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"Stillstandsturm": Zwei Journalisten und ihr Corona-Tagebuch | BR24

© Bild: picture alliance/Geisler-Fotopress; Audio: BR

Die Journalisten Stephan Lebert und Ursula März haben sich "Briefe aus dem Lockdown" geschrieben - jetzt erscheint die Korrespondenz in Buchform.

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"Stillstandsturm": Zwei Journalisten und ihr Corona-Tagebuch

"Man hat ja die Aufgabe, die Augen aufzuhalten und zu notieren, was geschieht!", sagt die Journalistin Ursula März. In ihrem Corona-Briefwechsel haben März und ihr Kollege Stephan Lebert genau das getan - als Chronisten einer wilden, unsicheren Zeit.

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"Stillstandsturm. Briefwechsel aus dem Lockdown" – Die Korrespondenz von Ursula März und Stephan Lebert mit Mails aus den Anfängen der Corona-Zeit

Stephan Lebert an Ursula März am Montag, 4. Mai 2020: "Wir schreiben uns jetzt seit dem 17. März, nahezu jeden Tag. Wir wollten auf Sicht fahren. Wollten versuchen, diese immer noch unfassbare Krise einzukreisen. Zu fassen. Zu beobachten. Meinst Du, wir werden irgendwann zu einer Art Fazit kommen?" Ursula März mailt an Stephan Lebert am Mittwoch, 8. April 2020: "Mir ist ein Wort eingefallen, das den augenblicklichen Zustand vielleicht beschreibt: Stillstandsturm. So kommt er mir zumindest vor."

"Stillstandsturm. Briefe aus dem Lockdown", so heißt das soeben erschienene Buch von Ursula März und Stephan Lebert: ein Briefwechsel, den die beiden befreundeten Journalisten im Frühjahr über zwei Monate hinweg geführt haben. Knut Cordsen hat mit Ursula März und Stephan Lebert gesprochen.

Knut Cordsen: Frau März, bei der Ankündigung Ihres Buches war ich skeptisch. Meine erste Reaktion war: Herrje, noch ein Corona-Buch! Sie sind nicht nur Autorin, Sie sind auch Literaturkritikerin. Können Sie diesen ersten Abwehrreflex verstehen?

Ursula März: Ein bisschen ja, natürlich. Das gibt es ja oft bei irgendwelchen historischen Ereignissen, wo ganz viele auf einmal schreiben. Ich muss allerdings als Literaturkritikerin sagen, dass ich mich sehr geärgert habe, als ganz am Anfang von Corona schon im März dieser Hashtag aufkam mit der Forderung an die Schriftsteller: Schreibt jetzt bloß keine Corona-Romane! Das hat für mich etwas zensurartiges. Insofern finde ich, jeder darf schreiben, worüber er will, und wir über Corona.

Sie wollten "einen Faden nach dem anderen spinnen", um am Ende vielleicht ein "wackliges Netz" zu haben, "in dem eine Menge aufgefangen wird, was diese Zeit ausmacht". Ihre Worte, Herr Lebert. War von Anfang an klar, dass daraus ein Buch werden würde?

Stephan Lebert: Nein, das war überhaupt nicht klar. Die Grundidee kam von Ursula März, sie hat mich gefragt. Der Ausgangsgedanke war ja, diese Krise ist so neu. Da ist etwas fundamental Neues, so dass man, wenn man darüber schreibt, jeden Tag eigentlich schon wieder korrigieren müsste, was man da am Vortag geschrieben und gestern gesagt hat. Deshalb dachten wir, wäre das nicht eine Idee, mal wirklich jeden Tag einander zu schreiben. Man kann sich korrigieren, man kann sich vorantasten und dieses Netz spinnen. Der Gedanke ans Buch kam erst viel später auf.

Frau März, Sie schreiben, Ihnen ginge es nicht um eine großspurige Corona-Theorie oder gar –Philosophie, sondern um "Zeugenschaft für später".

