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Die Streetboys sind der erste und einzige schwule Fußballverein im offiziellen Ligabetrieb des DFB. Wie stehen die Mitglieder zur WM in Katar?

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Streetboys München: Wie stehen schwule Fußballer zur WM?

Streetboys München: Wie stehen schwule Fußballer zur WM?

Allen Diskussionen zum Trotz – heute startet die Fußball-WM in Katar, einem Land, in dem Frauen kaum Rechte haben und Homosexualität unter Strafe steht. Und nun? Gucken, boykottieren, protestieren? Wir haben bei den Streetboys München nachgefragt.

8. Juli 2014, Münchner Glockenbach-Viertel: Die Cafébar "Nil", das Wohnzimmer der Streetboys München, ist vollbesetzt. Regenbogenfahnen in allen Größen und kollektives Durchdrehen, weil auf der Leinwand gerade Unglaubliches passiert. Deutschland ballert sich mit einem 7:1 gegen Brasilien Richtung WM-Finale.

WM-Fieber bleibt bei den Streetboys aus

Der Kontrast zu heute könnte nicht größer sein, meint Marco Scholtes. Seit 2008 ist er Mitglied der Streetboys München, Deutschlands erstem und einzigen schwulen Fußballclub im offiziellen Ligabetrieb des DFB. Brasilien ist weit weg und nach Russland 2018 findet die Fußball-WM 2022 schon wieder in einem Land mit riesigen Menschenrechts-Defiziten und unverhohlener Homophobie statt.

WM-Fieber komme da nicht auf, meint Marco. Er werde zwar auch Fußball schauen, Public Viewing mit den Kollegen könne er sich jedoch nicht vorstellen. Und sein Vereinskollege Christoph Hertzsch stimmt zu. "Wenn ich nicht in das Land darf, in dem ich eigentlich auch Fußball schauen möchte, dann ist das halt wirklich ein Unding. Dann versaut das einem die Stimmung. Klar, im Stadion ist alles Friede, Freude, Eierkuchen, aber sobald ich aus dem Stadion rausgehen würde, wäre ich ein illegaler Mensch. Und das ist einfach nicht schön."

Streetboys beteiligten sich schon vergangenes Jahr an Protestaktionen

Christoph ist seit sieben Jahren bei den Streetboys München aktiv. Die WM-Vergabe nach Katar sei auch deshalb so frustrierend, weil umgekehrt die Streetboys sich in ihrer Fußball-Realität immer mehr akzeptiert fühlten. Die Unterstützung durch den Bayerischen Fußballverband hat sich über die Jahre verbessert – und die Streetboys selbst sind noch bunter geworden. Inzwischen spielen auch Hetero- und Transpersonen im Verein. Das Selbstverständnis ist inzwischen ein anderes und das Selbstbewusstsein ist gewachsen.

In den letzten ein, zwei Jahren haben sich die Streetboys immer wieder an "Boykott Katar"-Aktionen beteiligt und auch bei der Fußball-EM hat sich der Verein engagiert. Vor dem viel diskutierten Spiel Deutschland gegen Ungarn verteilten die Streetboys Regenbogen-Fähnchen an Fußballfans. Sie nahmen dabei auch in Kauf, dass einige Zuschauer sie beschimpften oder demonstrativ die Fahnen in die Mülltonne warfen.

Hoffnung auf ein gestenreiches Statement

Auch zum Start der Weltmeisterschaft werden sich die Streetboys an Protestaktionen und Diskussionsrunden in München beteiligen. Christoph hat für sich jedoch entschieden, dass er zumindest die Spiele der Deutschen in Katar anschauen wird. Vor allem auch in Verbindung mit der Hoffnung, dass sich deutsche Spieler etwa beim Torjubel zu einem gestenreichen Statement hinreißen lassen. Muss ja nicht gleich ein Zungenkuss zwischen Müller und Goretzka sein. Auch wenn das ein "Träumchen" wäre, wie er sagt.

"Leon Goretzka hat sich letztes Jahr im EM-Vorrundenspiel gegen Ungarn ja schon pro queere Menschen ausgesprochen. Nach seinem Torjubel hat er das Heart-Zeichen gezeigt, das Herzzeichen, und hat damit ein politisches Statement gesetzt auf dem Platz. Er war auch der Einzige, der sich jetzt auch nochmal wirklich klar positioniert hat zu der ganzen Sache. Ich setze Hoffnung auf ihn." Letztlich gelte seine Hoffnung aber nicht nur Leon Goretzka, so Christoph. Ja, nicht mal nur der deutschen Nationalmannschaft. In der Verantwortung stünden jetzt alle Mannschaften.

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