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Streitgut hat unter anderem auch ChatGTP getestet

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"Streitgut": Chancen und Gefahren moderner Streitkultur

Warum streiten wir? Und wie streitet man richtig? Die Organisation "Streitgut" hat sich mit ihrem Online-Format auf Youtube und Instagram vorgenommen, unsere Streitkultur zu erforschen und uns friedliches Streiten näherzubringen.

Über dieses Thema berichtet: kulturWelt am .

Niemand macht es gern und trotzdem tun es alle: Streiten. Mit rund 20.000 Konflikten hat es jeder von uns in seinem Leben zu tun, heißt es, aber was Streiten für uns als Gesellschaft bedeutet, und was unsere Streitkultur im digitalen Zeitalter bedeuten kann – darüber wissen wir noch viel zu wenig. Daniel Privitera und seine Organisation "Streitgut" haben sich gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Harvard, Stanford und Oxford, diesem umstrittenen Thema gewidmet.

Verhärtete Fronten aufbrechen

"Wir wollen mit Streitgut die Diskussionskultur in Deutschland besser machen", sagt Daniel Privitera von Streitgut. "Eine Diskussionskultur ist so etwas wie das Betriebssystem unserer Demokratie. Wenn wir eine gute, produktive Diskussionskultur haben, dann werden wir auch in allen anderen möglichen Politikbereichen, ob Klima, Außen-, oder Wirtschaftspolitik oder, oder, oder... zu guten Lösungen kommen." Die Spaltung in unserer Gesellschaft scheint sich im Wirbel der Krisen der letzten Jahre immer mehr zu vertiefen. Fronten und Lager sind verhärtet, Debatten festgefahren und Standpunkte zementiert.

Daniel Privitera hat das Gefühl, dass die Frequenz dieser Krisen, oder wahrgenommenen Krisen, vielleicht eher zunehmen wird in nächster Zeit, dass einfach unruhige und unbestimmte Zeiten auf uns zukommen. "Und umso wichtiger ist es", sagt er, "dass wir es schaffen als Gesellschaft, das Miteinander-Sprechen über diese Themen noch besser hinzubekommen."

Online Streiten oft problematisch

Privitera hat, als Brexit und Pegida für Aufruhr sorgten, zunächst in Diskussionsrunden am Tisch das Streiten zum Thema gemacht. Heute kämpft er online für richtiges Streiten. Denn besonders die digitale Streitkultur ist ein Problem. "Bei diesem Thema Diskussionskultur ist das Thema Fake-News und Wahrheit, und was ist eigentlich wahr und was ist unwahr, auch total wichtig!"

Meinungen prallen aufeinander, Fakten verpuffen im Wind, werden geleugnet oder erfunden. Auch wenn die Streit-Forschung laut Privitera zeigt, dass Fakten in Debatten oft zu noch mehr Verhärtung führen. "Streitgut" plädiert mit vielen Tipps auf seinen Kanälen dafür, sich stets auf Gemeinsamkeiten zu besinnen. Eine weitere Erkenntnis aus der Forschung ist, dass die Filterblasen, in denen wir uns online bewegen, nicht unbedingt, wie angenommen, zu mehr Spaltung führen. Hierfür wurden bei einem Experiment in den USA Demokraten und Republikaner über Monate hinweg mit den Meinungen der Gegenseite beschallt. Wider Erwarten führte dies jedoch nur zu noch mehr Polarisierung.

Missbrauchspotenzial neuer Technologien

Auch die Meinungsmache durch künstliche Intelligenzen ist eines der Forschungsgebiete von "Streitgut". Sie wollten wissen, wie groß ist da eigentlich das Missbrauchspotential von solchen neuen Technologien, wie ChatGBT, wenn man wirklich den öffentlichen Diskurs hier in Deutschland unterwandern wollte. Dazu hätten sie – so Privitera – zwei Experimente gemacht. "Das erste Experiment sah so aus: Wir haben ChatGBT ausgetrickst und haben die Sicherheitsvorkehrungen, die da eigentlich einprogrammiert sind, umgangen, und es dann dazu bringen können, uns wie am Fließband Hasskommentare zu schreiben, über bestimmte Bevölkerungsgruppen."

Das war schon mal ziemlich erschreckend. Nachdem die KI dann innerhalb von Sekunden eine Fake-News-Geschichte über Friedrich Merz und einen fiktiven Sex- und Drogenskandal erfunden hatte, und auch noch wütende Tweets von Bots dazu lieferte, wagte die Organisation sich noch einen Schritt weiter und forderte von der KI die perfekte Anleitung für den dazugehörigen Shitstorm. Prompt spuckte ChatGBT die gewünschte Antwort aus.

Sicherheitsschranken sind leicht zu umgehen

Das Beunruhigende sei für sie gewesen, dass es möglich war, die Sicherheitsschranken zu umgehen. Und das macht es einfacher für Leute mit schlechten Absichten, so ein mächtiges Werkzeug, so ein Tool wie ChatGBT, auch zu missbrauchen. Die Organisation ging noch einen Schritt weiter und ließ die KI eine fiktive Person kreieren: "Alexandra Manninger": Etwas rundlich, braunes Haar, mittleren Alters und mit Brille. Und Alexandra war dagegen, gegen alles und brachte so einige im Netz zur Weißglut. Nicht nur ihre Gestalt und ihr Foto, sondern auch der Hass, den sie streute, waren Wort für Wort von ChatGBT selbst erdacht. Ein Experiment, das sowohl digital als auch in der Presse für Furore sorgte.

Unsere Streitkultur findet heute vor allem digital statt. Doch mit wem man es hier zu tun hat, weiß man oft nicht mehr. Gestritten wird trotzdem. "Und wenn wir uns jetzt irgendwann nicht mehr ganz sicher sein können, ist eigentlich die Person, mit der ich da online gerade spreche, ist das ein echter Mensch? Oder ist das einfach irgendeine Maschine? Dann entwertet das total den öffentlichen Raum, in dem diese wichtigen Gespräche eigentlich stattfinden sollen. Und wir haben auch Sorge davor, dass irgendwann vielleicht Tausende Alexandras auf einmal in einer koordinierten Aktion eingesetzt werden, um Propaganda zu verbreiten.

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