Ursula März: Naja, ob ich jetzt die große Corona-Theoretikerin wäre, ist ohnehin die Frage. Wir gingen immer aus von diesem Satz, den Ärzte und Politiker und Virologen sagen: Wir fahren auf Sicht. Ich fragte mich: Was heißt das eigentlich? Wie kann man denn eine Situation beschreiben, in der quasi alles dynamisch und prozessual ist und sich ständig ändern kann? Der Essay schien mir dafür nicht die richtige Form, auch ein bisschen großmäulig. Es gab ja einige Essays oder auch große Interviews mit Philosophen. Alles gut und schön. Aber es kam mir ein bisschen zu groß und zu schnell vor.

"Man hat ja die Aufgabe, die Augen aufzuhalten!"

Dazu kommt, dass ich denke, wenn man sich als Mensch mit dem Beruf des Journalismus in einer Situation begibt, von der man eines weiß, nämlich dass sie vollkommen neu ist und dass sie historisch ist, dann hat man ja die Aufgabe, die Augen aufzuhalten und zu notieren, was geschieht, was man selber denkt, was man erfährt. Es geht mir übrigens selber so: Ich habe das Buch gestern noch mal in der Datei überflogen, und merke, wie ich selber erstaunt bin beim Lesen. Ah, das war Ende März. Das war Anfang April. Dann war das, und das stimmt, das ist ja auch noch passiert. Da finde ich die Zeugenschaft interessanter als die große Philosophie - in diesem Moment. In zehn Jahren sieht es anders aus, hoffe ich.

Ihr Mailwechsel ist schon deshalb so interessant, weil Sie darin genau die Fragen verhandeln, die uns alle bis heute umtreiben: Was macht die Pandemie mit der Gesellschaft, mit jedem einzelnen von uns. Wir alle drehen uns in einem "Stimmungskarussell". "Die dünnhäutige Überreiztheit greift bei allen um sich, es ist der Sekundärvirus", so schreiben Sie’s, Frau März, am 5. April. Ist diese Überreiztheit und Dauerangespanntheit ein bestimmendes Merkmal der Corona-Zeit?

Ursula März: Na ja, schauen Sie sich an, was am Samstag in Berlin geschehen ist. Diese Demonstration hatte den vollkommen verrückten Titel "Tag der Freiheit". 20.000 Menschen in Berlin auf der Straße, in Bussen herangefahren aus anderen deutschen Städten. Und um was ging es eigentlich? Ich bin immer für Demonstrationen, wenn auch im Moment unter den gebotenen Sicherheitsauflagen – und gegen die ging es ja auch in Berlin. 20.000 Menschen politisch jedweder Couleur, die im Grunde nur ihre Unzufriedenheit auf die Straße tragen, ohne auf irgendeinen politischen Nenner gebracht werden zu können. Das kommt mir politisch ziemlich heikel vor. Fast so, als würde man hinter das Minimum der Aufklärung zurückgehen. Dieses Maß an Überreiztheit hätte ich selber vor einem Monat oder fünf Wochen noch nicht vorhergesehen.

© Piper Verlag / Montage: BR

Erschienen Anfang August im Piper Verlag, zu haben für 20 Euro: Das Buch "Stillstandsturm" von Ursula März und Stephan Lebert

Herr Lebert, Ursula März schreibt von der gegenseitigen "Polizeilichkeit", diesem Kontrollblick, ob sich die anderen auch an die die neuen Verhaltensvorschriften halten. Diesen Blick stellt sie erschreckt an sich selbst fest beim Gang durch den Görlitzer Park in Berlin. Ich erinnere mich noch an den 7. April, als die Münchner Polizei twitterte: "Nein, ein Buch auf einer Bank zu lesen, ist nicht erlaubt." Dieses Parkbankleseverbot wurde dann flugs einkassiert von Markus Söder, aber es zeigt ja schon die enorme Unsicherheit auf allen Seiten, auch auf Seiten der Ordnungshüter.

