noch vorgesehen hatte, Brabant in eine lichtere Zukunft führt. Die Zeiten sind nicht danach, jetzt, wo überall in Europa und weltweit autoritäre Herrscher gefeiert werden. Dieser "Lohengrin" passt in die Gegenwart, gleichwohl gab es neben bravem Beifall auch ein paar verzagte Protestrufe für die Regie. Mag sein, dass diese Produktion dem einen oder anderen zu vorhersehbar, zu unentschlossen war.

Telramund sorgt mit "Honecker"-Optik für "Ordnung"

Telramund sorgt mit "Honecker"-Optik für "Ordnung"

Dieser Lohengrin ist "nichts Besonderes"

Dabei gab es musikalisch mehr Fragezeichen als bei Regie und Ausstattung. Dirigent Cornelius Meister schien beim Vorspiel noch arg nervös, da stimmte wenig: Ein schwammiges, pauschales Klangbild statt geheimnisvoll-mystische Abgründe, vom irisierenden "Blau", das den "Lohengrin" charakterisiert, war wenig zu hören. Ab dem zweiten Aufzug steigerten sich Staatsorchester und Dirigent, wenngleich die Blechbläser nicht ihre beste Form hatten. Der Chor leistete sich immer wieder gehörige Wackler, was mit teilweise ungünstigen Sichtachsen zum Dirigenten zu tun hatte. Michael König in der Titelrolle fehlte die Kondition und die Konzentration, um die abschließende Gralserzählung fesselnd zu singen. Allerdings hätte das auch gar nicht zum Rollenporträt gepasst: Er sollte ja nichts "Besonderes" darstellen, sondern nur einen von vielen. Die Frage, "Woher kommst Du?", die vor der Oper auf Luftballons zu lesen war und Bezug nahm auf "Lohengrin", wurde von ihm nicht wirklich beantwortet.

Der ist nicht geheuer!

Der ist nicht geheuer!

Schauspielerisch ganz stark waren Okka von der Damerau als coole Ortrud und Martin Gantner als Friedrich von Telramund im Honecker-Look - ein Paar, das auch stimmlich jederzeit in der Lage war, dieses Brabant unter Kontrolle zu halten. Bravo! Verglichen damit wirkte Simone Schneider als verhuschte Elsa trotz ihres Küchenmessers, das sie anscheinend ständig bei sich führte, wenig überzeugend. Goran Jurić sang einen artigen König Heinrich im Zweireiher, Shigeo Ishino den Heerrufer als Varietékünstler mit Seidentuch. Zum Auftakt der neuen Ära unter Intendant Viktor Schoner hat die Oper Stuttgart wenig falsch gemacht und herzlichen Applaus bekommen – aufregend ist was anderes.

Wieder am 3., 14. und 20. Oktober 2018 an der Oper Stuttgart, weitere Termine.

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Peter Jungblut

Sendung

kulturWelt vom 30.09.2018 - 12:05 Uhr