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Storytelling: Manipulation oder noch Information? | BR24

© BR/Angelika Knop

Storytelling – einst ein Zauberwort der Medien, aber inzwischen ein Begriff, der in Verruf geraten ist. Auch ein Ergebnis des Skandals um den ehemaligen Spiegel-Journalisten Claas Relotius. Nun war die zweite Storytelling-Konferenz in München.

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Storytelling: Manipulation oder noch Information?

Storytelling war einst ein Zauberwort der Medien, ist aber inzwischen ein in Verruf geratener Begriff. Schuld daran ist auch der Skandal um den ehemaligen Spiegel-Journalisten Claas Relotius. Nun war Storytelling-Konferenz in München.

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Der Begriff Storytelling ist inflationär geworden. Plötzlich ist alles eine Story – von der Nachricht bis zum Turnschuh-Werbespot. Weil aber der Skandal um den Journalisten Claas Relotius deutlich gezeigt hat, wozu die Jagd nach der perfekten Story im Journalismus führen kann, befand das Team der "Plot 19", der zweiten Münchner Storytelling-Konferenz, "Wir müssen reden!" und setzte das Thema aufs Programm.

Aus welcher Perspektive wird ein Film erzählt?

Im Kinosaal der Hochschule für Fernsehen und Film macht Veranstalterin und Moderatorin Petra Sammer ein Spielchen: Wer schon einmal Details einer Geschichte erfunden hat, soll bitte aufstehen. Viele erheben sich. Auf der "Plot19" treffen sich Menschen, die professionell Geschichten erzählen – ob auf Instagram oder der großen Leinwand. Wer jetzt steht, muss wohl aus dem fiktionalen Erzählen kommen. Denn in Dokumentation oder Journalismus sollen Fakten sprechen, das weiß auch Dokumentarfilmerin Pauline Roenneberg:

"Und an diesen Fakten ist nichts zu rütteln, aber wie ich einen Fakt betrachte, aus welcher Perspektive ich einen Fakt betrachte, verändert etwas bei demjenigen, dem ich das Ergebnis dann vorstelle." Pauline Roenneberg

Storytelling: "Wir müssen uns der Verantwortung bewusst sein"

Roenneberg, Regisseurin der Dokuserie "Früher oder Später" des Bayerischen Rundfunks, will, dass sich ihre Zuschauer Gedanken machen. "Deshalb fange ich an, mir zu überlegen, wie kriege ich das hin. Ich lasse andere Dinge raus, nehme andere rein", sagt sie.

"Natürlich forme ich die Story. Dadurch habe ich immer eine Form von Manipulation im Raum stehen. Wir müssen einfach darüber kommunizieren, uns der Verantwortung bewusst sein, und über diese Macht, die die Bilder haben, auch immer wieder sprechen." Pauline Roenneberg

"Infografik hat keinen Vertrauensverlust hinnehmen müssen"

Raimar Heber, Art-Director bei der Deutsche Presse-Agentur in Berlin, erzählt ebenfalls in Bildern - mit Infografiken. "Stell dir vor", sagt er, "wir sind vier Brüder, wir erben, und ein Tortendiagramm zeigt genau, wer wie viel bekommt. Das ist doch eine tolle Story."

Im Foyer lädt er dazu ein, durch eine dreidimensionale Infografik aus Pappe zu spazieren, sich Zeit zu nehmen, um Informationen sorgfältig zu hinterfragen. Diagramme sind oft zugespitzt, zeigen nur einen Ausschnitt, weil die Säulen oder Balken sonst viel zu lang oder Unterschiede zu klein wären. Seriöse Grafik macht das deutlich. Heber weiß, dass die Skala klar zeigen muss: "Schau her, lieber Zuschauer. Ich zeige dir nur den Bereich zwischen 90 und 100."

Der Trend zum Storytelling habe ihn nie unter Druck gesetzt, so Heber: "Wir waren immer ein Lieferant zuverlässiger Grafiken, da kam nie jemand und hat gesagt: Mach das peppiger, reißerischer. Und ich denke, wir sind auch aus dem Relotius-Skandal gut herausgekommen. Die Infografik hat da keinen Vertrauensverlust hinnehmen müssen. Sie ist so eine Art Fels in der Brandung."

"Glattgebügelte Geschichten kommen nicht gut an"

Auch Unternehmen setzen in ihrer PR zunehmend auf Storytelling, lassen ihre Mitarbeiter via Social Media von ihrer Arbeit berichten. Das funktioniert aber nur, wenn es glaubwürdig ist, so Annika Schach, Professorin für Angewandte Public Relations an der Hochschule Hannover:

"Ich glaube schon, dass Unternehmen sich darauf einlassen müssen, nicht immer alles vorausplanen zu können. Und dass man eben diesen menschlichen Faktor und die eigene Meinung mit einfließen lässt. Das macht es dann authentisch. Ich glaube, so glatt gebügelte Geschichten, die dann einfach nur jemand anderes erzählt, das kommt nicht gut an." Annika Schach, Professorin für Angewandte Public Relations

"This is not Propaganda" ...

Warum Putins oder Trumps Lügengeschichten ankommen, das hat der Brite Peter Pomerantsev in seinem jüngsten Buch untersucht: "This is not Propaganda". Er gibt darauf keine eindeutige Antwort, aber Storytelling ist für ihn nicht schuld an diesem Krieg gegen die Realität, wie er es nennt. Storytelling ist Pomerantsev zufolge "ein Weg, die Wirklichkeit zu kommunizieren, Dinge miteinander zu teilen – in leicht verständlicher Form. Das ist es immer gewesen. Was man daraus macht, ist das Problem. Diese Abfolge erzählerischer und sprachlicher Mittel kann man zum Guten oder Schlechten verwenden, zerstörerisch oder kreativ."

Doch je weniger die Erzählenden es offenbaren, desto aufmerksamer müssen die Zuhörenden unterscheiden - ob sie informiert, unterhalten, manipuliert oder gar belogen werden.