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Stories aus Kitchike: Zwischen Absturz, Resignation und Revolte | BR24

© Audio: BR / Bild: wikimedia

Wendake: ein Indianerreservat der Wyandot in der kanadischen Provinz Québec.

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Stories aus Kitchike: Zwischen Absturz, Resignation und Revolte

Rassismus von außen, Alkoholismus und Korruption im Inneren: Im fiktiven Indigenen-Reservat "Kitchike" in Kanada gibt es für niemanden eine Perspektive. "Der große Absturz" von Louis-Karl Picard-Sioui ist ein erster Schritt hin zu einer Heilung.

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Louis-Karl Picard-Sioui, 44, lebt in Wendake, einem kleinen Reservat innerhalb von Québec-Stadt in Kanada. Er ist Autor, Dichter, Performer und Visual-Arts-Künstler. Seit 2005 schreibt er Romane, Jugendbücher und Gedichte. Außerdem leitet er die Non-Profit-Organisation Kwahiatonhk zur Förderung französischsprachiger autochthoner Literatur. Picard-Sioui steht für eine indigene Generation, die sich aus der Apathie befreit und handelt. Seine "Stories aus Kitchike" erzählen von einem Leben zwischen Absturz, Resignation und Revolte in einem Reservat von Québec im Osten Kanadas. Cornelia Zetzsche sprach mit Louis-Karl Picard-Sioui über Rassismus und Alkoholismus, aber auch über Heilung und die Kraft des Lachens.

Cornelia Zetzsche: Sie leben im Reservat, was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster schauen?

Louis-Karl Picard-Sioui: Wendake ist hübsch. Die Stadt wurde 1697 gegründet. Die Leute pflegen manchmal seltsame Klischees vom Reservat, als wäre die Zeit bei uns stehengeblieben. Aber wir sind Zeitgenossen, ich bin ein zeitgenössischer Nordamerikaner. Schließlich haben wir das Leben in Nordamerika vor Tausenden von Jahren erfunden. Man sieht hier alle Arten von Häusern, aber keine Wolkenkratzer, es ist wirklich ein kleines Dorf. Wer etwas von Urbanität versteht, erkennt ein paar Besonderheiten. Die Haustüren gehen nach Süden, nicht zur Straße, weil unsere Vorfahren nicht unterschieden haben zwischen privatem und öffentlichem Raum, alles war öffentlicher Raum. Deshalb wurde Wendake als Kulturerbe Kanadas anerkannt. Das Denken war ein völlig anderes als das der europäischen Siedler.

Sie beschreiben Wendake als sehr schön, Kitchike hingegen, das Reservat in Ihren Geschichten, ist ziemlich düster und provozierend. Welche Idee steckt hinter diesen "Stories aus Kitchike"?

Ich wollte über das Lebensgefühl in einem Reservat sprechen. Unser soziales Leben ist doch sehr anders, als die Leute denken. Aber Kitchike ist nicht Wendake, um das klar zu sagen. Inspiriert haben mich alle Reservate im Süden von Québec. Ich habe all die Legenden zu einem Melting Pot vermischt, in dem sich jeder aus dem Reservat wiederfinden und denken kann, das sei in seiner Gemeinde geschehen. Aber es ist ein erfundener Ort.

© Louis-Karl Picard-Sioui, privat

Louis-Karl Picard-Sioui

Die First Nations siedelten dort, lange bevor die Franzosen 1603 kamen. 1876 erfanden die Weißen eine gesetzliche Basis für ihren Landraub. Das sogenannte "Indianergesetz" schrieb Reservate vor, sie nahmen das Land, gaben den Indigenen christliche Namen, raubten den Eltern ihre Kinder, all diese schrecklichen Geschichten. Inwieweit ist diese Politik noch spürbar oder eine Sache von gestern?

Wir leben immer noch unter diesem Gesetz in einer Gesellschaft, die Weiße privilegiert. Viele Gemeinschaften wurden seinerzeit dem Internatssystem unterworfen. Kinder wurden gekidnappt, die kanadische Polizei stahl Kinder von ihren Eltern und brachte sie in Internate, dazu gibt es eine Menge Studien. Das Ziel war eine Gehirnwäsche, sie wollten die Identität der Kinder abwaschen, das "Indianische" im Kind abtöten. Das war das Motto der kanadischen Regierung. Katholische, anglikanische, protestantische Kirchen betrieben diese Schulen. Man verbot den Kindern ihre Sprache und terrorisierte sie. Kinder starben, ohne dass ihre Eltern es wussten. Die Kinder versuchten zu fliehen, wurden sexuell missbraucht. Es war wirkliche eine dunkle Zeit in der kanadischen Geschichte. Erst 1996 wurde die letzte dieser Schulen geschlossen.

Hat das heute noch Folgen – etwa die Enteignung von Land?

