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Streitfall Bernhard Schlink: Zu viel Kitsch im Bestseller? | BR24

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Auch seine gerade erschienenen "Abschiedsfarben" werden wieder sehr gut verkauft. Schlink gehört zu den populärsten Gegenwartsautoren, sein "Vorleser" ist Schullektüre. Doch sprachlich bleibt er oft verstörend "sanft", ja stilistisch altmodisch.

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Streitfall Bernhard Schlink: Zu viel Kitsch im Bestseller?

Sein gerade erschienener Roman "Abschiedsfarben" verkauft sich wieder sehr gut. Schlink gehört zu den populärsten Autoren der Gegenwart, sein "Vorleser" ist Schullektüre. Doch sprachlich bleibt er oft verstörend "sanft", ja stilistisch altmodisch.

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Er scheut die Öffentlichkeit, brachte es aber zu Weltruhm: Bernhard Schlink hat vor nun genau 25 Jahren den Roman veröffentlicht, der ihn international bekannt machte: "Der Vorleser", eine clever konstruierte Geschichte über die Themen, die den Schriftsteller bis heute umtreiben: Die Liebe zwischen ungleichen Partnern, historische Schuld und die Scham des Einzelnen, das Vergeben und Abschiednehmen. Mit dem "Vorleser" setzte auch die Debatte darüber ein, was literarisch von Schlink denn zu halten sei. Seine Geschichten werden vom Publikum verschlungen, auch sein neuer Erzählband, "Abschiedsfarben", ist, kaum veröffentlicht, schon auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Andere bleiben dagegen skeptisch, zum Teil offen ablehnend. Was macht ihn denn aus, den Reiz von Bernhard Schlink?

Oft bei Beerdigungen

Seine neueste Geschichte beginnt mit diesen Worten: "Sie sind tot – die Frauen, die ich geliebt habe, die Freunde, der Bruder und die Schwester und ohnehin die Eltern, Tanten und Onkel. Ich bin zu ihren Beerdigungen gegangen, vor vielen Jahren oft, weil damals die Generation vor mir starb, dann selten und in den letzten Jahren wieder oft, weil meine Generation stirbt." Die erste Abschiedsfarbe sozusagen, aber in diesem Satz stecken bereits Stimmung und Thema des ganzen Buches. Der Blick zurück, die Nähe zum Tod, Gedanken an eigene Fehler, an Schuld, kurzum: Der Abschied in all seinen Ausprägungen ist es, dem Bernhard Schlink, selbst Jahrgang 1944, in diesem Erzählband nachspürt.

© Horst Galuschka/Picture Alliance

Bernhard Schlink bei der Lit.Cologne

In einer Geschichte nimmt ein betagter Mathematiker von seinem langjährigen Freund Abschied, den er verraten hat. Jahrzehnte liegt der Verrat zurück, gestehen aber konnte er nie, dass er die Flucht des Freundes aus der DDR verhindert hat. Und so findet der ehrliche Abschied auch bloß in der Fiktion statt: Die Beichte kann nur in Gedanken abgelegt werden, gerichtet an den Freund, der schon Jahre tot ist. In einer anderen Erzählung verabschiedet sich ein Mann von seinem Bruder. Er sitzt allein im Auto, als ihn Elton Johns Lied überrascht: "Er saß, und es klang in seinem Kopf nach: 'Daniel, my brother', 'Lord, I miss Daniel', 'Daniel, you’re a star in the face of the sky.' Wenn er das Weinen nicht verlernt hätte, hätte er geweint. Er sehnte sich oft danach zu weinen. Er sehnte sich danach, dass der schwarze See der Traurigkeit in seiner Brust in einem Strom von Tränen ausliefe."

Dem Kitsch so nah

Das ist so ein beklemmender Schlink-Moment und mit ihm drängt sich die Frage auf: Wie kann ein Autor, der dem Kitsch so nah steht, Jahrzehnte lang so erfolgreich sein, warum wurde ausgerechnet er zur Schullektüre erhoben, sodass viele Kinder neben Goethe, Lessing und Kleist auch Bernhard Schlink kennen lernen? Was also steckt noch in diesen Texten?

