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Offiziell soll das Berliner Schloss für "Demokratie und Verständigung" stehen, doch die künftigen Ausstellungsobjekte sorgen für Aufruhr. Kritiker fordern die Rückgabe von Weltkunst aus Afrika. "Leicht und unbeschwert" wird der Ort wohl nicht.

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Streit über Kolonialismus: Was taugt das Humboldt-Forum?

Offiziell soll das Berliner Schloss für "Demokratie und Verständigung" stehen, doch die künftigen Ausstellungsobjekte sorgen für Aufruhr. Kritiker fordern die Rückgabe von Weltkunst aus Afrika. "Leicht und unbeschwert" wird der Ort wohl nicht.

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Von
  • Peter Jungblut

Die Architektur-Kritiker sind überwiegend skeptisch bis ablehnend, auch über die künftigen Ausstellungsobjekte im Berliner Stadtschloss wird bereits heftig gestritten. Und "ergreifend", wie es sich Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters nach eigenen Worten eigentlich erhofft hatte, verlief die Eröffnung auch nicht. Wegen der Pandemie fiel der zunächst geplante große Festakt aus, es blieb bei virtuellen Auftritten und Reden weitgehend ohne Publikum. Immerhin, Grütters zeigte sich auf der Pressekonferenz im nach dem Baumeister Andreas Schlüter (1664 - 1714) benannten Innenhof des Schlosses froh, dass in der Mitte Berlins nicht länger ein "Luftschloss" steht, sondern ein tatsächliches. Deutschlands "größte Kulturbaustelle" sei damit abgeschlossen.

"Wir schauen alle in denselben Himmel"

"Zukunftsweisend" soll das Humboldt-Forum werden, das die Räume im Schloss nutzen wird. Zu sehen sein werden überwiegend außereuropäische Sammlungen, etwa historische Südsee-Boote und Kunstschätze aller Kontinente. Monika Grütters: "Ich denke, es sagt eine Menge über das deutsche Selbstverständnis im 21. Jahrhundert, dass wir uns hier nicht selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern den Kulturen Afrikas, Amerikas, Ozeaniens und Asiens und ihren unterschiedlichen Weltanschauungen eine Bühne bieten. Und zwar im engen Austausch mit Vertretern der Herkunftsgesellschaften."

Grütters zitierte aus einem für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominierten Roman der Münchner Schriftstellerin Christine Wunnicke ("Die Dame mit der bemalten Hand"), in dem es um interkulturelle Begegnungen geht. "Wenn am Ende eines Besuches im Humboldt-Forum die Erkenntnis steht, dass uns Menschen überall auf der Welt trotz aller Differenzen mehr verbindet als uns trennt, dass wir alle in denselben Himmel schauen, auch wenn wir dort verschiedene Sternbilder sehen, dann, glaube ich, ist für die Demokratie und Verständigung in Deutschland und in der Welt viel gewonnen", so die Staatsministerin.

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Schaufassade des Berliner Schlosses

Hartmut Dorgerloh, der Generalintendant des Humboldt-Forums, kündigte an, es werde nicht immer "leicht und unbeschwert" zugehen bei den Ausstellungen: "Wir werden uns mit postkolonialen Kritiken befassen und mit der zu lange vergessenen Geschichte des Kolonialismus und seinen bis heute andauernden Folgen wie Diskriminierung und Rassismus. Es geht um die Zukunft der ethnologischen Sammlungen und dazu gehört auch das Thema Restitution. Es geht um Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und Menschenrechte."

Dorgerloh hofft, dass seine Institution "Vielfalt verbindet" und "Perspektiv-Wechsel ermöglicht". Idealerweise werde das Humboldt-Forum ein" Ort des Verstehens, des gemeinsamen Nachdenkens und Handelns". Der Platz in der Mitte Berlins verpflichte dazu, für ein "besseres Morgen" einzustehen.

Was passiert mit den "Benin-Bronzen"?

Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die an der Technischen Universität Berlin unterrichtet und 2017 unter Protest aus dem Beirat des Humboldt-Forums ausgetreten war, hatte in einem längeren Artikel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" abermals auf die koloniale Vergangenheit besonders spektakulärer Ausstellungsstücke verwiesen. So fordert Nigeria beispielsweise die "Benin-Bronzen" zurück, die von britischen Truppen nach der Zerstörung des Königspalasts von Benin-Stadt am 21. Februar 1897 geraubt wurden.

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Lichthof des Humboldt-Forums

Die einstigen Dekorationsobjekte des prächtigen Gebäudes, darunter Metall-Skulpturen, -Schreine und -Platten, sind seitdem über zahlreiche Museen Europas verteilt. Auch im Humboldt-Forum sollen einige zu sehen sein. Die Objekte sollen "um 1900" im britischen Kunsthandel erworben worden sein.

Kunsthistorikerin spricht von "Verschleppungstaktik"

Savoy verweist in ihrem Beitrag darauf, dass nach ihren Recherchen Nigeria bereits 1972 versucht habe, die Kunstwerke als "Dauerleihgabe" zurückzuerhalten. Es handle sich seitens der Bundesrepublik um einen "Fall von Verschleppung". Die Kunsthistorikerin kritisiert, dass in der Ausstellung "Berlin Global", die ab Januar im Humboldt-Forum zu sehen sein soll, in aus ihrer Sicht unpassender Weise an die Berliner "Kongo-Konferenz" von 1884/85 und an das Schaffen der Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt erinnert wird.

Insbesondere ein "pinkfarbenes, in Graffiti-Ästhetik gehaltenes Wandgemälde" erregt den Zorn der Fachfrau: "Dargestellt sind auch, vermengt mit futuristisch anmutenden Vernichtungswaffen und dunkelrotäugigen Totenschädeln, einige der Kunstwerke, die Nigeria vor einem halben Jahrhundert gerne von Berlin ausgeliehen hätte und heute zurückfordert. Es fällt bei allem Wohlwollen für museologische Innovation schwer, dieses Statement an diesem Ort als eine passende Antwort auf einen vor 48 Jahren in Lagos formulierten Wunsch nach kultureller Solidarität einzuordnen."

Nigerias Forderung nach Rückerstattung der kostbaren Kunstwerke sei "kein Comic", so Savoy: "Ein weiteres Spiel auf Zeit wie in den siebziger Jahren und die Inszenierung des kulturellen Menschheitserbes zu nationalen Behauptungszwecken sind keine Option für die Zukunft."

Bau ist "nachhaltig" und "langlebig" geplant

Seitens der Bauleitung wurde übrigens darauf hingewiesen, dass das Humboldt-Forum zu 100 Prozent mit "grünem Strom" betrieben wird und auch ansonsten ein nachhaltiges und langlebiges Gebäude sein wird. Die Überziehung der geplanten Bauzeit um ein Jahr sei "durchaus akzeptabel" gewesen, der Kostenrahmen "sehr achtbar" eingehalten worden. Ab der zweiten Jahreshälfte 2021 sollen rund 140 Lkw-Ladungen die künftigen Ausstellungsobjekte vom bisherigen Standort in Berlin-Dahlem in die Stadtmitte bringen. Besonders große Exponate, darunter die Südsee-Boote, wurde bereits vorab transportiert, weil sie buchstäblich "eingemauert" werden mussten, also nicht durch die vorhandenen Türen gepasst hätten.

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