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Streit um Heilige Drei Könige: Krippe unter Rassismusverdacht | BR24

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Im Zuge der Rassismus-Debatte will die Münstergemeinde in Ulm die Heiligen Drei Könige aus ihrer Weihnachtskrippe entfernen. Der Grund: Die Gestaltung der Holzfigur von König Melchior sei aus heutiger Sicht rassistisch.

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Streit um Heilige Drei Könige: Krippe unter Rassismusverdacht

Die Ulmer Münstergemeinde hat beschlossen, die Heiligen Drei Könige aus der gemeindeeigenen Weihnachtskrippe zu verbannen. Der Grund: die rassistische Gestaltung des Melchior. Auch der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm hat sich geäußert.

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Krumme Beine, ein feister Wanst, eine fliehende Stirn und wulstige Lippen: Schön anzusehen ist die Krippenfigur des Melchior im Ulmer Münster wirklich nicht. Sie entspricht vielmehr einem rassistischen Klischee längst vergangener Zeiten. Die Holzfigur des Melchior mit Brezel und die Krippe wurden 1920 vom Ulmer Holzbildhauer Martin Scheible (1873-1954) geschnitzt.

Ulmer Münstergemeinde stellt Krippenfiguren nicht mehr aus

Nach den anhaltenden Diskussionen der vergangenen Monate über Alltagsrassismus und diskriminierende Darstellungen schwarzer Menschen hat die Ulmer Münstergemeinde nun beschlossen, die Krippenfiguren nicht mehr aufzustellen. Das sorgt überregional für Diskussionen: Ist die Darstellung des Melchior rassistisch? Eins steht fest: Die Darstellung des König Melchior als schwarze Person ist nicht problematisch - ob er tatsächlich diese dicken Lippen hatte, wie in Ulm dargestellt, weiß man nicht. Dennoch: Schwarze Menschen auf diese Weise zu überzeichnen, ob bewusst oder unbewusst, dient der Reproduktion rassistischer Klischees.

Blackfacing - woher kommt es?

Das schwarz gemalte Gesicht als Witz geht zurück auf "Jim Crow", einem rassistischen Stereotyp eines ebenso fröhlichen wie dummen Schwarzen, der im 18. und 19. Jahrhundert in den sogenannten Minstrel-Shows vor allem im angelsächsischen Raum auftrat. Weiße Schauspieler malten sich das Gesicht schwarz an, tanzten und sangen fürs Publikum. "Jim Crow" wurde zu einem Symbol für die durch Gesetzgebung und ökonomische Praxis gepflegte Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung. Ein Symbol, kenntlich gemacht unter anderem durch schwarze Farbe im Gesicht und übergroße rot bemalte Lippen. Die Shows dienten vor allem dazu, die weiße Bevölkerung zu belustigen.

Die kirchliche Kunstgeschichte kannte zunächst nur weiße Könige, erklärt Steffen Mensch, Sammlungsleiter im Diözesanmuseum Freising. Zu sehen ist dies beispielsweise auf Gemälden aus dem 15. Jahrhundert, die in dem Freisinger Museum ausgestellt sind.

Ist es sinnvoll rassistische Darstellungen zu entfernen?

Für den Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, sind die Heiligen Drei Könige vor allem "Teil der Faszination der Weihnachtsgeschichte". Für ihn sei entscheidend, ob mit der Darstellung unterschiedlicher Hautfarben implizit oder explizit unterschiedliche Wertigkeiten zugeschrieben würden. Bei den Heiligen Drei Königen handele es sich um hochstehende Persönlichkeiten, die zusammen mit den armen Hirten zur Krippe kommen, sagt der bayerische Landesbischof.

Von einer "sehr zwiegespaltenen Situation" spricht Jürgen Bärsch, Prodekan der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. "Im Ulmer Fall ist es sehr markant, dass Stereotype bedient werden, die problematisch sind." Zwar handle es sich um eine ältere Darstellung, die im Kontext ihrer Zeit gesehen werden müsse. "Aber man muss sich bei dieser Diskussion auch vor Augen halten, dass wir heute eine andere Sensibilität haben - vor allem durch die aktuelle Rassismus-Debatte in den USA."

Auch die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland findet die Entscheidung richtig, den Ulmer Melchior zu entfernen."«Es zeigt, dass es inzwischen einen konsequenteren Umgang mit Rassismus gibt", sagt Sprecher Tahir Della.

Der Kunsthistoriker Stephan Hoppe von der Ludwig-Maximilians-Universität München beurteilt Eingriffe in Kunst grundsätzlich kritisch. Stattdessen solle man lieber die Geschichte ergänzen und kommentieren. Es bringe nichts sich die Geschichte so hinzubiegen, wie man sie gerne hätte.

Heilige Drei Könige repräsentieren Asien, Europa und Afrika

"Wir sehen hier drei Könige, die das Jesuskind verehren. Hier mit Symbolgehalt wiedergegeben als alter König, als mittelalter König und als junger Mann", beschreibt Ausstellungsleiter Steffen Mensch das Bild. "Die Darstellung des afrikanischen Königs ist um diese Zeit noch nicht unbedingt üblich, aber 20 Jahre später sieht das vollkommen anders aus", erklärt Mensch. Denn da komme auf einmal ein schwarzer König ins Spiel. Warum? "Weil nun die drei Könige auch für die drei damals bekannten Erdteile, die Kontinente stehen, nämlich, Asien, Europa und Afrika."

Maria, Josef und Jesuskind in Afrika schwarz

Etwa ein Jahrhundert später etablierten sich die Weihnachtskrippen mit beweglichen Figuren. Das Besondere: Sie bildeten oft die Charaktere der jeweiligen Region ab, in der sie entstanden. So waren zum Beispiel in Afrika Maria und Josef und ihr Jesuskind schwarz. "Einen besonderen Höhepunkt der Krippenkunst gab es in Neapel im 18. Jahrhundert", berichtet der Krippen-Experte Steffen Mensch.

"Wir sehen hier wunderbare Beispiele dieser fein gestalteten Figuren und auch hier kann man sehen, wie gleichermaßen prächtig die Erdteile und die Charaktere in dieser Krippe vertreten sind." Gegen diese schwarzen Könige hätte wohl auch die UImer Münstergemeinde nichts einzuwenden gehabt.

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