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Es fehlen Proben, Geld und Motivation: Einer anonymen Umfrage der Universität Eichstätt zufolge stehen nicht wenige Singvereine wegen des Lockdowns vor dem Aus, besonders im Kinder- und Jugendbereich. Online-Proben seien keine Alternative.

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Studie: Chöre verlieren im Lockdown massiv Mitwirkende

Es fehlen Proben, Geld und Motivation: Einer anonymen Umfrage der Universität Eichstätt zufolge stehen nicht wenige Singvereine wegen des Lockdowns vor dem Aus, besonders im Kinder- und Jugendbereich. Online-Proben seien keine Alternative.

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Von
  • Peter Jungblut

Es wird dauern, bis die Chöre im deutschsprachigen Raum die Pandemie einigermaßen überwunden haben, und so, wie es derzeit aussieht, werden viele, vor allem junge Mitwirkende, ganz aufgeben. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Umfrage der Musikwissenschaftlerin Kathrin Schlemmer von der Universität Eichstätt. Sie und ihr Team befragten anonym rund 4.300 Chöre aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

"Wir haben eine große Gruppe von Chören, die sich wirklich Sorgen um die Zukunft machen, und das geht eben über alle Chorbereiche", so Schlemmer gegenüber dem BR: "Da sind einerseits die Probleme mit der musikalischen Seite, was aus der kleinen Mitgliederzahl folgt, wenn man eh schon nicht so groß ist. Viele Chöre haben aber auch erhebliche finanzielle Probleme, weil sie sich durch Konzerteinnahmen finanzieren, die jetzt natürlich wegfallen, sodass sie ihre Chorleiter nicht mehr bezahlen können, weil sie im Prinzip keine Mittel dafür mehr haben."

Jeder achte Kinderchor probt derzeit nicht

Deshalb erhoffen sich die Chöre staatliche Unterstützung, etwa bei der Finanzierung von Schnelltests, bei Ausfallversicherungen für Veranstaltungen, bei der Beschaffung von Notenmaterial und bei der angesprochenen Bezahlung der Dirigenten.

Viele Chöre haben es zwischenzeitlich mit Freiluft-Proben versucht, mit verringerter Besetzung, manche schalteten sich auch im Netz zusammen, was allerdings musikalisch ziemlich schwierig bis unsinnig sei. Kein Wunder also, dass besonders bei den jüngeren Sängern die Proben ganz oder teilweise ausfallen. "Es hat uns doch überrascht, wie viel kleiner die Chöre jetzt sind, und dass gerade im Bereich der Kinder- und Jugendchöre jeder achte Chor derzeit nicht probt, das hat uns erschreckt, zumal wir derzeit nicht wissen, ob diese Sängerinnen und Sänger alle überhaupt wieder aktivierbar sind", sagt Schlemmer.

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Chor und Orchester open air auf dem Münchner Odeonsplatz

Da die aktuellen Zahlen noch vor der dritten Pandemie-Welle im März erhoben wurden, könnte sich die Lage seitdem sogar noch verschlechtert haben, so die Musikwissenschaftlerin. Und das betrifft allein in Deutschland immerhin rund vier Millionen Mitwirkende. Das Gemeinschaftsgefühl, das beim Chorsingen so wichtig sei, fehle jedenfalls - mit schlimmen Folgen, nicht nur für die Stimme, sondern auch fürs Gemüt: "Ich habe das selbst miterlebt als Chorsängerin. Es macht zwar auch mal Spaß, in kleinen Gruppen mit großen Abständen zu singen, aber es ein ganz anderes Singgefühl. Und gerade für die vielen Sängerinnen und Sänger, die sich in den Gesang so reinfallen lassen, im Klang baden wollen, ist das etwas, das gerade nicht stattfindet, weil das durch die Abstände verloren geht."

"Momentan ein großer Motivationsverlust"

Könnte also durchaus sein, dass das Niveau vieler Chöre erst mal drastisch sinkt. Nach der Pandemie müssen sie in veränderter, auch verringerter Besetzung weitermachen, sich erst mal wieder zusammen finden und an der Lebensfreude arbeiten: "Wenn man weniger als die normalen Proben hat und selbst die auch nicht mit allen Leuten, dann geht natürlich beim Singen etwas die Routine verloren. Man kann ja auch nicht im gleichen Tempo Stücke erarbeiten, und die Stücke werden dann nicht zur Aufführung kommen. Das heißt, dass das momentan auch ein großer Motivationsverlust ist."

Wie viele Chöre ganz aufgeben werden, lässt sich momentan natürlich noch nicht absehen, aber es werden nicht gerade wenige sein, vermutet Kathrin Schlemmer: "Die Befürchtung haben wir natürlich vor allem bei den Kinder- und Jugendchören, weil da die Fluktuation sowieso größer ist, wenn die Jungs in den Stimmbruch kommen oder die Kinder die Schule wechseln. Das heißt, da ist wirklich die Frage, ob die in ihrem alten Chor jemals wieder zu reaktivieren sind oder sowieso rausgehen. Und dann ist natürlich die große Frage, wie es weitergeht, also ob neue Sänger nachkommen, weil im Chor zu singen jetzt den schrecklichen Ruf hat, gesundheitsschädlich zu sein, was überhaupt nicht den Tatsachen entspricht, weil es ja immer eher beschrieben wird als förderlich für das Glückserlebnis und Wohlbefinden."

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