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"Stumme von Portici": Wie sinnvoll sind "Geisterpremieren"? | BR24

© Jungblut/BR

Kritiker in der Oper Dortmund

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    "Stumme von Portici": Wie sinnvoll sind "Geisterpremieren"?

    Zwanzig Kritiker und reichlich Platz: Die Oper Dortmund lud zur ersten Premiere ohne Publikum. Einige weitere sollen anderswo folgen. Bizarr oder künstlerisch wohlbegründet? Regisseur Peter Konwitschny hält es für einen "ganz schönen Hammer".

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    Gut, in München haben sie einst für König Ludwig II. Privatvorstellungen gegeben, übrigens nicht nur Wagner-Opern, auch Schauspiele. Da saß also nur ein Zuschauer im Saal, jetzt, bei der ersten "Geister-Premiere" nach der flächendeckenden Schließung der Theater, schauten in Dortmund immerhin rund zwanzig Kritiker zu. Das waren also schon mal mehr Gäste als derzeit in vielen TV-Shows. Die Neugier auf die selten aufgeführte "Stumme von Portici" (1828) war groß, zumal Regie-Altstar Peter Konwitschny inszenierte.

    "Abschluss eines künstlerischen Prozesses"

    Aber reicht das, um in Corona-Zeiten eine Premiere fast ohne Publikum anzusetzen? Dazu Intendant Heribert Germershausen, der bei den städtischen Behörden für diese ungewöhnliche Aufführung kämpfte: "Ich finde es deshalb sinnvoll, weil so ein Abend der Abschuss eines künstlerischen Prozesses ist, und der wäre einfach unterbrochen, wenn es diesen Abend nicht geben würde. Das ist für alle Beteiligten wichtig. Außerdem hoffen wir ja alle, dass wir ab Mitte oder Ende April wieder spielen können, dann steht die Produktion im Mai da." Solche "Geister-Premieren" soll es übrigens in den nächsten Tagen noch einige weitere geben, in Krefeld, aber auch in Regensburg.

    © Thomas Jauk/Oper Dortmund

    Gerangel in der Fischerhütte

    Auf dem Mond hört dich keiner

    Peter Konwitschny, inzwischen 75 Jahre alt, hält die vorübergehende Schließung der Theater wegen der Ausbreitung des Coronavirus für unvermeidlich und hält so eine menschenleere Premiere dabei in mehrfacher Hinsicht für ein Fanal: "Das ist eigentlich ein sinnloser Vorgang. Das ist so, als wenn ich stumm mit jemandem kommunizieren wollte, als ob ich jemandem etwas sagen wollte, und zwischen uns ist keine Luft. So wie auf dem Mond, obwohl ich ganz nah stehe, hört der mich nicht. Das ist aber auch symbolisch ein ganz schöner Hammer, wenn das Theater auf sich selbst zurückgeworfen wird."

    © Thomas Jauk/Oper Dortmund

    Der Held wird irre

    Auf der Bühne zeigte der bekennende Fatalist Konwitschny einmal mehr einen schwermütigen Abgesang auf jeden Fortschritt. "Die Stumme von Portici" eignet sich dafür ganz besonders, denn es ist die einzige Oper, die jemals eine Revolution ausgelöst hat, 1830 war das, in Belgien. Damals ließ sich das rebellische Publikum von den Arien zum Aufstand hinreißen. Komponist Daniel-Francois-Esprit Aubert lässt arme Fischer in Neapel gegen den Adel Sturm laufen, erfolglos übrigens, denn als der Sieg sicher zu sein scheint, bricht der Vesuv aus und begräbt alle unter sich.

    Flammen über der Lava

    In Dortmund werden vorher auch noch jede Menge Revolutionäre symbolisch erschossen, von Jeanne d'Arc über Thomas Müntzer bis Che Guevara. Und am Ende lodern natürlich die Flammen über der Lava. Insgesamt eine sehr sarkastische Deutung. Der Held, der zunächst noch hoch zu Ross triumphiert, wird kurz darauf prompt irrsinnig. Erstaunlich, wie Mirko Roschkowksi seine Rolle stemmt, im leeren Saal, auch der Chor hatte sich augenscheinlich wundersam motiviert. Dirigent Motonori Kobayashi führte dabei begreiflicherweise etwas sehr steril durch den Abend.

    © Jungblut/BR

    Neugier ohne Zuschauer

    Manche Theater, vor allem die sehr großen, versuchen es ja jetzt mit Angeboten im Netz statt auf der Bühne. Heribert Germershausen ist da skeptisch: "Ich habe zum Streaming ein gespaltenes Verhältnis. Nichts ist langweiliger als abgefilmtes Theater, das muss dann schon Bestandteil des künstlerischen Prozesses gewesen sein. Die Metropolitan Opera in New York macht das auf einem extrem professionellen Niveau, aber es eignen sich nicht alle Inszenierungen dafür."

    "Krise dämpft den Hochmut"

    Bei allem, was die Corona-Krise an Düsternis und Einschränkungen bringt, sieht sie Peter Konwitschny immerhin auch als Weckruf, grundsätzliche Fragen zu stellen - auch solche, die den ein oder anderen womöglich ängstigen: "Vielleicht hilft uns das, zum Tod ein anderes Verhältnis zu bekommen, denn dass wir den Tod so radikal verdrängen, heißt eigentlich, dass wir nicht richtig leben können. Kriege, solche Seuchen und Unglücke aller Art haben ja ein Gutes: Dass der Hochmut gedämpft wird." Klingt sehr biblisch, aber mit 75 darf ein Regisseur ja wirklich altersweise sein und muss sich um den Zeitgeschmack nicht mehr scheren.

    Voraussichtlich wieder ab 8. Mai an der Oper Dortmund.

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