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Stimmungsmacher in der Krise: Unsere besten Songs 2020 | BR24

© FBudgeron Bach / Pexels

Musik geht immer, auch draußen und allein

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    Stimmungsmacher in der Krise: Unsere besten Songs 2020

    Musik geht immer, auch draußen und allein. Sie kann die Stimmung heben und Kraft geben – gerade in einem Jahr wie diesem. Hier die 10 besten Songs dieses außergewöhnlichen Jahres – ausgewählt von unseren Musik- und Kulturredakteuren.

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    Von
    • Matthias Scherer
    • Markus Mayer
    • Hardy Funk
    • Tobias Ruhland
    • Sabine Gietzelt

    Ebow – "Feuerzeug"

    Es wäre ganz automatisch eine Lüge bei einem Jahr wie 2020 zu behaupten, es gäbe den einen Song, der die letzten 12 Monate zusammenfassen würde. Ebows "Feuerzeug" ist zumindest ein Schlaglicht in meiner Playlist. In den Lyrics zu "Feuerzeug" kommen auch die Zeilen "1312 fick die Polizei" vor. Zwei PoC-Frauen sollen in Wien diesen Song gesungen haben und von der Polizei wegen dieser Zeilen an- und aufgegriffen worden sein. Daraufhin wurde online Geld für die Prozesskosten gesammelt. Unterstützt natürlich auch von Rapperin Ebow. Die Frage, was Kunst "darf", gerade in Bezug auf die Staatsgewalt, war 2020 stark diskutiert worden und auch das Reflektieren von Privilegien und Rassismus war Teil dieser Debatte.

    Ein Tipp von Katja Engelhardt

    Erregung Öffentlicher Erregung – "Langeweile"

    Man kann ja nicht jedes Jahr einen Track von Hayiti aufs Treppchen heben, obgleich sich auf den gleich zwei neuen Alben der Rapperin dieses Jahr wieder einige finden würden. Also diesmal ein Gitarrenrocksong, auch wenn das Genre kaum noch eine Rolle spielt, und zwar einer, der ein Gefühl beschreibt, das durch Smartphones und Social Media in wenigen Jahren recht unbemerkt, dafür umso gründlicher gekillt wurde: In "Langeweile" huldigt die tolle Retro-NDW-Band Erregung Öffentlicher Erregung aus Berlin und Hamburg eben jenem Gefühl und Zeitvertreib. Zu zurückgelehntem Schlagzeug, sanfter Gitarre und leise pfeifender Sixties-Orgel heißt es: "Heut lieg‘ ich nur so rum / Die Stunden sind wie Kaugummi…". Vielleicht hat die Zeit des Lockdowns ja bei einigen wieder zu einem Revival langweiliger Stunden geführt. Falls nicht, empfehle ich mindestens einmal die Woche Handy weg, auf die Couch legen, an die Decke starren und das von vorne bis hinten angenehme Debüt-Album von Erregung Öffentlicher Erregung hören. Oder Hayiti.

    Ein Tipp von Hardy Funk

    Sabrina Francis – "Still Ways to Go"