Stephan Lebert: Ja, und diese Unsicherheit ist ein ganz wichtiger Punkt, der sich bis heute immer weiter fortsetzt. Das ist auch einer der Fäden, die wir versucht haben zu spinnen. Im Grunde genommen geht es ja seit Beginn von Corona bis heute auch darum, Dinge zu vermeiden. Man soll bestimmte Dinge nicht tun. Zu Recht, aber ich glaube, und so habe ich es auch in der Psychologie gelernt, immer Vermeiden ist eine gefährliche Sache, weil so Ängste entstehen. Ich bin in Berlin am Samstag da zufällig vorbeigefahren bei dieser Demonstration, und das war eine Mischung aus Angst, auch Verzweiflung zum Teil, die dann so pubertär überspielt wird. Aber natürlich verlieren Menschen gerade ihre Existenz und schlagen irgendwie Alarm. Dieses Prinzip der Vermeidung, unter dem wir jetzt schon Monate leben, da bin ich mal gespannt, wie das weitergeht.

"Frauen machen halt manchmal nicht so viel Gewese"

Sie denken ja auch darüber nach, wer in dieser Krise die bestimmenden Personen sind, die handelnden Personen und kommen schnell drauf: "Das Personal des Corona-Managements ist weitgehend männlich." Bei den Virologen: Christian Drosten und sein ewiger Kombattant Alexander Kekulé. In der Politik ist es die omnipräsente Trias Söder, Laschet, Spahn. Corona, aber als Krönungsmesse für Kanzlerkandidaten?

Stephan Lebert: Ja, bis vor kurzem hat man das gedacht, weil man ja so ein bisschen die Hoffnung hatte, dass das jetzt vorbei ist. Das ging so etwa bis vor zwei Wochen. Söder hat ja auch schon gesagt, Kanzler könne nur einer werden, der die Krise meistern konnte und meinte dabei vor allem sich. Wenn die Krise jetzt wieder weitergeht, werden die Karten neu gemischt. Deshalb kann man da auch überhaupt nichts voraussagen. Söder kann in eine Situation geraten, wo man am Ende sagt: Nee, den will man auf gar keinen Fall. Es ist alles im Fluss.

Ursula März: Es kann Söder auch das passieren, was Laschet mit diesem furchtbaren Ausbruch bei Tönnies in Nordrhein-Westfalen passiert ist. Plötzlich steht man wie jemand da, der Krise absolut nicht kann. Wir wissen nicht, wie es in Bayern weitergeht, auch jetzt mit dem neuen Ausbruch in der Konservenfabrik in Mamming. Das Fahren auf Sicht ist auch politisch, glaube ich, doch die richtige Devise.

Auch die Großdenker der Corona-Deutung sind Männer, Frau März: Giorgio Agamben, Slavoj Žižek, Peter Sloterdijk. Sie spotten sehr schön: "Die Großdenker fühlen sich verpflichtet, Großes zu sagen, obwohl das momentan noch niemand wirklich kann. Im Kern sagen sie: Die Welt wird nach Corona eine andere sein. Da wäre man auch so drauf gekommen." Nervt Sie die intellektuelle Präpotenz?

Ursula März: Nein, überhaupt nicht. Da bin ich die Ruhe selbst. Warten wir mal zwei, drei Jahre ab. Dann erscheinen ein paar sehr gute, intellektuell weiterführende Bücher von unseren brillanten Denkerinnen. Ganz einfach. Es ist so, und das spielt in unseren Briefwechsel auch eine Rolle, dass das Corona-Krisenpersonal ein sehr männliches ist. Frauen machen halt manchmal nicht so viel Gewese. Manuela Schwesig zum Beispiel hat doch eine glänzende Rolle gespielt in der Corona-Krise. Politisch und persönlich. Das bleibt schon in Erinnerung, Ihre große Stunde kommt noch.

Kaum verwunderlich, geht es bei Ihnen auch mal um Anekdoten aus dem literarischen Leben. Mit Peter Handke ist die eine mal Schwimmen gewesen, der andere ist ihm im Restaurant begegnet, aber es geht auch um ganz triviale Dinge, nämlich das Schauen von "Let’s Dance" oder die Sehnsucht, mal wieder auf die Galopprennbahn zu gehen und Pferdewetten abzuschließen. Und es geht um sehr intime Dinge, um das Verhältnis zum Ziehsohn, der gerade Abi macht, um die eigene Therapie, um die Frage, wie man den Vater der heute 24-jährigen Tochter kennengelernt hat. Keine Scheu gehabt, das einem breiten Publikum mitzuteilen?

