| BR24

 
 
© Nord Ouest Films

Szene aus "Streik"

"Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren." Mit diesem Zitat von Bertolt Brecht beginnt "Streik". Ein Film, der bei uns im französischen Original läuft, mit Untertiteln – was, das muss man schon sagen, den Zuschauer kräftig fordert, weil viel geredet wird in "Streik". Doch wer sich auf die Art des Films einlässt, ist bald drin in einer Geschichte, die sich authentisch packend entwickelt. Es ist erschütternd, was da vor sich geht: Im südwestfranzösischen Städtchen Agen soll der Autoteile-Zulieferer Perrin von seinem deutschen Mutterunternehmen geschlossen werden. 1.100 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Nun wird verhandelt – zwischen Betriebsrat, Gewerkschaftern und der Firmenleitung vor Ort. Und wir sind dabei.

Mitten drin im Arbeitskampf

Stéphane Brizé hat das mit Schauspielern inszeniert, allerdings wie einen Dokumentarfilm. Hautnah erleben wir die Verhandlungen mit, erfahren, dass die Firma vor der Abwicklung steht, obwohl sie Gewinn macht. Dass es vor nicht allzu langer Zeit eine gemeinsame Vereinbarung gab, um alle Jobs für die nächsten fünf Jahre zu garantieren. Dafür hatten sich die Arbeiter bereit erklärt, jede Woche fünf Stunden gratis zu schaffen. In zwei Jahren schenkten sie der Firma damit 14 Millionen Euro. Der Jungmanager im blauen Anzug meint dazu lakonisch, von einem Geschenk könne gar nicht die Rede sein, das Geld habe die Firma ja nicht reicher gemacht. Nur deshalb habe man den Standort noch halten können. Sehr wahrhaftig bekommen wir mit, was neoliberales Management bedeutet: Lässt sich anderswo mehr Gewinn erzielen, wird ein eigentlich profitables Unternehmen zum Abschuss freigegeben.

"Streik" zeigt die vielen Zusammenkünfte, die Dynamik zwischen den unterschiedlichen Parteien. Dazwischen geschnitten sind Fernsehbilder von Lokalsendern, die live berichten. Und es gibt kleine, mit Musik unterlegte Zäsuren, die das Privatleben des Gewerkschafters Laurent zeigen, der Hauptfigur von "Streik". Gespielt von Vincent Lindon, der 2016 für seine Darstellung eines Langzeitarbeitslosen in "Der Wert des Menschen", ebenfalls ein Film Stéphane Brizés', beim Festival von Cannes mit dem Preis für den besten Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. Er verkörpert die brodelnde Wut unter einer coolen Oberfläche mit einer berührenden Mischung aus Energie und Verletzlichkeit. Ganz eindeutig identifiziert sich der Regisseur mit den Arbeitern und Gewerkschaftern – glorifiziert sie aber nicht. Er macht deutlich, was in Menschen vor sich geht, die vor einem beruflichen Abgrund stehen.

Ungewollte Parallelen zu den Gelbwesten-Protesten

Politiker, wie etwa der Sozialminister in Paris, schauen hilflos dabei zu, während die Gesetze des Marktes ihre zerstörerische Kraft entfalten. Vieles erinnert an die Aufstände der Gelbwesten in Frankreich, obwohl der Film deutlich davor gedreht wurde. Und die betrogenen Arbeiter im Film rote Westen tragen. "Streik" besitzt prophetische Kraft, ist stilistisch konsequent inszeniert – und macht emotional nachvollziehbar, was ein Arbeitskampf bedeutet. Im französischen Original trägt er übrigens den Titel "En Guerre", also: im Krieg. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!