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© Audio: BR / Bild: Peter Kneffel/dpa
Bildrechte: Peter Kneffel/dpa

Nach fünf Jahren an der Spitze der Münchner Kammerspiele verlässt Matthias Lilienthal das Haus - ein Ré­su­mé.

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Stolz auf den Wirrwarr: Theaterchef Matthias Lilienthal geht

Er machte das Durcheinander zur Methode und vergraulte damit Teile des Publikums - brachte dann aber auch neues dazu. Nach nur fünf Jahren an der Spitze der Münchner Kammerspiele muss Lilienthal gehen - nach eigener Aussage (fast) rundum zufrieden.

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Von
  • Christoph Leibold

Der Start verlief holprig, das Finale versprach fulminant zu werden, wurde dann aber durch Covid-19 größtenteils ausgebremst. Fünf Jahre war Matthias Lilienthal Intendant der Münchner Kammerspiele. Fünf Jahre, in der ein Teil des Stammpublikums sowie der Münchner Presse auf die Barrikaden ging, aus Protest gegen Lilienthals künstlerischen Kurs. Fünf Jahre, über die hinweg sich dann aber doch Anerkennung, ja sogar Begeisterung einstellten. Den Erfolg zu genießen, blieb Lilienthal und seinem Team wegen der corona-bedingten Theaterschließung allerdings weitgehend verwehrt. Eigentlich sollte es zum Abschied ein über etliche Spielorte in der Stadt verteiltes Theaterspektakel nach dem Roman „Olympia 2666“ von Roberto Bolaño geben. Das aber musste abgesagt werden. Am Samstag gibt es nun immerhin eine Abschiedsperformance im Münchner Olympiastadion.

Es fehlt das Happy End

Wären die fünf Münchner Lilienthal-Jahre ein Fünfakter, welcher Gattung wären sie zuzurechnen? Der Tragödie? Dazu haben sie zu viel Spaß gemacht. Der Komödie? Es fehlt das Happy End. Der Groteske? Manche Diskussionen um das Haus waren bizarr, aber der Leistung dieses Theaters würde die Klassifizierung nicht gerecht. Womit das Entscheidende gesagt ist: Die Münchner Kammerspiele unter Matthias Lilienthal entzogen sich den Kategorien. Zur vollsten Zufriedenheit des Intendanten: "Grundsätzlich finde ich, dass an dem Münchner Projekt die Hybridisierung der Arbeitsformen total aufgegangen ist, also internationale Regisseure, freie Gruppen und Stadttheater einfach zu einem großen Wirrwarr zu führen, der sich gegenseitig in den ästhetischen Möglichkeiten beeinflusst. Und das finde ich auch total super."

Das Problem war, dass Teile des Münchner Publikums dieses Wirrwarr zunächst überhaupt nicht super fanden und sich überrumpelt fühlten. Wären die fünf Münchner Lilienthal-Jahre ein Fünfakter, müsste man daher von einem ersten Akt ohne Exposition sprechen. Also kein behutsames Herantasten.

© Julian Baumann/Münchner Kammerspiele
Bildrechte: Julian Baumann/Münchner Kammerspiele

Harte Zeiten

Der libanesischen Künstler Rabih Mroué inszenierte einen eher spröden Denksport-Abend über das Münchner Olympiaattentat von 1972 unter dem Titel "Ode to Joy", Nicolas Stemann ließ Shakespeares "Kaufmann von Venedig" aussehen wie ein Textflächen-Drama von Elfriede Jelinek. Alexander Giesche steuerte eine Performance mit Staubsauger-Robotern bei. Die ganze Palette unterschiedlicher Ansätze vom Start weg! Es langsamer anzugehen, wäre für Matthias Lilienthal keine Option gewesen: "Meine Erfahrung ist, dass man bei der Intendanz am Anfang was ändern kann. Ich kriege dann ab der zweiten, dritten Spielzeit keine wirklichen Änderungen mehr zustande. Und deswegen muss man, glaube ich, die inhaltliche, ästhetische und formale Richtung am Anfang erst einmal etablieren. Und ich sehe die Dramaturgie und mich dann auch eher als so Chemiker, die versuchen, bestimmte Substanzen aufeinander zuzuführen. Und dann ist man interessiert, was von der Reaktion zustande kommt."

