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Stuttgart 21: Tonnenschweres Satire-Denkmal sorgt für Aufsehen | BR24

© Sebastian Gollnow/BR Bild

Nackter Kretschmann: Nahaufnahme der Satire-Figur

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    Stuttgart 21: Tonnenschweres Satire-Denkmal sorgt für Aufsehen

    Der Künstler Peter Lenk schuf eine neun Meter hohe Skulptur mit rund 150 Figuren, die sich kritisch mit dem Großprojekt Stuttgart 21 auseinandersetzt. Zu den Abgebildeten gehört auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann – nackt mit Feigenblatt.

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    Er hat vor Jahren schon mit seiner hoch umstrittenen "Imperia"-Figur an der Konstanzer Hafeneinfahrt für Aufruhr gesorgt, jetzt macht der Nürnberger Künstler Peter Lenk mit einer weiteren, aufsehenerregenden Arbeit Schlagzeilen. Vor dem Stuttgarter Stadtpalais baute er eine zehn Tonnen schwere Stein-Skulptur mit dem Titel "S 21. Das Denkmal – Chroniken einer grotesken Entgleisung" auf. Das Werk soll rund 140 000 Euro gekostet haben, ohne dabei den vielstündigen Arbeitsaufwand zu berechnen. Auf Lenks Internet-Seite ist von einem "Schwäbischen Laokoon" die Rede, eine Anspielung auf die berühmte antike Laokoon-Gruppe, die in den Vatikanischen Museen in Rom zu sehen ist. Dargestellt ist dort, wie der titelgebende Priester mit Schlangen ringt – ein Kampf, den er schließlich verliert, weil die Götter ihn dafür bestrafen, dass er versucht hat, das "Trojanische Pferd" aufzuhalten, also die Eroberung der Stadt zu verhindern.

    Schwieriger Transport vom Bodensee

    In Stuttgart ist es Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der mit Widersachern kämpft, in diesem Fall keine Schlangen, sondern ein sich vielfach windender ICE-Zug: "Es war eine enorme zusätzliche Arbeit, die viele Tonnen schwere, mehr als zehn Meter hohe Statue vom Bodensee nach Stuttgart zu bringen, diese vor Ort zusammenzufügen und aufzustellen", so die Unterstützer von Lenk auf der Homepage. Die Hauptfigur, die "viele an Kretschmann erinnere", sei von Anfang an geplant gewesen, andere Darstellungen hätten sich eher spontan bei der Arbeit ergeben: "So weisen viele der Figuren Ähnlichkeit auf mit Persönlichkeiten der Stadt Stuttgart und des Deutsche Bahn-Top-Managements. So auch die großen Relief-Tafeln, die auf den vier Flächen des schrägen Bahnhofsturms zu finden sind, unter anderem mit der Darstellung eines 'abgesoffenen' S21-Tiefbahnhofs, der von einer munteren Stuttgarter Stadtbevölkerung als Spaßbad genutzt wird, und die Darstellung der Polizeiaggression am 'Schwarzen Donnerstag', dem 30. September 2010."

    Die Skulptur soll zunächst bis zum 31. März 2021 zu sehen sein, was mit dem Kunstwerk danach geschieht, ist noch offen.

    © Sebastian Gollnow/BR Bild

    Winfried Kretschmann in Stein

    Finanziert wurde Lenks satirisches Denkmal durch private Spender, die mittlerweile 134 000 Euro überwiesen haben. Der Künstler wurde 1947 in Nürnberg geboren und lebt seit langem in Bodman am Bodensee. Dort, so Lenk in seiner offiziellen Biografie, seien "genehmigte und ungenehmigte" Skulpturen entstanden. So geriet er mit dem Schriftsteller Martin Walser aneinander, als dieser verlangte, dass eine ihm ähnliche Arbeit mit dem Titel "Bodenseereiter" verhüllt werde. In Konstanz durfte er nicht nur die erwähnte "Imperia" errichten, sondern auch einen "Triumphbogen" für Autofahrer.

    Stuttgart-21-Gegner loben Denkmal

    Hinter den Kulissen soll es in der Stadtverwaltung heftige Debatten über die Genehmigung des Denkmals gegeben haben. Die Gegner von Stuttgart 21 lobten die Kunstaktion. Die Skulptur sei eine "beißende Kritik" an Deutschlands "absurdestem Großprojekt": "Wir danken allen, die über ihre Schatten gesprungen sind und vor allem den vielen Aktiven, die in einer beispiellosen Spendenkampagne mit 132 000 Euro, überwiegend Kleinspenden, den Großteil der Unkosten für dieses Projekt zusammen bekommen haben'", so Eisenhart von Loeper, Sprecher des Bündnisses gegen den Kopfbahnhof. Es sei "kein Ruhmesblatt für die sich liberal verstehende Landeshauptstadt", dass Lenk die Transportkosten bisher selbst tragen müsse.

    © Sebastian Gollnow/BR Bild

    Neugierige betrachten das Denkmal

    In einem Interview äußerte Peter Lenk einmal, er sei vom Schriftsteller Friedrich Dürenmatt beeinflusst: "Mich interessiert seine These, dass man unser Leben eigentlich nur noch durch die Komödie begleiten oder ertragen kann. Damit hat er geholfen. Da beginnt dann auch der Konflikt mit dem heutigen Kunst-Establishment, das lieber die Zersetzung, das Tote eigentlich zelebriert, aber natürlich im Cocktailkleid. Ich bin nach alten Regeln in der Akademie ausgebildet, und so forme ich meine Figuren immer zu Ende." Auch der Holländer Adriaen Brouwer (1605 – 1638) "mit seinen herrlich kräftigen Kneipenfiguren" gehöre zu seinen Vorbildern.

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