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Störung der Ordnung: für Di Cesare die eigentliche Philosophie | BR24

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Anarchie-Symbol geschmiert auf ein Trafohäuschen

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    Störung der Ordnung: für Di Cesare die eigentliche Philosophie

    In unserer globalisierten Spätmoderne ist alles zur Ware geworden. Daher plädiert die in Rom lehrende Philosophin Donatella Di Cesare in ihrem Buch über die Philosophie für einen radikalen Existenzialismus, der das durchkreuzt.

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    © dpa/ picture alliance / akg

    'Die Schule von Athen' Raffael, 1508-11. Ausschnitt: Mittelgruppe mit Platon und Aristoteles. Fresko. Rom, Vatikan, Stanza della Segnatura.

    Was ist Philosophie? Darauf gibt es bekanntlich sehr verschiedene Antworten unter denen, die sie betreiben. Eine Besonderheit der Disziplin: "Was ist Philosophie?" ist selbst eine philosophische Frage, "Was ist Chemie?" dagegen keine Frage der Chemie – und vermutlich auch keine vergleichbar strittige. Donatella Di Cesare, Professorin für Theoretische Philosophie in Rom, geht ihrem Fach nun in einem schmalen Buch auf den Grund. Ausgangspunkt ist eine eindringliche Beschreibung der Gegenwart: "Es gibt kein Außen mehr. So präsentiert sich das letzte Stadium der Globalisierung. […] Wie kann es in einer Welt ohne Außen noch Philosophie geben? […] Die Flüsse des globalen Netzwerkes beschreiben die immer gleichen Umlaufbahnen und folgen einer Wiederholungsbewegung, die in sich identisch bleibt. […] Alles ändert sich – aber im Grunde ändert sich nichts wirklich. Träg verharrende Veränderung ist das Signum des synchronisierten Globus."

    Die Provokation der Philosophie

    Gegen dieses träge Verharren setzt Di Cesare die seit der Antike beschriebene Beunruhigung durch die Philosophie. Mit Platon sieht sie ihren Ursprung im Staunen, auf Griechisch: thaumazein; ihre Methode in beharrlichem, radikalem Fragen. Die Philosophie betrachtet das Selbstverständliche auf neue Weise, und das kann provozieren: Mit Sokrates tritt die Philosophie in die Welt der polis ein, der städtischen Gemeinschaft – mit seiner Hinrichtung wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend wird sie wieder vertrieben.

    Und eine Fremde bleibt sie auch, wo sie zurückkommt, so Donatella Di Cesare. Sie muss es bleiben: fehl am Platze, ohne festen Ort, "atopisch", im Wortsinn exzentrisch. Folglich lässt sich das, was sie auszeichnet, auch nicht institutionalisieren: Das akademische Geschäft der Philosophie ist für Donatella Di Cesare erkennbar nicht das eigentliche. Ebenso wenig wie eine bestimmte Art politischer Einmischung in der Rolle einer "Pressesprecherin der Demokratie", wie Di Cesare schreibt. Eine intellektuelle Dienstleistung in Reaktion auf die Schrecken des 20. Jahrhunderts: "Hier besitzt sie einen vorsichtig negativen Auftrag, nämlich denjenigen, etwas Kritik zu üben, ein wenig Zweifel zu wecken, kleinere Verstöße und unheilbare Leiden anzuzeigen, sowie eine erklärtermaßen positive Aufgabe: sich für die Verteidigung der Demokratie einzusetzen."

    Habermas und Rorty: Appelle an eine "mittelmäßige Rationalität"

    Gemeint sind damit zum Beispiel Philosophen wie Richard Rorty oder Jürgen Habermas, dessen nachmetaphysisches Denken Di Cesare einen "beflissenen Appell an eine mittelmäßige Rationalität" nennt. Heidegger dagegen, der "Lehrmeister der Geworfenheit und des Ausgesetztseins", habe in seinem "extremen" Denken nach einer Überwindung, Wende und Revolution gesucht – dann allerdings auf die falsche, die "braune" Revolution gesetzt.

    Di Cesare teilt Heideggers Skepsis gegenüber Moderne und Technik, die sie in vehemente Kapitalismuskritik wendet. Die Philosophie kann die global geschlossene Welt der technologischen Spätmoderne, in der alles zur Ware wird, durch ein utopisches Denken des Außerhalb infrage stellen. Und auf die Entfremdung mit einem "radikalen Existenzialismus" reagieren: "Ein neuer Existenzialismus hätte […] das Dasein an seine einzigartige Exzentrizität zu erinnern, ohne die es nur nacktes Leben wäre. […] Ein solcher Existenzialismus spielte eine entscheidende politische Rolle, indem er alle vom Fluss des Kapitals hervorgebrachten und unterhaltenen Formen ontologischer Gleichwertigkeit durchkreuzt."

    Berufung der Philosophie: Anarchie

    Darin liegt nach Donatella Di Cesare die politische Berufung der Philosophie, ihr anarchischer Zug, ihr Potenzial zur "Störung der Ordnung" – fundamentaler gedacht als klassische Kritik oder definierter Dissens. Wie der Unterschied allerdings genau zu verstehen ist, wird nicht ausgeführt. Das kann schlicht am Umfang oder am Genre des Buches als engagiertes Plädoyer liegen, hat aber vermutlich auch mit einer bestimmten Denkmethode zu tun. Di Cesare verteidigt eine Philosophie, die sich in der Nähe der Literatur sieht, in ihrem Text finden sich immer wieder starke Bilder und suggestive Wendungen, etwa wenn sie Heidegger als "Boten einer stadtlosen Gegend" bezeichnet oder die wie Walter Benjamin in die Metropole zurückgekehrte Philosophie dort "umherschleichen" sieht wie einen "gefallenen Engel".

    Die angelsächsische analytische Philosophie, die an der Logik geschult ist und mit möglichst genauen Definitionen und Schlussfolgerungen arbeitet, bedenkt Donatella Di Cesare mit eher polemischem Ton. Es geht ihr nicht um das kleinteilige Auseinanderfieseln von Argumenten, sondern ums Grundsätzliche. Dabei wird jedoch nur mitgehen, wer ihr grundsätzlich schon zustimmt. Gerade für einen Text, der von Philosophie und Politik handelt, ist das problematisch. Ein anregendes, entschiedenes, rhetorisch eindrückliches – aber kein wirklich überzeugendes Buch also.

    Donatella Di Cesare, "Von der politischen Berufung der Philosophie", aus dem Italienischen von Daniel Creutz, 175 Seiten, Matthes & Seitz

    © Matthes und Seitz/ Montage BR

    Cover: Donatella Di Cesare, "Von der politischen Berufung der Philosophie"

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