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Für den Glockensachverständigen Gerald Fischer ist das Glockengeläut Musik.

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    Streit ums Glockengeläut: Musik oder Störung?

    Vor allem auf den Land gehört es dazu: Das Glockengeläut, das die Gläubigen nicht nur zum Gottesdienst ruft, sondern auch die Uhrzeit angibt. Doch nicht jeder ist glücklich darüber. Und immer wieder gibt es Streit.

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    Von
    • Bettina Weiz

    Heute kann Alexander Schapovalov seine Ruhe genießen. Doch vor vier Jahren hatte der Fürstenfeldbrucker einen Nachbarschaftsstreit mit einer sehr großen Nachbarin: Der Kirche nebenan. Es ging um die Glocken.

    Es ging ihm damals vor allem um das Glockengeläut in der Früh um sieben Uhr. „Ich will nicht von den Kirchenglocken geweckt werden“, erzählte er. Die Kirche zeigte Entgegenkommen: Sie reduzierte die Läutdauer und verlegte den Zeitpunkt des Läutens am Wochenende um eine Stunde nach hinten. Statt zwei Glocken, läutete nur noch eine.

    Doch auch das reichte Alexander Schapovalov nicht. Er ging an die Öffentlichkeit, und sammelte Unterschriften in der Nachbarschaft. Unterzeichnet hat damals auch Oğuz Topal, der eine Etage unter ihm wohnt: "Wenn man berufstätig ist, will man am Sonntag auch mal ein bisschen ausschlafen und dann auch in Ruhe frühstücken. Aber es war extrem laut."

    Kirchenglocken: Lärm oder Musik?

    Typisch für Streitigkeiten: Die Wahrnehmungen unterscheiden sich himmelweit. So ist für Gerald Fischer, dem Glockensachverständigen der Diözese München und Freising, Kirchengeläut kein Lärm, sondern Musik. Auch rechtlich sei die Sache eindeutig, meint der Glocken-Sachverständige: "Es ist ganz klar im Grundgesetz definiert, da steht im Artikel vier: ‚Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.‘ und nachdem das zur Religionsausübung gehört, ist das dadurch geschützt." Für eine derartige Beschwerde hat er kein Verständnis. Wer neben einen Kirchturm ziehe, müsse eben damit rechnen, dass darin Glocken läuten.

    Gehört Kirchenläuten zu Bayern?

    Beim Grundsätzlichen aber scheint Einigkeit zu herrschen. So findet auch Oğuz Topal: "Kirchenläuten gehört zu Bayern dazu." Er habe auch nichts gegen das Kirchenläuten oder die Kirche an sich, dass sei ihm wichtig. Nur wäre das Läuten eben einfach zu massiv gewesen. Doch wenn es konkret wird, wird es schwierig: Was ist zu massiv? Wie laut ist zu laut? Wie früh zu früh?

    Eine Sanierung bringt Waffenstillstand. Seit 2018 schweigen die Glocken von St. Bernhard in Fürstenfeldbruck. Der Turm bröckelte. Eine Gefahr für Passanten und parkende Autos. Nun wird er gründlich saniert. Mit der Baustelle kam es erst einmal zum Waffenstillstand im Glockenstreit. Und sie bietet sogar die Chance auf einen Kompromiss: Im Zuge der Sanierung wird auch der Glockenstuhl überholt. Holz und Gummi sollen den Schall dämmen und ein neuer Läute-Mechanismus den Klang genau dosieren. "Der Glocken-Klöppel sollte die Glocke küssen und nicht draufschlagen", sagt Gerald Fischer.

    Für die Glocken sei sanfter Läuten auch besser. So könnte bald jeder ein bisschen Recht bekommen – und ein bisschen glücklicher sein.

    Mehr zum Thema "Rechthaben oder Glücklichsein" in der Sendung STATIONEN am Mittwoch, 14.4.2021 um 19 Uhr im BR-Fernsehen und in der BR-Mediathek.