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Bildrechte: Bildrechte: Jan-Pieter Fuhr/Theater Augsburg

Vor Gericht hilft vor allem: Nicht langweilen! Davon erzählt dieses ironisch-sarkastische Musical, in dem sogar eine Hinrichtung stattfindet. Dank fulminanter Hauptdarsteller und einer großformatigen Regie wird daraus eine bildstarke Show mit Niveau.

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Stricken macht unschuldig: "Chicago" am Roten Tor in Augsburg

Vor Gericht hilft vor allem: Nicht langweilen! Davon erzählt dieses ironisch-sarkastische Musical, in dem sogar eine Hinrichtung stattfindet. Dank fulminanter Hauptdarsteller und einer großformatigen Regie wird daraus eine bildstarke Show mit Niveau.

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Peter JungblutPeter Jungblut

Amerikanische Gerichtsfilme sind ja vor allem deshalb so spannend, weil dort eine Jury über schuldig und unschuldig entscheidet, und dabei kommt es bekanntlich nicht selten auf jede einzelne Stimme an. Die Anwälte müssen also Wahlkämpfe gegen den Staatsanwalt führen, eine möglichst große Show abziehen, und davon lebt das Musical "Chicago" ziemlich gut. Es zeigt nichts weiter als das, was Angeklagte für ein paar tausend Dollar von ihrem Rechtsbeistand erwarten dürfen, nämlich eine Zirkusnummer irgendwo zwischen Raubtier-Bändigung und Hochseilakrobatik und den guten Rat, dass strickende weibliche Angeklagte nie verurteilt werden.

Erst Heimatgefühl, dann Begeisterung

Und das funktionierte auf der Augsburger Freilichtbühne am Roten Tor ganz wunderbar - dank Alexander Franzen in der Rolle des gerissenen Rechtsverdrehers Billy Flynn, sowie Katja Berg und Sidonie Smith als skrupellosen Showgirls, die zwar jeweils Männer auf dem Kissen und dem Gewissen haben, aber nur eines von beidem tragisch finden. Klar, die Zuschauerreihen waren wegen der Abstandsregeln gezwungenermaßen schütter besetzt, aber bei denjenigen, die das Glück hatten, bei der Premiere dabei sein zu können, stellte sich erst ein Heimatgefühl ein, endlich wieder bekannte Gesichter zu sehen, und dann Begeisterung, dass das doch tatsächlich eine große Besetzung auf der Bühne war, fast wie in alten Zeiten.

© Jan-Pieter Fuhr/Theater Augsburg
Bildrechte: Jan-Pieter Fuhr/Theater Augsburg

Dreistöckiger Frauen-Knast

Für eine der kommenden Opern-Galas stellte der Intendant gegenüber dem BR sogar Feuerwerk in Aussicht, früher bei Premieren obligatorisch, inzwischen ein Politikum, wo landauf, landab erbitterte Feinstaubdebatten geführt werden und Silvester ganz ohne auskommen musste. Hier geht's also um nichts weniger als Normalität nach dem Ausnahmezustand.

Bett und Showtreppen fesselten Aufmerksamkeit

Regisseur und Choreograph Gaines Hall kam mit den Dimensionen am Roten Tor bestens zurecht. Hier muss eine Inszenierung immer groß denken und handeln, auch, wenn mal nur ein einziger Sänger auf der Bühne steht. Zu schnell verliert sich der Blick, zu leicht gehen selbst charismatische Darsteller optisch unter. Das war diesmal keine Minute der Fall. Im Gegenteil, die beiden Showtreppen, die Ausstatter Harald B. Thor entworfen hatte, und das viel benutzte Bett fesselten ständig die Aufmerksamkeit. Die Lichtregie verschaffte Orientierung, statt nur bunte Effekte zu liefern.

© Jan-Pieter Fuhr/Theater Augsburg
Bildrechte: Jan-Pieter Fuhr/Theater Augsburg

Alles Zirkus

Drei Stockwerke hoch türmt sich der Frauenknast, der Schauplatz des Geschehens, und das sorgt immer wieder für imposante Bilder, die auch Zuschauer in den hinteren Reihen einbeziehen. Herrlich amüsant der Tanz der Babys, die hier nicht etwa niedlich sind, sondern nur taktisch eingesetzt werden, um die Geschworenen gewogen zu halten, wie überhaupt fast alle Nummern vor Ironie triefen, manche sogar vor Sarkasmus. Immerhin wird eine Gefangene hingerichtet, was die Überlebenden vor allzu viel Selbstbewusstsein bewahrt: Mit anderen Worten, wer seinem Anwalt widerspricht, spielt mit dem Leben.

Travestiestar Chris Kolonko als Kriminal-Reporterin

Nicht gerade eine feministische Botschaft, oder womöglich gerade deshalb. Denn diesen beiden Powerfrauen macht keiner was vor: Nach ihrem Freispruch tingeln sie als Duo durch die Lande und machen ihr Ding. Die Presse kann sich auf die nächste Bluttat stürzen, angeführt vom Augsburger Travestie-Star Chris Kolonko als so einfühlsame wie schnell gelangweilte Reporterin Mary Sunshine.

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Bildrechte: Jan-Pieter Fuhr/Theater Augsburg

Showtreppe im Einsatz

So ist "Chicago" Medienkritik, Gerichtsposse und Männer-Satire, Frauen-Show und Entertainment-Farce. Alles zusammen ergibt ein Musical, wie es in dieser Fassung nicht politischer sein könnte. Mag sein, dass es nach der Pause an Tempo einbüßt, weil dann einfach viele Handlungsstränge entwirrt werden müssen. Doch echte Durchhänger gibt's nicht. Der Enthusiasmus aller Mitwirkenden, darunter acht Studierende der Bayerischen Theaterakademie August Everding, ist ansteckend.

Der kanadische Dirigent Justin Pambianchi versteht was vom Großformat, er verzettelt sich nicht im Kleinklein, sondern bietet Jazz-Feeling im Stadion-Sound, auch, wenn das eigentlich ein bizarrer Widerspruch ist. Doch Jazz ist ja nicht nur eine Musikrichtung, sondern ein Lebensgefühl, und das steht hier akustisch im Vordergrund. Endlich wieder Gute-Laune-Theater in Augsburg mit Niveau - der Sommer kann kommen!

Bis 31. Juli 2021 in der Freilichtbühne am Roten Tor in Augsburg

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