    Das Album enthält zehn Songs, die in ihrer Reihenfolge getrost als Konzept angesehen werden können: Beginnend mit "I'm Awake", über "Karma Won't Forgive You", "Carry On", "I Feel", "Free","Run" etc. bis hin zu "Inevitable". Nimmt man allein diese Titel und deren Anordnung ernst, so ergibt sich vor der Folie der augenblicklichen Corona-Krise folgendes Bild: Eine junge, stolze, selbstbewusste Frau beschwört, klagt an, gibt beredt Auskunft über: Seelenleben ("What's inside, I really don't know..."), bietet Trotz und Hoffnung ("I carry on... there are still ways to go"). Sabrina Francis stammt aus St. George's, der Hauptstadt des Antillenstaates Grenada, hat mit "I Feel" ihr zweites Album in Eigenregie veröffentlicht und der Titel "Free" signalisiert auch, dass sie jetzt nicht mehr nur "die Backgroundsängerin" von Joss Stone ist. Die Musik ist karibisch, wen wundert‘s? Die Videos kommen wie augenblicklich so vieles als "Homestory" live aus dem Studio oder aus dem Wohnzimmer, aber nah und glaubwürdig authentisch. Da werden keine Licks präsentiert, keine Beauties vorgeführt. Eingefallen ist mir zunächst Marie Daulne und Zap Mama, aber auch Sabine Kabongo oder sogar Oumou Sangaré, die ja auch in diesem Jahr eine neue Platte veröffentlicht hat. Sabrina Francis ist für mich eine der Entdeckungen des Jahres, weil sie trotz Krisenstimmung einen spirituell aufgeladenen und unterfütterten Optimismus verbreiten kann oder mit einem Wort: Zuversicht.

    Ein Tipp von Roland Biswurm

    Master KG & Nomcebo Zikode – "Jerusalema"

    Mit diesem Song hat sich die Welt 2020 wenigstens kurzfristig aus dem Corona-Angstraum getanzt. Im Netz gab es Dance Challenges. Und nur die wenigstens verstanden den Text zur berückenden Melodie. Er ist auf Zulu und heißt übersetzt: "Jerusalem ist meine Heimat. Rette mich! Er ging mit mir. Verlasse mich hier nicht!" Also auch in den Lyrics ein spiritueller Schutz vor Corona.

    Ein Tipp von Stefan Mekiska

    Juana Molina – "Cara de Espejo"

    Juana Molina kommt aus Argentinien und zeigt uns, wie verzerrte Gitarre (oldschool) und verzerrte Stimme (newschool) gut zusammenklingen. Juana Molina ist in den letzten Jahren immer wieder mit überzeugenden Platten voller Ideen herangetreten, hat unerschrocken gezeigt, wie man aus der Not eine Tugend macht, ist etwa auf einem Festival mit Gitarre aufgetreten und ihre Mitmusiker nutzten, was noch auf der Bühne stand, weil das bandeigene Equipment auf der Reise verschollen gegangen war. Seitdem wirkt ihre Musik noch unerschrockener. Juana Molina ist gut im Improvisieren, im Experimentieren und offenbar auch darin, in die Zukunft zu schauen. Ihr diesjähriges Album nannte sie "ANRMAL". Es war auf dem mexikanischen Festival "NRMAL" kurz vor dem ersten Lockdown aufgenommen worden, damals, als alles noch NRMAL schien. ANRML war, dass ein erstes Live-Album von ihr unter diesen Umständen veröffentlicht wurde. "Cara de Espejo" pendelt zwischen Electro- und Gitarrenrock, Ballade und ausuferndem Krautrock-Experiment. Es ist eines von elf Live-Stücken auf dem Album, veredelt mit dem Johlen von Publikum und in ordentlicher Soundqualität.

    Ein Tipp von Sabine Gietzelt

    Janelle Monáe – "Turntables"

    Der Protestsong des Jahres! Janelle Monáe hat endgültig die Schnauze voll von Bigotterie, Gewalt, Machtlosigkeit und führt ihre Community als erhebenden Gospelchor mit wütenden und spitzen Lyrics in die Revolution. Gänsehaut, ihn am Tag der Wahlniederlage von Donald Trump zu hören.

    Ein Tipp von Vanessa Schneider

    Anderson.Paak – "Lockdown"

    Neben Bob Dylans "Murder Most Foul" (Geschichtsunterricht über die Entstehung der Rockmusik) ist "Lockdown" der Song, der die Themen des Jahres benennt: Corona, Black Lives Matter und die US-Wahl. Von Anderson.Paak mit rhythmischer Raffinesse inszeniert: Groove als Geste gemeinsamen Widerstands – das passt!