© Martin Argyroglo/Münchner Kammerspiele
Bildrechte: Martin Argyroglo/Münchner Kammerspiele

"Farm Fatale": Bizarre Pastole

Allerdings fanden Lilienthals Chemielaboranten anfangs zu selten die zündende Mischung. Dafür braute sich im Parkett eine explosive Gemengelage zusammen. Als in der zweiten Spielzeit Publikumsliebling Brigitte Hobmeier kündigte, war es da, das "erregende Moment", das ein Drama für den zweiten Akt vorsieht. Lilienthal vergrault großartige Schauspieler und überlässt dilettantischen Performern das Haus, so der Tenor der Empörten, die übersahen, dass es Lilienthal ja gerade um das Aufbrechen solcher überholten Kategorien ging: "Ich bin sehr stolz auf dieses Ensemble, auf das, was wir hier an den Kammerspielen zusammengekriegt haben und die sind Experten geworden, mit sehr verschiedenen Menschen, sehr verschiedenen Kulturen, sehr verschiedenen Sprachen umzugehen und sich da in ein fröhliches Projekt-Wirrwarr rein zu stürzen. Und insofern bin ich stolz auf das beste deutschsprachige Ensemble."

Der dritte Akt brachte die Wende

Tatsächlich ergänzten sich die unterschiedlichsten Darstellungsstrategien und auch Regiesprachen immer besser. In der der dritten Saison zeigte die Formkurve nach oben – doch zu spät. 2018 verkündete Matthias Lilienthal, er stehe nicht für eine Vertragsverlängerung über die anvisierten fünf Jahre hinaus zu Verfügung. Die CSU im Kulturausschuss hätte seine Weiterbeschäftigung ohnehin boykottiert. Der dritte Akt brachte damit zuverlässig die Wende. Aber nicht, wie man hätte befürchten können, hin zur Katastrophe. Denn für Lilienthal war nun klar: Jetzt hatte er nichts mehr zu verlieren.

© Julian Baumann/Münchner Kammerspiele
Bildrechte: Julian Baumann/Münchner Kammerspiele

Blutige Rituale

Im Casino würde man sagen: Lilienthal ging nun "all in" – nämlich mit dem Antiken-Marathon "Dionysos Stadt" von Hausregisseur Christopher Rüping. Volles Risiko: "An einem Theater, das nicht gut besucht ist, einen zehnstündigen Theatertag zu organisieren, das ist etwas, worauf ich zum Beispiel sehr stolz bin." Dieser Mut wurde belohnt: Statt retardierendem Moment im vierten Akt gab es mit "Dionysos Stadt" ein rauschhaftes Theaterfest in Spielzeit vier, dem sich weitere Erfolge anschlossen.

Um nur einige zu nennen: Philippe Quesnes bizarre Pastorale "Farme fatale", Susanne Kennedys "Drei Schwestern"-Installation nach Tschechow, oder Leonie Böhms "Räuberinnen", die Schillers hierarchische Männer-Gang in den Fundus sperrte, um als weibliche Solidargemeinschaft die Bühne zu kapern: "Es gibt ja so ein bisschen dieses Klischee in München. Die Kammerspiele waren die ersten drei Spielzeiten Kacke, und dann fingen sie an, gute Sachen zu machen. Ich finde manche Sachen, die wir in der vierten, fünften Spielzeit gemacht haben, kacke. Und ich finde manche Sachen in den ersten drei Spielzeiten wunderbar."

Corona vereitelte Happy End

So oder so: Das Wirrwarr, von dem Lilienthal als dessen Anstifter so gern spricht, wurde von vielen lange Zeit als schieres Durcheinander wahrgenommen. Und es brauchte fünf Spielzeiten, bis es ausreichend Konturen angenommen hatte, um als das begriffen zu werden, was es eigentlich bedeutete: Diversität nämlich, Vielfalt der Ausdrucksformen, ästhetisch wie kulturell. Als sich diese Erkenntnis endlich durchgesetzt hatte, wäre alles bereit gewesen für ein Happy End im fünften Akt. Aber dann brach Corona wie das krasse Gegenteil eines "Deus ex machina" herein und vereitelte es. Bitter. Matthias Lilienthal versucht, es pragmatisch zu sehen: "Ist doch super, dass man in dem Moment aufhört, wo das Theater durchgesetzt ist."

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