Ursula März: Die Idee, aus dem Briefwechsel ein Buch zu machen und damit ein breiteres Publikum überhaupt ins Spiel zu bringen, ist ja erst nach vier Wochen des Schreibens aufgetaucht. Und da fanden wir es beide doch sehr wichtig, jetzt nicht plötzlich sozusagen klammer, ängstlicher und ‚offizieller‘ zu schreiben als vorher. Mir ist ein anderer Unterschied bei so einem Briefwechsel wichtig. Der Unterschied zwischen dem Persönlichen und dem Privaten. Privat hieße, wenn ich schreiben würde: ‚Heute war jener Freund oder jene Freundin bei mir in der Wohnung und die nerven mich. Die nerven mich schon immer.‘

Menschen, die das vielleicht nicht lesen wollen, müssten das dann in einem Buch lesen. Darum geht es nicht. Stephan Lebert und ich haben versucht, da offen zu sein, wo nur ich mich angreifbar mache, wo nur ich mich ungeschützt zeige. Eine gewisse Ungeschütztheit im Persönlichen, finde ich, gehört genau zu diesem Briefwechsel, denn das Besondere am Corona-Virus, an dem man sich dadurch infiziert, dass man atmet, ist die furchtbare Ungeschütztheit. Das Gefühl, wir sind dem so ausgeliefert. Ohne zu atmen können wir nicht leben. Und diese persönliche Ungeschütztheit ist ein wichtiger Faktor bei dem Buch.

© Ulrich Baumgarten/picture alliance

"Eine gewisse Ungeschütztheit im Persönlichen, finde ich, gehört genau zu diesem Briefwechsel" - Ursula März, Literaturkritikerin und Autorin

Stephan Lebert: Ich finde auch, diese Corona-Zeit war oder ist so uns alle erschütternd, dass es mir gar nicht möglich gewesen wäre, nicht sehr persönlich zu werden. Man stellt sich auch die großen Fragen. Man fragt sich einfach zwangsläufig in solchen Momenten, was im eigenen Leben gelaufen ist und wie es jetzt läuft.

Herr Lebert, Sie schreiben schon am 6. Mai: "Ich glaube auch, dass sich gerade etwas Ungutes zusammenbraut, eine neue Welle der Wutbürger baut sich auf." Frau März, Sie schreiben am 12. Mai: "Die eigentlichen Mühen der Ebene, das wird mir von Tag zu Tag klarer, liegen noch vor uns... Der eigentliche Stresstest der Vernunft fängt erst jetzt an." Wenn man aufs Wochenende sieht und zehntausende Demonstranten, die glauben "Das Ende der Pandemie" herbeiskandieren zu können, sieht’s da eher nicht so gut aus, oder?

Ursula März: Was diesen Satz mit dem uns noch bevorstehenden eigentlichen Stresstest der Vernunft anbetrifft, wage ich mal zu behaupten, dass ich damit nicht falsch lag, als ich das vor zwei Monaten schrieb. Schauen wir doch noch mal zurück auf den März, als wir die Fernsehbilder gesehen haben von den entsetzlichen Situationen im Elsass und im nördlichen Italien. Damals war es leicht, dem Verstand zu sagen: Wir brauchen einen Shutdown. Wir müssen zu Hause bleiben. Die Kinder können nicht in die Schule, die Geschäfte müssten zumachen. Das war völlig klar, das war eine Situation, in der man all diese Maßnahmen und Entscheidungen leicht eingesehen hat. Jetzt wird es schwieriger – für alle. Das ist jetzt ein Stresstest der Vernunft nicht nur für jeden Einzelnen von uns, sondern auch für die Politik: zu wissen, dass wir uns wirtschaftlich vielleicht wirklich keinen zweiten Shutdown leisten können. Die Fallzahlen gehen gerade wieder hoch. Die Schulen machen auf. Ich finde das eine unglaublich wacklige Situation, in der jeder mit sich und seiner Ratio doch haushalten muss. Und ich glaube, das wird uns weit in den Winter begleiten.

"Stillstandsturm. Briefe aus dem Lockdown" von Ursula März und Stephan Lebert ist im Piper Verlag erschienen und kostet 20 Euro.

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