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Sollen wir unseren Straßen neue Namen geben? Ein Pro und Contra | BR24

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Hindenburgstraße Straßenschild

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Sollen wir unseren Straßen neue Namen geben? Ein Pro und Contra

"Hindenburgstraße", geht das noch? Im Auftrag vieler bayerischer Kommunen prüfen Historiker, welche Straßen umbenannt werden sollten. Ist das ein angemessen kritischer Umgang mit der Geschichte – oder unhistorische Verdrängung? Ein Pro und Contra.

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Allein in Bayern gibt es etliche Straßen, die nach Reichspräsident Paul von Hindenburg benannt sind: in Ingolstadt, Fürth, Bad Tölz, in Lichtenfels und Pöcking, um nur ein paar Kommunen zu nennen. Wie soll man mit den Straßennamen umgehen, die ein heikles historisches Erbe transportieren? Ein Pro und Contra von Martin Zeyn und Moritz Holfelder.

Pro Umbennung: Straßennamen sind eine Ehrenbezeugung

Sind Straßennamen unschuldig? Nein! Jede Benennung ist die Behauptung, es mit einer historisch wichtigen Person zu tun zu haben. Und eben auch eine Ehrenbezeugung. Was aber, wenn die Geehrten auch dunkle Seiten hatten? Die Diskussion ist nicht neu. Sehr viele Kommunen haben schon Straßen und Plätze umbenannt, die nach Paul von Hindenburg benannt waren. Im Ersten Weltkrieg ein Feldmarschall, der lieber Hunderttausende Soldaten in den Tod schickte, als einem Friedensschluss zuzustimmen. Und der als Präsident mit seiner Unterschrift Adolf Hitler zum Reichskanzler machte. Gleichzeitig gibt es keine Straße der Deserteure in München oder Nürnberg – obwohl viele mit ihrem Leben dafür bezahlten, nicht für Hitler weiterkämpfen zu wollen.

Hindenburg mag noch ein halbwegs klarer Fall sein. Beim Kardinal Faulhaber oder bei Franz Josef Strauß wird es kompliziert. Doch der Platz auf einem Straßenschild ist zu klein, um eine historische Debatte abzubilden. In der Rechtsprechung bin ich für die Regel: Im Zweifel für den Angeklagten. Aber nicht bei Straßennamen. Auf denen will ich nur Dinge sehen, die unverfänglich sind. Und deswegen muss sich keine Kommune bei der Beschilderung hinter Nummern wie in New York oder Buchstaben wie in Mannheim verstecken.

Ich plädiere für mehr Pittiplatsch-, Rote-Sonne oder Freie-Liebe-Straßen. Dafür weniger Generäle, Kolonialisten oder Erfinder des Giftgaskriegs. Weniger Militarismus, mehr Bürgersinn. Mit den Straßennamen zeigen wir, was uns als Gemeinschaft wichtig ist. Alles andere können wir gerne Historikerinnen-Kommissionen überlassen.

Martin Zeyn

© dpa/picture alliance

Kantstraße/ Joachimstaler Straße: Schild in Berlin

Contra Umbenennung: Vergangenheit wird getilgt

"Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege." So schrieb es Immanuel Kant in seinen 1764 erschienenen "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen". Ja, der berühmte Philosoph, Aufklärer und Anthropologe war in manchen seiner Äußerungen ein Rassist, aber im Kontext des 18. Jahrhunderts eben in den damaligen Denkmustern mitgefangen. Kants Aussage über "die Negers" würde aktuell reichen, um alle Straßen, die seinen Namen tragen, sofort in Frage zu stellen – in Bayern etwa in Burghausen, Miesbach, Waldkraiburg oder München.

In der Landeshauptstadt werden seit 2016 von einer Historikergruppe auf Antrag der SPD vermeintlich politisch unkorrekte Straßennamen überprüft. Rund 320 sind es, die dann – nach Erörterung und Vorlage beim Stadtrat – verboten und umbenannt werden könnten. Es wäre ein fatales Signal: Vergangenheit würde getilgt. Namen, die eine wichtige Rolle in der deutschen Geschichte spielen, könnten so aus einem auch kritischen Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwinden.

Also: Benennt keine Straßen um, sondern macht die eventuellen Verfehlungen ihrer Namensgeber und Namensgeberinnen deutlich, klärt auf, schraubt – sofern nötig – an manche Straßenschilder eine kleine Tafel mit einer Erläuterung. Heinrich von Kleist, Erich Kästner oder Arthur Schopenhauer mögen sich auch einmal rassistisch, opportunistisch oder frauenfeindlich geäußert haben, wie eben Immanuel Kant. Aber wir brauchen unsere Geschichte und deren Protagonisten, um für die Zukunft etwas zu lernen. Alles andere wäre unhistorisch.

Moritz Holfelder

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