Ja, Generationen indigener Menschen waren gebrochen aufgrund dieser Behandlung. Sie verloren ihre Sprache, ihre Kultur. Das Ziel war, eine kapitalistische Ökonomie der Weißen zu installieren. Kinder, die diese Internate verließen, konnten nicht mehr unter den First Nations leben und arbeiten, auch nicht unter Weißen, sie hatten das nicht gelernt. Sie waren gebrochen, daraus ergaben sich Probleme, Alkoholismus etwa. Und dieses Trauma wurde von Generation zu Generation weitergegeben, es ist immer noch da und damit verbunden soziale Probleme. Und wir haben politische Probleme, denn das "Indianergesetz" schuf ein System, in dem alle Macht in den Händen von ein, zwei Leuten liegt. Mein Urgroßvater zum Beispiel kam ins Gefängnis, weil er auf seinem eigenen Land gejagt hatte. Sie vertrieben die "Indianer" aus ihren eigenen Wäldern, um private Clubs für reiche Amerikaner zu gründen, die zur Jagd nach Québec kamen. Ohne Land, ohne Kultur war das wirklich eine schwere Zeit. Wir sind immer noch im Prozess der Heilung, der Revitalisierung unserer kulturellen Traditionen. Es ist nicht leicht, als Volk wieder einen Ort zu finden, oder als Nation, denn das waren wir einmal und sind es noch. Ich bin kein Québecois, kein Kanadier, ich bin Wendake. Tatsächlich ist "Canada" ein Wort der Wendake.

Ist dieses Erbe Ihres Urgroßvaters für Sie eine Verpflichtung?

Es ist eine Verpflichtung meinen Kindern gegenüber, mein Bestes zu tun und sie die Kultur zu lehren, die ich einmal lernte. Ich ging als Teenager ins Langhaus, in unser traditionelles religiöses Zentrum, ich lernte und lehrte die traditionellen Rituale, um unsere Kultur lebendig zu halten. Seit vierzig Jahren gibt es eine Revitalisierungsbewegung in Wendake, denn ohne Sprache kann man zwar über Kultur reden, aber sie nicht wirklich von innen heraus leben. Aus unseren Sprachen lässt sich so viel Weisheit lernen. Ich habe in Schulen einen Kurs eingerichtet, um die Sprache zu unterrichten. Für mich sind Sprache und Spiritualität wirklich wichtig. In den "Stories aus Kitchike" lesen Sie das wohl nicht (lacht), denn meine Figuren sind nicht spirituell, aber das bin nicht ich, das sind meine Figuren.

© Secession

Buchcover von "Der große Absturz" von Louis-Karl Picard-Sioui

Was alle Ihre Figuren in Kitchike gemeinsam haben: Sie kämpfen gleich doppelt, gegen den Rassismus draußen und gegen Alkohol und Korruption im Reservat.

Das ist ein wichtiger Punkt. Viele Leute im Reservat empfinden das so, sie kämpfen gegen Rassismus und Privilegien der Siedler. Und sie suchen ihren Platz, wenn der Stammesrat uns stillhalten will und für die Regierung arbeitet. Es gibt all diese kleinen Aggressionen, diese politischen, sozialen, familiären, religiösen Konflikte im Innern, aber auch die Interessenskonflikte draußen. Das ist der Punkt. Schön, dass Ihnen das auffiel!

Welche Rolle kann Literatur da spielen in diesem Kampf auf beiden Seiten?

Der erste Schritt ist zunächst mal, ein Problem zu erkennen und zu beschreiben, bevor man es löst. Mir ist die Literatur wichtig, in der sich die Leute erkennen und sehen, was in ihren Köpfen, ihren Gemeinden vor sich geht, um dann darüber zu lachen. Denn Lachen ist Medizin in unserer Tradition, und dann Fragen zu stellen und sich all der Dinge bewusst zu werden, die da geschehen. Ich zeige nicht mit dem Finger auf eine Person. Ziel des Buchs ist, das Leben zu reflektieren.

So, wie Pierre Wabush es tut, mit dem das Buch beginnt und endet. Was ist das für eine Figur?

Ich schreibe gerade an zwei Theaterstücken, die im Frühjahr in Montréal auf die Bühne kommen sollen, wenn das mit Covid 19 möglich ist. Und da denke ich viel über Pierre Wabush nach. Wabush ist wohl die mieseste Version meiner selbst. In einer kleinen Gemeinschaft wie Wendake fragen die Leute gleich, diese oder jene Figur, bist du das? Und ich sage, Ihr kapiert es nicht, ich bin alle Figuren, ich habe sie schließlich erfunden, sie leben nur in meinem Kopf, sie sind alle ein Teil von mir. Und Wabush ist der mieseste.

Louis-Karl Picard-Sioui im BR Podcast "Lesungen"

2017 erschien die erste Sammlung von Kurzgeschichten von Louis-Karl Picard-Sioui, "Chroniques de Kitchike: la grande disembark", die dieses Jahr in der Übersetzung von Sonja Finck und Frank Heibertauf als "Der große Absturz" bei Secession erschienen ist. Für die Bayern 2 Sendung "radioTexte" lesen die vielfach ausgezeichnete Hörbuchsprecherin Laura Maire und der Schauspieler Shenja Lacher in vier Teilen Ausschnitte aus "Der große Absturz" von Louis-Karl Picard-Sioui – auch verfügbar im BR-Podcast "Lesungen".

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