© Christoph Hardt/Picture Alliance

Sprachlicher Routinier

Schlink ist, und das beweisen gerade die kurzen Erzählungen dieses Bandes, ein ausgesprochen geschickter Konstrukteur. In kürzester Zeit weiß er seine Figuren in Situationen zu verstricken, die einen sofort berühren und neugierig machen: Woher kommt die Angst, das schlechte Gewissen dieses Mannes? Wonach sehnt sich die Frau in der lieblosen Ehe, was will sie spüren, wie berührt werden?

Und was verbindet den alten Mann am Fenster nun mit Anna, der ermordeten jungen Frau, die er kannte, seitdem sie als kleines Mädchen auf der Straße spielte? Zitat: "Immer kehrte mein Blick zu Anna zurück. Sie tobte mit und lärmte mit und hatte doch eine Aura um sich. (…) Ob sie anführte oder mitspielte, entkam, sich fangen oder finden ließ, den Ball fing oder ihm auswich – in ihren Bewegungen lag ein solcher Liebreiz oder auch eine solche Hoheit oder auch eine solche Verführung, dass ich manchmal auf die Straße ging und etwas aus dem Auto holte oder im Laden besorgte, nur um sie aus der Nähe zu sehen. Wenn sie dann aufschaute und mich erkannte und anlächelte!"

Sprachlich ist alles ganz sanft

Inhaltlich steht alles auf dem Spiel, Moral und Gefühle, in jedem Satz. Sprachlich aber – und vielleicht liegt genau darin Schlinks Reiz – sprachlich geht alles ganz sanft zu. Wer ein Buch Schlinks liest, spürt das sofort: Die etwas altmodische Sprache, vor allem aber die Fügung der Sätze: Satzglieder, Sätze, ganze Satzfolgen sind da gleichmäßig gebaut: "Für ein paar Takte wurde die Musik ruhiger, und sie probierten einander aus, er, wie sie sich halten und drehen ließ, wie sie sich löste und näherte, wie sie sich verweigerte und umwerben und einfangen ließ, sie, wie sicher er sie führte, wie verlässlich er wusste, was sie wollte, und es ihr gab oder sie mit etwas anderem, Schönerem überraschte."

Das Spiel mit Gleichklang und Gleichförmigkeit in Sprachmaterial und Satzbau kombiniert Schlink mit der ständig wiederkehrenden Reihung von Adjektiven. Die beiden Figuren zum Beispiel tanzen wahlweise "zeit- und ortsvergessen, publikumsvergessen, selbstvergessen", die Musik in einer Geschichte ist "leicht, verspielt, wehmütig, vielleicht Schumann", ein Gesicht wirkt "erhitzt, glühend, schwitzend", ein Junge übt Bachs Suiten "gewissenhaft und ausdauernd und ausschließlich".

Größte sprachliche Routine

Vielleicht bräuchte es gar nicht immer drei oder vier Beschreibungen, aber die Gleichmäßigkeit sorgt für diesen besonderen Rhythmus, der die Leser fängt und trägt und hält. Das ist das Versprechen seit dem "Vorleser". Schlinks Geschichten erzählen vom Durchgeschüttelt-Werden der Figuren, sie konfrontieren Leser mit existenziellen Fragen, aber sie selbst, ihre Sprache, ihre Sätze, sind weit davon entfernt, durchgeschüttelt zu werden. Das sprachliche Gefäß für unterschiedlichste Nöte und moralische Dilemmata ist immer ganz ähnlich. Das ist eine Kunst, zugegeben, aber gleichzeitig ist es doch verstörend, wenn ein Autor dem existenziellen Durcheinander seiner Figuren mit größter sprachlicher Routine begegnet.

Bernhard Schlink: "Abschiedsfarben", erschienen im Diogenes-Verlag für 24 Euro.

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