    Ein Tipp von Markus Mayer

    SAM – "Da wo du herkommst" (feat. Booz, Nura, Chima Ede, Lary, Kelvyn Colt, reezy & Ahzumjot) [REMIX]

    2018 verstarb überraschend der Musiker Samson Wieland, der mit seinem Bruder Chelo in der Band SAM Musik gemacht hatte, im Alter von 27 Jahren. Ein paar seiner Musik-Kollegen und -Kolleginnen schlossen sich dieses Jahr für einen Remix des Songs "Da wo du herkommst" zusammen, der in dieser neuen Version zwei Dinge gleichzeitig tut: Er ehrt die Kunst Wielands und die Erinnerungen, die sein engstes Umfeld an ihn hat – und verhandelt die zahllosen und schmerzhaften Erfahrungen von Alltagsrassismus, die die allesamt Schwarzen Musiker und Musikerinnen in Deutschland gemacht haben. "Da wo du herkommst bin ich perfekt für den Fußballplatz / Aber zu schlecht für die Nachbarschaft", lautet der Refrain dieses eingängigen, dringlichen und liebevollen Songs.

    Ein Tipp von Matthias Scherer

    Theodor Shitstorm – "Tanz die soziale Distanz"

    "Tanz die soziale Distanz" ist für mich der Song des Jahres, weil er den Reim des Jahres beinhaltet: "Lass Dich testen, tanz nach Westen / Tanz nach Osten, tanz den Drosten“. Diese Lockdown-Hymne stammt von der Band Theodor Shitstorm, zu der sich die Singer-Songwriterin Desiree Klaeukens und der Filmemacher Dietrich Brüggemann immer mal wieder zusammentun. Musikalisch ist der Song eine Hommage an Gabi Delgado, den Frontmann der Elektropioniere von DAF, der am 22. März 2020 verstarb.

    Ein Tipp von Tobias Ruhland

    Visit – "It Was Fun While It Lasted"

    Der Schweizer Christian Hänggi hat 2020 neben seiner Doktorarbeit "Pynchon's Sound of Music" auch noch als Produzent ein Album mit vierzehn Songtexten aus den Romanen des Kultautors Thomas Pynchon veröffentlicht: "Now Everybody – Visit Interprets Songs by Thomas Pynchon". Einer dieser Songs ist mein Ohrwurm des Jahres – das liegt am tollen Americana-Arrangement, am Duett der beiden Sänger Tyler Burba und Adam Lakes und unsterblichen Textzeilen wie "It was fun, while it lasted / And it lasted quite a while". Das Album gibt es nur direkt bei den Musikern, bestellbar über deren Website.

    Ein Tipp von Bernhard Jugel

    Fail des Jahres: Die Ärzte – "Woodburger"

    Das Comeback-Album einer der erfolgreichsten und originellsten deutschen Bands aller Zeiten war zwar unterhaltsam, aber textlich oft unausgegoren bis unanhörbar. Das Schlimmste hoben sich Farin Urlaub, Bela B und Rod Gonzalez zum Schluss auf: Im letzten Song "Woodburger" singen Die Ärzte über die AfD und verheben sich dermaßen, dass man sich fragen muss: Wo waren die in den letzten zehn Jahren? Die "Pointe" des Songs sieht so aus, dass sich der augenzwinkernde Protagonist in die Partei einschleust, und sie quasi von innen zerstört – indem er sie "schwul" macht. "Man kann nicht immer nur gegen Arschlöcher singen", singt Farin Urlaub, "Man muss als Gitarrist auch Opfer bringen / Ich trete ein in die AfD, und ich werde schwul (schwul, schwul)". Von einer Band, die mit "Schrei nach Liebe" 1993 einer ganzen Generation eine musikalische Waffe gegen Rechtsextremismus in die Hände gab, hätte man mehr erwarten können als eine an Homophobie grenzende Punchline (Homosexualität als "Opfer bringen") auf Grundschul-Niveau. Schade – und ärgerlich.

    Kein Tipp von Matthias Scherer

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